#seeschlachtplag, erster Durchgang

Die bisherigen Ereignisse, Anschuldigungen und Reaktionen zum möglichen Plagiatsfall um “Große Seeschlachten” von Arne Karsten und Olaf B. Rader sind gut zusammengefasst im wp:kurier und, natürlich, bei Erbloggtes.

Ich habe das Buch heute morgen in der UB Heidelberg ausgeliehen und gerade, ausgehend vom ersten Befund bei Erbloggtes, nur jene Bilder angesehen, die im Abbildungsverzeichnis als aus dem “Archiv der Autoren” ausgewiesen werden. Die hier dargestellten Ergebnisse sollen ausdrücklich keine Wertung und kein Urteil beinhalten. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass viele Abbildungen historischer Ereignisse und Personen aus Büchern auch in der Wikipedia erscheinen, genau wie im vorliegenden Werk. Es würde auch keinen Sinn machen sich absichtlich ein anderes Abbild eines Schiffes zu suchen, nur weil dieses auch im Wikipedia-Artikel verwendet wird.

Von den 17 Abbildungen aus dem “Archiv der Autoren” befinden sich also 13 auch in Wikipedia und Wikimedia Commons. Interessant ist sicherlich der Fall von Seite 31, der einen glasklaren Verstoß gegen das Urheberrecht wahrscheinlich macht: Die erforderliche Namensnennung zur Veröffentlichung des Fotos wurde nicht eingehalten, wodurch in diesem Fall die kostenfreie Lizenz erlischt.

Ähnlich, wenn auch nicht rechtlich greifbar, verhält es sich mit dem Fall von Seite 53, einer Abbildung der Schlangensäule. Das Bild wurde von seinem Urheber in die Public Domain entlassen und ist damit lizenzkostenfrei zu nutzen. Eine Nennung der Herkunft des Bildes wäre aber, zumindest meiner bescheidenen Doktorandenmeinung nach, wissenschaftlich redlich gewesen.

Einen mir unklaren Fall stellt die Seite 319 dar. Das Bild ist meines Erachtens selbst gemeinfrei, allerdings unter der Creative Commons-Lizenz cc-by-sa mit Namensnennung “Collection of P.H. Proctor” online gestellt. In jedem Fall ist es nicht einleuchtend warum für die meisten anderen Bilder “ihre” Museen und Archive eigens angegeben werden, in diesem Falle allerdings nicht.

Es wird bei den Reproduktionen nicht nachweisbar sein, dass diese aus der Wikipedia übernommen wurden, und es ist auch nicht entscheidend. Es gibt aber Hinweise: Das Bild auf Seite 168 hat in Buch wie Wikipedia den identischen, quadratischen Ausschnitt, den ich (ohne jeden Beleg) nicht für den Originalausschnitt halte.

Dies fürs erste. Für eine Migration der Arbeit auf eine andere Plattform bin ich gerne zu haben.

Ohne dass die Russen kommen

Das Wort “Kampagnenjournalismus” wird für gewöhnlich nicht als Kompliment aufgefasst, im Axel-Springer-Verlag hingegen versucht man derzeit mit aller Macht den “Petitionsjournalismus” zu etablieren: Die Panzer des Sowjetischen Ehrenmals am Berliner Tiergarten sollen entfernt werden. Kurioserweise scheinen sich die Petenten nicht an den ebenfalls dort aufgestellten Kanonen zu stören, jedenfalls werden diese nirgendwo erwähnt. Vielleicht, weil man sie von der Straße aus nicht so gut sieht und Springers Schreiber selten so weit weg vom Brandenburger Tor ihr Taxi verlassen.

Tatsächlich sind Springer-Journalisten begnadete Kampagnenfahrer, und so meldet sich mittlerweile immerhin die C- bis D-Klasse der deutschen Politik, Kunst und sonstiger Öffentlichkeit und unterstützt das Vorhaben. Rhetorisch und argumentativ bewegen sich dabei viele Vertreter eines panzerfreien Tiergartens unterhalb der Nachweisgrenze. (Link auf bild.de)So lässt sich der Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, wie folgt zitieren:

Ich habe noch nie verstanden, warum man ausgerechnet mit Panzern der Opfer eines Krieges gedenkt.

Gerade als Leiter einer Berliner Gedenkstätte sollte Knabe allerdings wissen, dass dies überhaupt kein Denkmal für die Opfer des Krieges ist, sondern eines für die im Kampf gegen das Dritte Reich gefallenen Soldaten der Roten Armee. Das ist ein gewichtiger Unterschied, denn er entscheidet zwischen einer diffusen Ausrichtung (denn Opfer des Krieges können tatsächlich auch überzeugte Pazifisten geworden sein) und einer klar umrissenen Gruppe von Menschen, von denen einige tausend sogar an genau dem Platz des nun kritisierten Mahnmals begraben sind. Wir sprechen hier also nicht nur nicht von einem “Gedenken an die Opfer des Krieges”, sondern von einem Soldatenfriedhof, auf dem über 2.000 Menschen liegen, die ihr Leben für den Kampf gegen Nazideutschland gegeben haben.

Erika Steinbach, die ich eigentlich zur Rettung meines Blutdrucks aus meinen Gedanken verbannen wollte hingegen sieht endlich ihre Zeit gekommen:

Ich habe mich immer schon sehr über die beiden Panzer in der Nähe des Brandenburger Tors geärgert. Es spricht kein Friedenswille daraus. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, diese Zeichen eines grausamen Krieges zu beseitigen.

Tatsächlich sind diese Panzer unfreiwilligerweise ein Symbol des Friedens. Wie sonst wäre es möglich gewesen dass sie, obwohl im britischen Sektor (West-)Berlins stehend, noch bis nach dem Mauerfall von sowjetischen Soldaten bewacht wurden? Und darüber hinaus: Warum sollte es ausgerechnet an der Sowjetunion gewesen sein, Friedenswillen zu bekunden? Nur dadurch, dass die Sowjetunion, England, die USA und viele andere Nationen letzten Endes keinen Friedenswillen mehr hatten, wurden der deutsche Vernichtungs- und Territorialkrieg wie auch der Holocaust gestoppt. Denn Erika Steinbach sagt ganz richtig, dass dies ein “grausamer Krieg” war, doch sie verschweigt, wer Schuld an dieser Grausamkeit und diesem Krieg trug, ganz so wie sie gerne verschweigt was ursächlich für die Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg war.

Zu Charly Körbel ist tatsächlich kaum noch etwas zu sagen. Hat dem armen Mann jemand gesagt, dass die T-34 nicht mehr fahr- und kampftüchtig sind, bevor er sich so zitieren ließ?

Ich unterschreibe, weil ich solche Aktionen mit Panzern in Deutschland nicht sehen will

Militaristische Töne ähnlicher Art schlägt CSU-Bundestagshinterbänkler Hans Michelbach an:

„Ich unterstütze die Petition , denn Panzer aus der Zeit der Sowjetunion haben vor dem Brandenburger Tor nichts zu suchen. Das zeigt das russische Verhalten in der Ukraine.“

Michelbach verlässt an dieser Stelle mit voller Kraft das Raum-Zeit-Kontinuum: Weder erklärt er, was Panzer der Sowjetunion mit Russland zu tun haben, noch was Brandenburger Tor und Ukraine verbindet. Tatsächlich versucht er hier eine politisch-historische Kontinuität zwischen Sowjetunion und Russland herzustellen, die er, auf Deutschland angewendet, sicherlich empört zurückweisen würde. Denn wenn Handlungen der Gegenwart ein Urteil über die Vergangenheit ermöglichen, dann müsste dies andersherum auch funktionieren, und dann dürften wir keinen deutschen Soldaten mit irgendwelchen Ehren begraben. Das kann Michelbach sicher nicht wollen.

Mike Mohring, CDU-Fraktionsvorsitzender aus Thüringen versucht sich an einer zukunftsorientierten Geschichtsdeutung:

Panzer sind Symbole von Krieg, Gewalt und Leid. Im 21. Jahrhundert löst man Probleme nicht mit Waffengewalt und militärischer Macht. Das Brandenburger Tor in unmittelbarer Nähe erinnert an die deutsche Teilung und Wiedervereinigung Europas in Frieden zugleich. Panzer haben da nichts mehr zu suchen

Es ist nicht verständlich, wie Mohring die sowjetischen Panzer des Zweiten Weltkriegs mit den internationalen Beziehungen des 21. Jahrhunderts zusammenbringt. Tatsächlich bringt er mit der Symbolkraft des Brandenburger Tores einen guten Gedanken ein, er denkt ihn nur nicht zu Ende. Denn wenn wir das Gedenken an den Krieg völlig entkernen und nationalisieren, dann werden wir vergessen, warum Europa als friedliches Projekt überhaupt angegangen wurde: Damit ein solcher Krieg und die Toten der Roten Armee überhaupt nicht mehr notwendig würden.

Michael Fischer, Leipziger Künstler, formuliert hingegen knackig:

Die Botschaft des Blutvergießens brauchen wir nicht.

Auch hier werden Ursache und Wirkung verwechselt: Die sowjetischen Panzer sind nicht das Symbol des Blutvergießens, sie sind Symbol von dessen Ende. Die Botschaft dieser Panzer hat nichts mit Angriffskrieg oder Landgewinnung zu tun, sie steht für den Sieg der Welt gegen den Faschismus.

Am Ausgewogensten ist tatsächlich die Stimme des Münchner Stadtrats Marian Offman:

Als jüdischer Deutscher bin ich dankbar für die Befreiung von der Nazi-Diktatur, doch sind Panzer am Ehrenmal heutzutage nicht mehr zeitgemäß.

Natürlich sind Panzer nicht besonders zeitgemäß. Das ganze Denkmal wirkt wie aus der Zeit gefallen, aber tatsächlich ist es das ja auch, und es ist ja auch der Sinn eines Denkmals. Wenn wir Denkmäler alle zwanzig Jahre turnusmäßig auf ihre Zeitmäßigkeit prüfen würden, dann hätten wir längst die Sieges-Quadriga auf dem Brandenburger Tor einschmelzen lassen, wir hätten das verschwendungssüchtige Sanssouci in einen Parkplatz umgewandelt und das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald gesprengt.

Doch es kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: Die inszenierte Empörung, die die aktuelle russische Außenpolitik mit der Roten Armee verknüpft, spielt ihr Instrument in einem neuen Narrativ der guten Deutschen, das aus unserer Gegenwart versucht wie Efeu in die Vergangenheit zu wuchern, sich festzusetzen und aus Geschichte Geschichtspolitik zu machen. Tatsache ist: Das Sowjetische Ehrenmal wurde nach dem Sieg der Welt über das faschistische Deutschland gebaut, unter den Bedingungen der Sieger, und es steht nur für diesen Sieg und die Opfer, die für diesen Sieg erbracht wurden. Es steht damit nicht im Kontext der realsozialistischen Unterdrückung in der DDR, und es steht erst Recht nicht im Kontext einer nichtsowjetischen Außenpolitik Wladimir Putins. Es steht einzig und allein dafür, dass über 80.000 Rotarmisten im Kampf um Berlin starben. Es soll hier nicht um die Aufrechnung von Opferzahlen gehen, aber die ausbleibende Empörung, obwohl es um mehr als drei Mal so viele Tote wie bei der Bombardierung Dresdens geht, ist bezeichnend.

Man kann das Denkmal ästhetisch abstoßend finden, und tatsächlich funktioniert es am besten, wenn man aus der Ansicht von Panzern und Kanonen eine Abscheu gegenüber Krieg entwickelt. Doch auch wenn wir mittlerweile die vierte und fünfte Nachkriegsgeneration erleben, steht es uns nicht zu, den Alliierten des Zweiten Weltkrieges Vorschriften über die Ehrung ihrer Toten und die Gestaltung ihrer Friedhöfe zu machen.

Von links-grünen Siegern geschrieben

Die ersten Wochen des Jahres 2014 erleben eine für unsere Zeit eher ungewöhnliche Häufung von scharfen Aushandlungsprozessen. Dabei geht es um eine Vielzahl unterschiedlicher gesellschaftlicher Normen, gleichermaßen in politischer wie moralischer Dimension. Egal ob die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen, der Umgang mit rechtsstaatlichen Normen, die Asylpolitik oder der Konflikt über Einzelphänomene der deutschen Geschichte, von überall erscheinen mehr oder minder hilfreiche Texte und Wortmeldungen in Feuilletons, Talksendungen, Blogs und allem anderen, auf das man Worte binden kann.

Dabei verlaufen die Fronten manchmal quer, so bei der Nichtdiskriminierung von Homosexuellen, die auch von rechts oft angemahnt wird, solange der Gegner eher nicht zum gleichen Gottesdienst geht. Aber überraschenderweise bieten sich ansonsten zur Kategorisierung oft wieder die Links-Rechts-Schemata an, die wir noch vor wenigen Jahren in die unausgelastete Müllverbrennungsanlage der Geschichte geworfen hatten. Dabei korrelieren sie oft mit dem Alter der Autoren, wie auch Matthias Matussek zu betonen nicht müde wurde.

Ein Vorwurf, den zahlreiche Vertreter des “Weiter so” bzw. “So wie früher” ins Feld führen, angeführt vom munter sein Geld zählenden Steuergeldverjubler Sarrazin, ist die Unterdrückung ihrer legitimen Meinung durch wahlweise Lobbyisten, Medienkartelle, obskure Kreise im Hintergrund oder, wenn kein greifbareres Subjekt zur Hand, den Zeitgeist. Auf die Absurdität, einen Meinungsfreiheitsmangel zu attestieren wenn diese Äußerungen in Hunderttausenderauflagen und Millionenquotensendungen verbreitet werden, ist zur Genüge hingewiesen worden. Auch darauf, dass, wer sich äußert, mit Gegenwind rechnen muss, was nichts mit Verboten oder “Linksfaschismus” zu tun hat. Als die Piratin Anne Helm über Tage wegen einer reichlich unspektakulären Aktion Beleidigungen und Morddrohungen über sich ergehen lassen musste, die über den Gegenwind für Sarrazin, Grass, Matussek und co weit hinaus gingen, meldete sich merkwürdigerweise kaum einer der üblichen Verteidiger der Meinungsfreiheit zu Wort.

Doch zurück zur “Unterdrückung” der nicht dem “links-grünen Mainstream” entsprechenden Meinungen. Die so Lamentierenden, im Moment politisch besonders gerne rund um die “Alternative für Deutschland” gruppiert, sehen sich von einer falsch verstandenen Toleranz (oder gar Akzeptanz) für Minderheiten in ihrer Mehrheit des üblichen weißen, heterosexuellen, auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik geborenen Mannes unterdrückt. Häufig verbirgt sich das hinter dem Bekenntnis, nichts gegen [Minderheit] zu haben, aber die ehemals bestehende Diskriminierung wäre ja längst behoben. Rufe nach einer vollständigen Gleichstellung oder schlicht einer menschenwürdigen Behandlung auch innerhalb der schon länger hergestellten Legalität dagegen sehen sie als Beraubung ihrer eigenen Rechte an, obwohl diese Rechte nur auf andere ausgeweitet werden sollen.

Da es sich als vermeintlich unterdrückte Minderheit in einer Demokratie moralisch leichter argumentieren lässt (das funktioniert so ähnlich wie bei Oppositionsparteien im Parlament), bekennen sich diese Mehrheitsmenschen also zu einer Position, die nicht dem Zeitgeist entspricht und machen sich in dieser selbstkreierten Opferposition zum Streiter für das Wahre, Gute, Schöne. Rebellen mag man ja schon im Film lieber als Imperien.

Angefangen hat diese Entwicklung mit der Wahl der ersten rot-grünen Bundesregierung im Jahr 1998. Das Narrativ der “Regierung der Alt-68er”, das auch nur bedingt den Tatsachen entsprach, machte bald die Runde und führte ja auch zu Dingen wie der “Homo-Ehe” und weiterem. Nach 16 Jahren geistig-moralischem Wendestillstand unter Kohl bewegte sich etwas, und für viele, die vor Kohl eher auch schon Strauß wählen durften, bewegte es sich zu schnell. So entstand, spätestens nach der Abwahl Schröders 2005, die Idee eines “linksgrünen Tugendterrors”, der in Gestalt von “Gutmenschen” wahlweise alles gleich- oder auch falsch machen wollte. Und nun stehen wir im Jahr 2014 und müssen tatsächlich darüber diskutieren, ob Homosexuelle Menschen und Bürger zweiter Klasse sind, weil sie in einem Wesensmerkmal anders geboren wurden als die meisten anderen. Wir müssen darüber diskutieren, ob Frauen ein Recht darauf haben, souverän und ohne Diskriminierung über ihren Körper zu entscheiden, bevor auch nur eine einzige Zelle zukünftigen Lebens entstanden ist. Wir müssen darüber diskutieren, ob wir Menschen helfen wollen, die aus Flucht vor einem maßgeblich durch historisches europäisches Handeln entstandenen Elend zu Dutzenden im Mittelmeer ertrinken.

Wir haben gedacht, wir wären weiter, aber offensichtlich wurden dabei größere Kuchenstücke unserer Gesellschaft nicht mitgenommen. Aber, liebe Sarrazin-Fans, Matussek-Aficionados und Lucke-Wähler, wir “Linksgrünen”, die wir oft überhaupt nichts mit der Linken, der SPD oder den Grünen zu tun haben wollen, wir sind keine meinungsunterdrückende Supermacht, keine Diskurspolizei und kein sprachlicher Lynchmob. Wir haben eine eigene Meinung, jeder seine eigene, und jetzt kommt’s:

Vielleicht haben wir einfach Recht.

Vielleicht haben wir früher als ihr verstanden, dass eine demokratische Gesellschaft nur funktionieren kann, wenn alle die selben Rechte und Pflichten haben. Dass Ausgrenzung von Minderheiten nicht zu einer funktionierenden gesellschaftlichen Mehrheit, sondern nur zu immer größerer Ungleichheit und damit zu Unfrieden führt. Dass Freiheit dort endet, wo sie einem anderen schadet und nicht dort, wo sie einen anderen ekelt oder seiner Vorstellung eines normalen Lebens nicht entspricht.

Wir haben alle in einzelnen Dingen unterschiedliche Überzeugungen des besten Weges, aber wir brauchen Grundfesten, eine Basis, auf der sie entstehen. “68″ hat nicht gewonnen, und unsere Geschichte wird nicht von den Siegern geschrieben. Wir hängen nicht an einem totalitären Tugendideal, sondern an der Vernunft.

Eine heikle Abwägungsfrage

Vorbemerkung: Dieser Beitrag liegt in Grundzügen schon seit einigen Tagen herum. Ich hoffe dass er nicht den Eindruck erweckt dass ich irgendetwas von dem, was Sebastian Edathy angelastet wird, gutheiße oder gleichgültig beobachte, oder dass ich irgendein Verständnis für pädophile Handlungen aller Art habe.

Twitter-User @DasDaz will, dass ich in den Knast gehe. Und mit dieser Meinung ist er nicht allein. Tatsächlich dürfte dieses Statement in Deutschland absolut mehrheitsfähig sein. Es wäre meiner Meinung nach an der Zeit, mit etwas weniger Aufregung auf den Fall Edathy zu blicken und zu überlegen, in was für einer Gesellschaft und in welcher Beziehung zu Kindern wir überhaupt leben wollen.

Die erste Frage danach, warum Nacktfotos von Kindern zu besitzen überhaupt erlaubt ist, beantwortet sich leicht. Mein Sohn ist nun knapp über vier Monate alt, auf meinem Handy und in meiner Dropbox befinden sich gut und gerne einhundert Nacktfotos von ihm Fotos von ihm, auf denen er nackt ist. Diese habe ich teilweise weitergeleitet, per Mail und What’s App, an Familie und Freunde, welche diese Bilder teilweise (mit meinem Einverständnis) wiederum weitergeleitet haben. Unter den Empfängern sind damit Menschen, die ich seit Jahren nicht gesehen habe.

Die Entgegnung der Strafgesetzverschärfungsbefürworter liegt auf der Hand: Eigene Kinder sind davon natürlich auszunehmen, und die Verbreitung an Familienmitglieder und Freunde selbstverständlich auch. Das allein ist rechtlich schon nahezu unmöglich zu fassen – wie definiert man Freundschaften? Und wären nicht die schrecklichen Fälle von Eltern, die Fotos mit voller Absicht an Pädophile weiterleiten (ein Beispiel für eine solche soziale Situation sei dabei der Sänger der lostprophets) damit überhaupt nicht zu fassen?

Der nächste Vorschlag der Verschärfer wäre daher die gewerbliche Verbreitung solcher Fotos. Wohlgemerkt, hier geht es ausschließlich um Nacktaufnahmen ohne irgendeine sexuelle Handlung. Kinderpornographie ist völlig zu Recht und umissverständlich verboten, nicht nur die Herstellung und Verbreitung sondern auch Bezug, Speicherung, sogar reines Ansehen. Das zu legalisieren fordert niemand ernsthaft und vor allem öffentlich.

Doch auch die gewerbliche Verbreitung würde bestehende, harmlose Handlungen illegalisieren. Ein erstes Beispiel hierfür wären Verfilmungen von Büchern der rundum beliebten Schriftstellerin Astrid Lindgren. In “Madita” sind desöfteren zwei Mädchen unter zehn Jahren splitterfasernackt zu sehen, sie hüpfen durchs Haus und toben auf ihren Betten – also Dinge, die Kinder nun mal tun. Wir besitzen diese DVD. Würde das Gesetz nach den aktuellen Forderungen verschärft, müssten wir die Aufnahme vernichten oder bei der Polizei abgeben. Ein medialer Bestandteil meiner Kindheit würde für immer vernichtet.

Sicher, die Vorstellung dass Pädophile diesen Film als Erregungsmaterial benutzen ekelt mich auch, sie ist widerlich. Aber müssen wir der Sexualisierung von Kindern durch Pädophile eine eigene Sexualisierung entgegensetzen? Wir würden damit eine Vielzahl von guten, begründeten Rechten einschränken. Wie sollten denn Historiker noch Bilder in Büchern über Hippiekultur und Hippiefamilien unterbringen?

Ich würde mir auch wünschen, dass Pädophile überhaupt kein Material mehr bekommen. Ich würde mir wünschen, dass es überhaupt keine Kinderpornographie mehr gibt und auch keine Lücken im Recht, wie sie mutmaßlich Sebastian Edathy genutzt hat. Aber wir müssen wohl oder übel akzeptieren, dass der Rechtsstaat nicht alles fassen kann, was moralisch geboten ist. Mir fallen selbst nach langem Überlegen, und dieser Beitrag ruht schon einige Tage, keine juristisch formulierbaren Kriterien ein, nach denen man die anscheinend bestellten Bilder verbieten könnte, ohne die oben genannten Beispiele mit zu illegalisieren. Wir haben es hier mit einer mehrfachen Abwägungsfrage zu tun: Möchten wir zugunsten der Opfer von Posingfoto-Produzenten1 auf Kunst-, Wissenschafts- und Pressefreiheit verzichten? Und möchten wir, weil es Menschen gibt, die sich daran sexuell erregen, die Natürlichkeit und Unsexualität eines nackten Kindes aufgeben, um uns im negativierten Sinne der Sexualisierung dieses Kindes anzuschließen?

Der meiner Meinung nach richtige Weg wäre nicht, bei den Bildern selbst anzusetzen, sondern bei den Produzenten und den Produktionsumständen. Wer Kinder zu solchen Aufnahmen zwingt, drängt oder ihre Schutzlosigkeit ausnutzt, der gehört ins Gefängnis. Wer solche Aufnahmen heimlich, so am vielzitierten FKK-Strand, anfertigt, muss mit Strafverfolgung rechnen müssen. Wer als Eltern seine Kinder für solche Dinge zur Verfügung stellt ebenfalls. Ich bin kein Jurist, aber ich glaube das all dies schon jetzt geltendes Recht ist. Und das sollten wir mit aller Unnachgiebigkeit anwenden. Dann wäre allen mehr geholfen.

  1. Ich finde dieses Wort übrigens ganz schrecklich. Posing hat nichts mit Nacktheit oder (Soft-)Pornographie zu tun. Außerdem klingt es harmloser, als es tatsächlich ist. []

Struktur und Methode: Das Problem mit @1914Tweets

Ein Vorwort: Ich habe einige Tage überlegt, ob ich diesen Post überhaupt verfassen soll. Mein Unbehagen über die bisherige Aktivität des Twitter-Accounts @1914Tweets konnte ich recht schnell in Worte fassen, befürchtete aber, es könnte mir als “Vorgänger” als Missgunst ausgelegt werden. Eher ist das Gegenteil der Fall. Wir von @9Nov38 haben  das Format nicht erfunden und haben das nie behauptet, und ich persönlich würde mir wünschen, dass es weiterentwickelt wird und Interesse an historischen Phänomenen und Arbeitsweisen auch über mein Spezialisierungsgebiet hinweg weckt. Bei @1914Tweets sehe ich dieses Potenzial in der derzeitigen Ausgestaltung nicht und halte es, sollte das Konzept so beibehalten werden, für kontraproduktiv. Man lege mir diesen Post also nicht als Nachtreten, sondern als konstruktiven Verbesserungsvorschlag aus.

In den späteren Stunden des 1. Januar 2014 machte erstmals, über Retweets und Empfehlungen, der Twitter-Account @1914Tweets seine Runde durch meine Timeline. Verwunderlich war das nicht, schließlich hatte spätestens mit dem Sachbuch-Hype um Christopher Clarks Schlafwandler das Hypertoniegedenkjahr um den Anfang des Ersten Weltkriegs begonnen. Dazu kam der bis dato in Deutschland so nicht gekannte Erfolg von @9Nov38 als Twitter-Public History, womit das Thema “Geschichte in Tweets” auch mediale Präsenz bekam.  Um ehrlich zu sein, hatte ich eher früher mit der Ankündigung solcher Projekte gerechnet, zumal es ja im englischsprachigen Bereich schon länger solche Ansätze gibt. Der erste Eindruck, der sich bis hierher verfestigt hat, ist aber eher enttäuschend. @1914Tweets fällt meiner Meinung nach hinter Entwicklungen zurück, die wir mit @9Nov38 zu erarbeiten versuchten, um spezifischen Herausforderungen von Methode und Ziel zu begegnen. Ohne den Urhebern irgendetwas böses unterstellen zu wollen (ich kenne beide nicht), habe ich den Eindruck, dass sie sich ein solches Unterfangen leichter vorgestellt haben, als es ist, wenn man bestimmte Ansprüche an sich selbst stellt. Insofern kann ich in der Auseinandersetzung mit @1914Tweets vielleicht sogar noch verdeutlichen, welche Grundgedanken wir uns für @9Nov38 gemacht haben.

Am Anfang steht – wenn wir etwaige andere Motive (Lebenslaufaufhübschung, Aufmerksamkeit, Promotion der eigenen Social Media-Firma) ausklammern – der Wille, einer gewissen Teilöffentlichkeit historische Sachverhalte näherzubringen. Dabei geht es natürlich um neue Vermittlungstechniken, denn miserablen Frontalgeschichtsunterricht hatten wir alle wahrscheinlich zur Genüge. Es werden also benötigt:

  1. Inhalte, orientiert an zu schaffenden Kriterien
  2. Innere und äußere Stildefinitionen

Das klingt erst einmal simpel, ist es aber nicht. Es beginnt schon bei der Betitelung des Projektes. Denn während “@9Nov38” einen eindeutigen thematischen  Bezug zu einem spezifischen, zeitlich und politisch eingegrenzten historischen Phänomen aufwies, verweist “@1914Tweets” zunächst einmal auf nichts anderes als eine bestimmte Zeitspanne, die definiert wird durch eine eurozentrische Konvention darüber, wann das Jahr beginnt und wann es endet (Das Russland von 1914 zum Beispiel würde da etwas anders mit umgehen). Selbst wenn es aber theoretisch möglich wäre, sämtliche Ereignisse eines Jahres zu erfassen und aufzuschreiben, würde uns das nicht helfen, dieses Jahr zu verstehen. Im Kern setzt genau hier die Arbeit von Historikerinnen und Historikern an. Die Beschaffung und Sichtung von Quellen ist nur der erste Schritt – die richtige Arbeit beginnt mit der Auswahl der relevanten Informationen, um überzeugende Belege für eine These oder ein Narrativ zu finden. Dieses Narrativ benötigt zugleich eine Kontextualisierung seiner Inhalte, eine Erklärung des historischen Vorgangs in seiner Welt und seinen Rahmenbedingungen.

Das ist das größte Problem von @1914Tweets:  Bislang ist nicht einmal im Ansatz ein Narrativ erkennbar. Jeder Tweet für sich alleine könnte Teil eines großen Ganzen sein, zusammen ergeben sie ein vermeintlich gegenwartreproduzierendes Chaos:

 

 

Ein wenig wirkt dieses Vorgehen so, als habe man den Erfolg von Florian Illies’ Buch “1913″ über Twitter reproduzieren wollen, dabei aber übersehen, dass Illies zum einen kein Sachbuch, sondern an historischen Überlieferungen orientierte Belletristik geschrieben und zudem mit einer guten Portion von sprachlich-literarischem Talent gesegnet ist, dessen Niveau bei @1914Tweets entweder bislang nicht erkennbar oder durch die 140 Zeichen nicht zu erreichen ist. Man kann über Illies geteilter Meinung sein, aber er schafft es geschickt aus einzelnen, unzusammenhängenden Episoden ein Mosaik des Jahres zu erschaffen. So etwas braucht viel Zeit und Arbeit und dürfte kaum in der Freizeit über Twitter möglich sein.

Ein weiteres Problem von @1914Tweets betrifft die Quellenlage: Dem Interview folgend, dass Charlotte Jahnz mit Dirk Baranek führte, beziehen die Macher ihre Informationen aus zwei Büchern und dem Internet:

Es gibt zwei neue Bücher, die sozusagen die Leitilinie bilden, das Grundgerüst: Janz, 1914, und, klar, Christopher Clark, Norbert Juraschitz – Die Schlafwandler. Ansonsten greifen wir auf alle Quellen zurück, die das Internet bietet. 

Bei “Janz, 1914″ dürfte es sich um “14 – Der große Krieg” von Oliver Janz handeln, Christopher Clarks “Schlafwandler” sind mittlerweile reichlich bekannt. Beiden Autoren kann man nicht den Vorwurf machen unseriös oder unzuverlässig zu sein. In der Praxis scheint bislang allerdings eher eine bunte Sammlung an Dingen getwittert zu werden, die eben im Internet zu finden waren. Das bedeutet, dass es viele gute Bilder gibt (ein Vorteil gegenüber @9Nov38, dass die meisten Bilder mittlerweile gemeinfrei sind. Bei uns waren passende und rechtefreie Bilder an einer Hand abzuzählen), aber dass zwangsläufig diejenigen Dinge, die nicht in Bildern, Filmen oder Medien transportiert wurden, fehlen oder unterrepräsentiert sind. Noch einmal, dies ist eine Momentaufnahme von Anfang/Mitte Januar und ich würde mich freuen, wenn es sich noch ändert.

Um es einmal zusammenzufassen: Wenn Baranek sagt, dass Ziel von @1914Tweets wäre, “dem bunten, manchmal etwas hermetisch informierten Twittervölkchen eine deftige Portion Geschichte nahe zu bringen und zwar so, dass es für sie konsumierbar bleibt”, dann bleibt er den Nachweis dieses Zieles bislang schuldig. Denn was er bislang liefert, ist keine Geschichte. Das hat nichts mit einem akademischen Elfenbeinturm zu tun, aus dem gegen “Laien” geschossen wird (was sie ja sowieso nicht sind, beide haben einmal Geschichte studiert), sondern mit einem übergeordneten Bewusstsein dessen, was wir Geschichte nennen und was wir damit machen wollen. @1914Tweets surft auf der Welle verschiedener Trends und hat sich damit selbst die Verantwortung aufgehalst, dieses Medium für zukünftige Historikerinnen und Historiker nicht zu desavouieren. Erst Recht, wenn man zumindest ein indirektes kommerzielles Interesse unterstellen kann.

2013: Ein Jahr in Tweets

Was man so an Silvestermittagen macht: Alle Favs von 2013 durchgehen und daraus eine kleine Chronik stricken.

Sein Kampf

Seit gestern geht eine geschichtswissenschaftliche Skandalnachricht1 durch Deutschland: Das Land Bayern, derzeit in juristischer Personalunion mit der CSU, hat eine radikale Kehrtwende in der Sache des Hitlerschen Literaturversuches “Mein Kampf” vollzogen. Anstatt sich auf den 1. Januar 2016 vorzubereiten, indem eine maßgebliche, gut recherchierte und kommentierte Edition des Buches den Markt für das rechtefreie Machwerk von vorneherein beherrscht, wird den daran arbeitenden Historikern die Unterstützung entzogen und von jedem mit Klage gedroht, der das “volksverhetzende Buch”2 auch nur in Auszügen veröffentlicht.

Daran ist so viel falsch, dass es kaum zu fassen ist – immerhin sprechen wir hier von einer mit absoluter Mehrheit regierenden Partei. Nicht nur hat diese Regierung nun eine halbe Million Euro im Rahmen ihrer neuen Überzeugungen in den Sand gesetzt, sie erschwert auch noch die wissenschaftliche Beschäftigung und überlässt überzeugten Nazis die Deutungshoheit über Hitlers literarisches Vermächtnis.

Dabei ist schon die grundlegende Frage nicht eindeutig zu beantworten. In der aktuellen Rechtslage beansprucht das Land Bayern das Urheberrecht an “Mein Kampf”, weil dieser bis zuletzt in München amtlich gemeldet gewesen war. Diese Argumentation ist an sich schon wackelig – Hitler hat dem Freistaat bzw. seiner Regierung das Urheberrecht sicherlich nicht per Testament überlassen. Nun wird sich niemand (mehr) bemüßigt fühlen, in den letzten zwei Jahren des urheberrechtlichen Schutzes einen langwierigen Rechtsstreit über diese Frage zu führen. Dennoch hat diese Konstruktion schon zu der fatalen Situation geführt, dass die bayrische Landesregierung zum Generalbeauftragten für “Mein Kampf”-Fragen geworden ist und sich nun auch zum Wächter nach 2016 aufschwingt – obwohl sie dann weder moralisch noch rechtlich irgendeine gesonderte Beziehung zum Werk unterhält.

Die jetzige geschichtspolitische Auffassung der Landesregierung besteht daraus, dass “Mein Kampf” volksverhetzend ist. Das ist in etwa so überraschend wie die Feststellung, dass “Das Kapital” marxistisch ist. Es geht ja auch weder dem Institut für Zeitgeschichte (IfZ) noch einem anderen seriösen Historiker darum, das Werk zur fröhlichen Lektüre zu verteilen und in den tagespolitischen Diskurs aufzunehmen. Tatsächlich geht es um eine weitgehende Entmystifizierung – die Prohibition der Verbreitung führt dazu, dass “Mein Kampf” eine besondere Aura umgibt, die aus Missverständnissen und Fehlinformationen besteht. Sicher weit mehr als die Hälfte meines Bekanntenkreises glaubt, das Buch sei in Deutschland verboten. An anderer Stelle ist zu lesen, Hitler habe darin präzise Planungen für Gaskammern vorgelegt. Weiterhin heißt es oft, “Mein Kampf” sei die literarische Fortsetzung der eindrucksvollen Redekunst Hitlers. Das alles ist falsch, und es lässt sich am besten korrigieren, wenn es am kontextualisierten Originaltext veranschaulicht werden kann.

Das vielleicht schlimmste ist, wie vollständig gestrig Horst Seehofer und seine wertkonservativen Vasallen die Welt sehen: Sie glauben tatsächlich, die Verbreitung von “Mein Kampf” unterbinden zu können. Schon 2007 hatte ich keine Probleme, mit eine volltextdigitalisierte Fassung im Internet herunterzuladen, um sie für eine Hausarbeit zu verwenden. Die verwendeten Textstellen schlug ich später zur Sicherheit noch einmal in einem der zahlreichen Exemplare nach, die von der ULB Bonn in ihren Magazinen zur Lesesaal-Ausleihe vorgehalten werden. In den letzten fast sieben Jahren wird sich diese Verfügbarkeit enorm gesteigert haben. Wer eine neue, gedruckte Fassung im Regal haben will, kann diese in zahlreichen Staaten legal bestellen3 oder bei Print-on-Demand-Diensten seine ganz eigene Hetzschrift ordern. Schön ist das nicht, eigentlich ist es ein Desaster. Eines, dass die bayrische Landesregierung nach Kräften fördert, weil sie nicht für fünf Pfennig über ihr Handeln in einer modernen, globalen und digitalen Welt nachdenkt.

Es ist vollkommen klar, dass rechte, unseriöse und unseriöse rechte Verlage im Januar 2016 ihre eigenen Ausgaben von “Mein Kampf” veröffentlichen werden. Sie werden sie als “faszinierenden Einblick” kennzeichnen oder als “erschütterndes Dokument”, wie sie es bei den Memoiren von Guderian und anderen schon getan haben, und sie werden es auf einen Rechtsstreit mit der bayrischen Landesregierung ankommen lassen, den sie aller Wahrscheinlichkeit nach gewinnen. Dann stehen sie gleichzeitig mit der dankenswerterweise trotzdem produzierten Edition des IfZ im Regal und werden einen Bruchteil derer kosten. Die kritische Edition wird nicht (so schnell) ihren Weg in die Lehrpläne4 finden, es wird schwerer zu vermitteln, dass sie in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung erscheint. “Mein Kampf” ist in der Welt, es wird in der Welt bleiben, und Horst Seehofer ist ganz persönlich dafür verantwortlich, dass es als ideologischer Sprengsatz nicht historisch-wissenschaftlich entschärft wird. Rechtsradikale aller Welt dürften sich gerade kaum einen besseren Freund wünschen können.

  1. Eine schöne Einführung dazu bei Charlotte []
  2. Seehofer, http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/hilters-mein-kampf-soll-verboten-bleiben-a-938511.html []
  3. dort ist das Urheberrecht schon abgelaufen []
  4. hier stand zunächst der Begriff “Geschichtsdidaktik”, den ich nach einem Hinweis von Christian Bunnenberg ersetzt habe []

“Diplomatenjagd”: Daniel Koerfer und “Das Amt”.

Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich der Kommentarschreiber bei WELT Online freut sich das patriotische Herz wund: Drei Jahre nach “Das Amt und die Vergangenheit” rückt ein rechtschaffener Historiker das Bild des Auswärtigen Amtes im Dritten Reich wieder zurecht, rehabilitiert die damaligen Beteiligten und stellt am Ende auch noch fest: Joschka Fischer ist schuld! Großartig.

Es geht hier im Daniel Koerfer, der kürzlich ein Buch namens “Diplomatenjagd” (drunter ging es natürlich nicht) veröffentlichte und vorstellte, was die “Welt” begierig aufgriff. Aus unerfindlichen Gründen gehen zahlreiche Journalisten jetzt davon aus, dass “Das Amt” ein Standardwerk und Konsens wäre und nun erstmals eine Entgegnung statt finde.

Natürlich ist das Gegenteil der Fall. Nachdem “Das Amt” 2010 veröffentlicht wurde, vergruben es insbesondere Journalisten unter überschwänglichem, eindrucksvollem Lob. Die Historiker waren da nicht so freundlich – die Kritik, die durchaus fundiert und sachlich vorgetragen wurde, dauerte Monate, und mit einigem Recht ist die Vorgehensweise der Amt-Historikerkommission bis heute eher ein abschreckendes Beispiel dafür, wie mit solchen Auftragsarbeiten umgegangen werden solle.1

Doch von vorne, und ganz vorneweg: Ich habe Koerfers Buch nicht gelesen. Ich habe schlicht nicht das Geld dafür, hole es aber gerne nach, wenn falls es in meinen hiesigen Bibliotheken steht. Die Kernthese von “Diplomatenjagd” ist, soweit das der Presse zu entnehmen ist, dass Joschka Fischer die Kommission einsetzte, um sich an der Belegschaft seines Ministeriums für die Visa-Affäre zu rächen. Belegt wird das mit Stellen aus Fischers Memoiren, die sich tatsächlich so lesen lassen:

Plötzlich stand ich in einem Kulturkampf 1938 gegen 1968. Da habe ich allerdings gesagt: Ja, wenn ihr den wollt, Freunde, dann könnt ihr den haben. Als dann die Visa-Affäre hochkochte, ging’s richtig los. Da dachten die wohl, jetzt haben wir ihn. Ohne die ganze Visa-Affäre hätte die Frage der Nachrufe wohl niemals eine solche Wirkung entfaltet. Das habe ich mir alles ein Weilchen angeguckt, dann hatte ich die Faxen dicke und habe diese Kommissionsidee ausgebrütet.

Das Argument ist aber auf ganz viele verschiedene Arten untauglich und eines Historikers nicht würdig. Dass es einen solchen “Kulturkampf” im Auswärtigen Amt gab, ist unstrittig. Koerfer suggeriert mit diesem Zitat allerdings, dass die “Aggression” von Fischer ausgegangen wäre – tatsächlich war der Streit um die Nachrufpraxis in der Mitarbeiterzeitschrift überfällig, und dass er erst durch Fischer begonnen worde dürfte eher daran liegen, dass die vorherigen Amtsinhaber weder Interesse an Streit noch an allzuviel innerer Aufarbeitung hatten.

Viel frappierender ist aber, dass Koerfer ohne jeden Zweifel davon ausgeht, dass eine Kommission von renommierten Historikern bereit war, sich von Joschka Fischer eine Auftragsarbeit mit vorneweg stehendem Ergebnis diktieren zu lassen. Wir sprechen hier wohlgemerkt nicht von einigen Doktoranden, sondern von Professoren mit wissenschaftlichen Meriten. Wenn Koerfer ein Kapitel mit “Hitlers willige Diplomaten im Visier von Fischers willigen Historikern” überschreibt, kratzt er mindestens an der Grenze zur üblen Nachrede. Umso absurder wird dies dadurch, dass ursprünglich neben Conze, Frei und co auch Klaus Hildebrand aus Bonn zur Kommission gehörte, jedoch bald durch seine Erkrankung ausschied – hätte Fischer eine 68er-links-grüne Tendenzarbeit oder “politische Auftragsforschung” verlangt, er hätte sicher nicht einen der profiliertesten nationalkonservativen Historiker der Bundesrepublik berufen.

Man kann davon ausgehen, dass es mit dem Buch nicht so weit her ist, wie nun Welt, Rheinische Post und co suggerieren. Wenn der Tagesspiegel den Verlag “Strauss Edition” nicht als “erste Adresse für Zeitgeschichte” bezeichnet, ist das eine sehr höfliche Untertreibung. Und auch den “Professor an der FU Berlin” kann man relativieren, wenn man sich Koerfers Weg zur Honorarprofessur mit einigen hagiographischen Veröffentlichungen zu Ludwig Erhard und zu Hertha BSC im Dritten Reich einmal ansieht.

Vielleicht liegt Koerfers Interesse am Thema tatsächlich schlicht in seiner familiären Bindung an das Auswärtige Amt begründet. Mehrfach hat er in Interviews beklagt, dass die Rolle seines Großvaters Gerhart Feine (der tatsächlich zahlreiche Juden vor dem Transport in die Vernichtungslager bewahrte) nicht genügend gewürdigt worden wäre. Dass dieser ein eigenes Kapitel im Buch hat, reicht offenbar nicht aus. Und dass Koerfers Patenonkel Hellmut Becker eher schlecht wegkommt, weil er als Anwalt nach dem Krieg Mandate für Mitwisser und Täter des Holocaust übernahm, ist ihm auch unverständlich. Aber vielleicht sind solche Urteile auch schwer nachvollziehbar, wenn das eigene Familienvermögen zumindest bis zur Enteignung in der DDR durch eine besonders einträgliche “Arisierung” gemehrt wurde: Daniel Koerfers Vater Jacques kaufte am 24. Oktober 1938 die Garbaty-Tabakfabrik in Berlin inklusive ihrer Grundstücke für 7,7 Millionen Reichsmark, obwohl ihr Schätzwert (ein Jahr zuvor) bei 31,6 Millionen RM gelegen hatte.

Letztendlich ist Daniel Koerfer ein relativ üblicher Mitbürger, der sich aus familiären Gründen (und jenen, die im Feuilleton und Fachzeitschriften lesbar waren) über ein Buch geärgert hat, über dessen Auftraggeber (Koerfer selbst beklagt ja immer, dass reichen Erben wie ihm in Deutschland zuviele Steuern auferlegt werden und erwägt gerne die Auswanderung in die Schweiz) und die Autoren. Nur, dass er als Freizeitvergnügen für den Mann, der schon alles hat, den Titel eines Honorarprofessors tragen kann, und ihm damit mehr Gewicht zugeschrieben wird.

  1. Eine sehr schöne Aufbereitung der Debatte findet sich hier: http://www.zeitgeschichte-online.de/themen/die-debatte-um-das-amt-und-die-vergangenheit []

Es ist ja nicht die New York Times

Mittwoch Abend, 20:34 Uhr, das Telefon klingelt und ich überlege, ob ich mich jetzt mit meinem Nachnamen, mit “Hello” oder gar nicht melde. Auch wenn da “Unbekannt” steht, ist völlig klar, dass gerade jemand anruft, bei dem es erst kurz nach halb 3 ist, der kein Deutsch spricht und der mit mir über etwas reden will, was meine Idee war.

Ein bisschen zurück: Am 28. Oktober sitze ich um halb 11 mit meinem Laptop am Esstisch und tippe einen Satz in die Twittermaske: “Ab dem 28. Oktober wurden über 15.000 polnische Juden mit sofortiger Wirkung aus dem Deutschen Reich ausgewiesen.” Gleichzeitig schreibe ich auf meinem eigenen, privaten Account: “Wir versuchen da in den nächsten gut zwei Wochen etwas: @9Nov38. Morgen mehr.”

Und ab da geht es los und wird sehr lehrreich. Wahrscheinlich lehrreicher für mich als für jeden der fast 11.000 Follower, die in den nächsten Tagen dazukommen.

Die Idee, und das werde ich in den kommenden zwei Wochen täglich mehrmals sagen müssen, kam vor einem Jahr auf, als der MDR etwas ähnliches mit @9Nov89live für den Mauerfall versuchte. Deren Account hat knapp 1800 Follower, etwas mehr als doppelt so viele wie mein privater, aber klar, die haben ja auch den MDR und die Zusammenarbeit mit einer Gedenkstätte dabei. So 3-400 Follower, das habe ich mir ausgemalt, wären eine schöne Bestätigung dessen, was wir da versuchen. Nach einem Tag sind es etwa einhundert, hauptsächlich Follower unserer Privataccounts.

Die erste Presseanfrage kommt nach zwei Tagen, von Götz Münstermann von der Rhein-Neckar-Zeitung, über Twitter:

Für die anderen kann ich nicht sprechen, aber ich bin, um ein Wort meiner Kindheit zu benutzen, baff. Mit Medienaufmerksamkeit habe ich nicht gerechnet. Ein paar Empfehlungen in Blogs wären schön, klar. Aber die Zeitung? Der Respekt vor dieser Medienform ist also schon da. Wir vereinbaren, uns am Montag, das ist der 4. November, zu treffen.

Einen Tag später bekommt Michael eine eMail vom englischsprachigen Fernsehprogramm eines deutschen Senders. Einer von uns soll nach Berlin kommen, über das Projekt sprechen und mit zwei anderen Studiogästen diskutieren – über unser Thema, und über deren Themen, die irgendwo im Bereich internationaler Beziehungen liegen. Auf Englisch. Wir überlegen das ganze Wochenende hin und her, am Ende sagen wir ab. Wir haben alle noch normale Jobs oder ein Studium, und wir fühlen uns nicht kompetent genug zu den anderen Themen Substanzielles von uns zu geben. Eine einmalige Gelegenheit geht damit flöten.

Aber offensichtlich gibt es ein Medieninteresse. Und auch wenn wir das vorher nie geplant haben, können wir das ja jetzt auch zumindest versuchen selbst zu aktivieren. Am Dienstag, während in Berlin die Aufzeichnung ohne uns läuft, telefoniere ich plötzlich mit dem Netzressort der dpa. Es ist ein freundliches, kurzes Gespräch, und ich hasse Telefongespräche eigentlich. Nur wenig später ist die Meldung, nur ein paar Zeilen lang, in der Welt, und das heißt: bei heise.de. In diesem Moment springt unsere Followerzahl um einige hundert nach oben. Unter dem Artikel entbrennt eine Diskussion, so wie immer auf heise.de. Ich lese quer, hauptsächlich Überschriften, neben “Schöne Idee” steht da oft “Aber Stalin..!” oder “Schuldkult”. Einer wirft uns vor, mit solchen Projekten auf einer gemütlich öffentlich finanzierten Stelle zu sitzen. Ich erwäge mich zu registrieren um ihm mitzuteilen dass wir unsere Abende und Wochenenden dafür opfern und statt Geld einzunehmen nur welches ausgeben. Aber es würde ja ohnehin nichts nützen.

Ab Mittwoch kommen mein Handy und mein Mailpostfach nicht mehr zur Ruhe. Ich kann nur mutmaßen, dass die dpa meine Handynummer mit rumgeschickt hat. Zuerst meldet sich das englischsprachige Angebot von Spiegel Online. Dann das Onlineangebot vom WDR. Dann der Radiosender MDR info, mit dem ich am Freitag vier Minuten sprechen soll. Dann tagesschau.de. Alleine kriege ich das nicht mehr hin und versuche, die Anfragen möglichst zu delegieren. Denn alles, was ich für @9Nov38 mache, passiert in der Mittagspause und am Abend, dafür ist mir mein eigentlicher Job zu wichtig. Und während die Anfragen immer prominenter werden, versuchen wir nicht dem Größenwahn zu verfallen. Es fällt das erste Mal der Satz “Ganz ruhig, es ist ja nicht die New York Times.”

Am Donnerstag bekomme ich eine Mail vom SWR. Man findet unser Projekt spannend und würde gerne in der Nacht von Freitag auf Samstag im ARD-Nachtmagazin darüber berichten. Ob wir nicht mal telefonieren könnten?

Es ist ja nicht die New York Times.

Ich habe keine Zeit, weil mein Job vorgeht. Wir haben an diesem Freitag, an dem gedreht werden soll, eine Deadline. Charlotte übernimmt das Nachtmagazin, weswegen der SWR dem NDR Bescheid sagt, der dann dem WDR sagt dass sie nach Bonn fahren müssen. Freitags um 5 schickt Charlotte eine Nachricht “da”, und ab da habe ich Schnappatmung, weil sie gerade gefilmt wird während sie über dieses Projekt erzählt.

Nachts bleibe ich bis kurz nach 1 wach, um mir den Bericht anzusehen. Mit allem zufrieden ist man ja nie. Aber ich erlaube mir von da an das Gefühl stolz zu sein auf das, was wir da hinbekommen haben. Mein alter Chef aus Bonn sagte immer, unsere Generation könne nicht zu ihren Leistungen und Errungenschaften stehen, ich glaube, er hat Recht.

Am Samstag mittag bekomme ich eine eMail von Spiegel Online, die sich einleitend fast dafür entschuldigt, sich erst jetzt zu melden. Ich lese sie in der Schlange bei Aldi und vereinbare ein Telefonat. Mittlerweile merke ich an der Gesprächsführung gut, warum jemand Journalist bei einem eher knappen, als Beiwerk konzipierten Onlineangebot oder einem Schwergewicht wie Spiegel Online ist. Ich werde das erste Mal gefragt ob ich Angst habe, etwas falsches zu tweeten. Eine furchtbar berechtigte Frage, die genau in mein Hirn zielt: Natürlich habe ich Angst davor.

Gleichzeitig wächst in mir mittlerweile die Hoffnung, dass es mit Spiegel Online dann auch vorbei ist. Um 16 Uhr geht der Artikel online, er ist schön, und dankenswerterweise ist die Kommentarfunktion deaktiviert. Denn gleichzeitig mit den Presseanfragen und der Korrektur und Einpflegung der Tweets der Nacht vom 9. auf den 10. November will auch noch der Text meines Jobs überarbeitet werden. Es sind Prioritäten zu setzen.

In der entscheidenden Projektphase passieren plötzlich, als hätte der Weltgeist sie bestellt, wunderbare Dinge, die die Motivation wieder hochschießen lassen: Menschen fangen an, unsere Tweets simultan zu übersetzen, in Englisch, Türkisch, Kurdisch und Spanisch. Wir bekommen Anfragen per Mail von Menschen, die ihre eigene Familiengeschichte im Dritten Reich aufarbeiten wollen und sich erst jetzt trauen zu fragen, wie sie das anstellen sollen. Die Followerzahl schießt in die Höhe. Als wir bei 1000 waren traute ich mich zu hoffen, dass wir den MDR-Account zum Mauerfall erreichen. Wir haben bald das doppelte. Und nach dem Nachtmagazin geht es immer weiter, am Sonntagmittag erreichen wir die 10.000.

10.000 Follower. HerrTutorial und Sascha Lobo lachen darüber. Für uns ist das ein Meilenstein. Alle 20 Minuten klicke ich auf unsere Seitenstatistiken. Fast 2.000 Leute klicken die Abschrift einer NS-Presseanweisung an und informieren sich so weitergehend. Wir werden aus Panama, Mexiko und Israel verlinkt. Mein Kopf befindet sich im selben Ausnahmezustand wie vor meiner Hochzeit und meiner mündlichen Abschlussprüfung. Aber ganz ruhig, es ist nicht die New York Times.

Ab Montag stellt sich eine Routine ein. Morgens zum Frühstück über die Tweets sehen, ein paar hinzufügen. Abends noch einmal Korrektur lesen, einpflegen, unseren englischen Übersetzern vorab schicken. Es wird alles etwas einfacher.

Dienstag abend bekomme ich eine eMail von einem “Noam”. Ich kenne keinen Noam, außer Chomsky, aber der kennt mich sicher nicht. Er schreibt auf englisch, dass ihm ein deutscher Bekannter von dem Projekt erzählt hat, ob wir mal telefonieren könnten, er könne nicht versprechen dass ein Artikel draus würde, aber er würde es versuchen. Achja, er arbeitet für “the Times”.

Ganz ruhig, es ist die New York Times.

Und so google ich, wieviel Uhr es am Mittwoch abend in New York ist, wenn hier 20 Uhr ist. Und sitze mit schwitzenden Fingern vor dem Telefon. Wir telefonieren eine halbe Stunde, ich verstehe seine Fragen kaum, weil die Times offenbar Auslandsgespräche über Skype macht. Vielleicht auch nur, wenn es um uns geht, und nicht wenn sie mit einem Minister sprechen. Ich weiß es nicht, es ist mir egal. Ich merke, dass es für solche Telefonate nicht ausreicht ständig auf Englisch ins Internet zu schreiben und “Community” oder “House of Cards” im Originalton zu gucken. Mir fehlen Wörter, ich ärgere mich über den manchmal durchscheinenden Kraut-Akzent. Aber ich habe den Eindruck, dass Noam ganz zufrieden ist. Er weiß noch nicht, ob ein Artikel draus wird. Wir werden sehen.

Langsam bin ich froh, wenn es vorbei ist. Wir haben Pläne, wie es weitergehen wird mit dem Account und der Seite. Die müssen natürlich auch noch reifen. Wir melden uns wieder.

Am Montag kann ich es in den Mentions sehen: Wir sind online, bei der New York Times. Und drunter steht, dass wir auch in der Printausgabe sind. Den restlichen Tag scheitere ich daran, eine New Yorker Ausgabe der Times in Deutschland zu kriegen. Aber zum Glück gibt es freundliche Amerikaner. Ein Scan landet in meinem Mailpostfach, die Seite ist auf dem Postweg.

Wow.

@9Nov38: Ein Projekt als Kompromiss

Vor fast einem Jahr erregte der MDR Sachsen-Anhalt mit dem Twitter-Account @9Nov89live einiges Aufsehen. 23 Jahre nach dem Mauerfall begleiteten die Redakteure den Tag “re-live” auf Twitter aus der Sicht verschiedener fiktiver Personen:

 

Das in der Anlage lobenswerte Projekt wurde von der Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn begleitet und unterstützt. Die Grundintention, den 9. November 1989 “von unten”, emotional und nicht belehrend darzustellen, war erkennbar, das sprachliche und erzählerische Niveau allerdings dem Anspruch nicht gewachsen.

Nun ist der 9. November oft als der “Schicksalstag der Deutschen” bezeichnet worden, was ihm meiner Meinung nach nicht ganz gerecht wird – der “Deutsche Tag” passt meiner Meinung nach besser. Dem Glück des Mauerfalls steht in erster Linie das Leid der Reichspogromnacht gegenüber. Meinen bei Twitter artikulierten Einwänden gegen @9Nov89live wurden sinngemäß mit “Mach’s doch besser” begegnet, und das versuche ich nun, allerdings zum Glück und dankenswerterweise nicht alleine. Und getreu dem Schröderschen Motto wollen wir nicht alles anders, aber vieles besser machen. Das ist ein hehrer Anspruch, den ich gerne erläutern möchte.

Das Team besteht aus fünf angehenden und studierten HistorikerInnen. In der Universität wird und wurde uns täglich die Wichtigkeit sauberen wissenschaftlichen Arbeitens vor Augen geführt und eingeimpft. Gleichzeitig muss ein solches Projekt wie @9Nov38 im Spannungsfeld zwischen historisch-wissenschaftlichem Anspruch und für die Öffentlichkeit attraktiver Lesbarkeit seinen rechten Ort finden – wir können nicht nach jedem Tweet eine Fußnote setzen, und historiographische Erörterungen können auf 140 Zeichen schlecht stattfinden.

Der Kompromiss, den wir nun anwenden sollen, befindet sich in der Mitte beider Pole. Wir arbeiten wissenschaftlich korrekt, wir wagen keine Ausflüge in die historische Belletristik, wir schreiben nur, was wir belegen können. Die tatsächlichen Ereignisse stehen dabei im historischen Präsens, die retrospektiven Einordnungen im Perfekt, um eine grammatische Abgrenzung zu ermöglichen. Wir können, wie gesagt, keine Fußnoten setzen, aber wir wollen trotzdem kritisch nachprüfbar sein. Nach dem Ende unseres Projektzeitraumes Mitte November werde ich daher an dieser Stelle eine kleine Datenbank veröffentlichen, in der jeder Tweet mit Datum und Uhrzeit auftaucht und mit einem korrekten Beleg aus der wissenschaftlichen Literatur oder aus Primärquellen verknüpft wird.

Neben der übergeordneten Beschäftigung mit dem reichsweiten Kontext (sowie seiner Vorgeschichte) legen wir einen Fokus auf regionale Berichte des 9. und 10. November 1938. Charlotte Jahnz beschäftigt sich mit dem Rheinland, Petra Tabarelli mit der Rhein-Main-Region, Christian Gieseke mit Thüringen und Michael Schmalenstroer mit Warendorf und dem Münsterland.

Wir betrachten nicht nur den 9. und 10. November, sondern seine unmittelbare Vorgeschichte und die ersten Nachwirkungen. Wir beschränken uns also nicht auf 24-36 Stunden, sondern wollen nachverfolgen, was vor exakt 75 Jahren passierte, tages- und möglichst auch uhrzeitgenau. Dabei müssen wir Kompromisse machen – nicht immer sind genaue Zeiten überliefert. In solchen Fällen achten wir auf Plausibilität, und wenn diese nicht herstellbar ist, müssen wir auf den speziellen Tweet verzichten.

Das Ganze ist ein Experiment, es ist eine Auslotung unserer Fähigkeiten zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, weder verdienen wir Geld damit noch geben wir welches aus, wir hoffen auf Leserschaft und erwarten auch Kritik. Wer immer uns etwas mitteilen möchte, sei dazu gerne hier oder an jeder anderen Stelle aufgerufen. Und vorläufig ist es für uns auch in erster Linie spannend.