Asymmetrische Kommunikation

Seit einigen Tagen tobt eine im kleinen, sozialwissenschaftlichen Bereich vielbeachtete Diskussion um den Berliner Politologie-Professor Herfried Münkler, vielmehr aber um einige seiner Studentinnen und Studenten, die auf einem anonym geführten Blog seine Vorlesung zu Politischer Theorie und Ideengeschichte kritisch begleiten und, ihrer Meinung nach, sexistische und rassistische Tendenzen darin aufzeigen, subsummiert unter dem Begriff des “Extremismus der Mitte”.

Die Kritik am Vorgehen der Studierenden spaltet sich dabei in zwei Teile: die einen lehnen die Angriffe auf Münkler rundheraus ab, sie positionieren sich also inhaltlich. Der weitaus größere Teil der KritikerInnen, ob im Journalismus oder in sozialen Medien, stößt sich allerdings an der Form, einem anonym geführten Blog. Der Vorwurf der “Feigheit” ist dort oft noch das Geringste, Münkler selbst steigert es zu einem “erbärmliche Feiglinge”.

Ein nicht empirisch gesicherter Eindruck dessen ist, dass die Gräben zwischen Unterstützung, inhaltlicher Ablehnung und Ablehnung der Form meist an den Grenzen von Alter, beruflichem Status und Immatrikulationsbescheinigung verlaufen.

Denn über die Stichhaltigkeit der Kritik an Münkler kann man mit guten Argumenten geteilter Meinung sein, ein Konsens scheint da schon rein weltanschaulich nicht erreichbar. Die Frage, ob man diese Kritik allerdings anonym äußern dürfe, scheint recht klar am Status derjenigen zu heften, die sich äußern.

Auf der einen Seite stehen arrivierte JournalistInnen, Lehrende, Professoren (tatsächlich habe ich noch keine Stimme einer Professorin dazu vernommen). Ihre Perspektive ist nachvollziehbar: Sie halten eine Vorlesung, die viel Wochenarbeitszeit in Anspruch nimmt, vor Studierenden, die oft nur wegen Schein und Anwesenheitsliste da sind, und nun werden sie von einigen aus dem Hörsaal unter öffentliches Feuer genommen mit schwerwiegenden Vorwürfen. Das (zer-)stört das Vertrauen, das sich im Zuge eines Semesters eigentlich bilden sollte. Es besteht auch keine Möglichkeit, in den routinierten Kommunikationsverfahren eine Art von Schlichtung herbeizuführen, also im Gespräch nach der Veranstaltung oder im eigenen Büro.

Auf der anderen Seite stehen die Studierenden: Sie haben in einer Veranstaltung, die im Bachelor/Master-System mutmaßlich verpflichtend ist, die sie also bestehen müssen, um einen Abschluss zu erlangen, Dinge gehört, die sie so nicht stehen lassen wollen. Letztlich haben sie schon damit bewiesen, dass sie eine Kernkompetenz eines geistes- bzw. sozialwissenschaftlichen Studiums besitzen, die zum kritischen Denken. Sie könnten mit ihren Vorwürfen nun also zum Beispiel nach der Vorlesung zu Prof. Münkler gehen, oder seine wahrscheinlich sehr volle Sprechstunde besuchen. Sie haben das nicht getan, und es ist naheliegend, dass sie dafür gute Gründe hatten. Ich kenne Herfried Münkler nicht, ich glaube auch nicht dass ich schon einmal eine Fernsehrunde mit ihm aufmerksam gesehen habe, daher verbieten sich hier Mutmaßungen über die Art seines Umgangs mit Studierenden. Nur: Wer in der Vorlesungsöffentlichkeit das Wort “erbärmliche Feiglinge” verwendet fühlt sich entweder tiefer angegriffen, als er es ansonsten zugibt, oder benutzt einen Wortschatz, der nicht unbedingt Diskussionsoffenheit signalisiert.

Tatsächlich scheinen viele mit Blick auf das eigene Studium in den 60ern, 70ern und 80ern zu vergessen, in welcher Lebensrealität Studierende der heutigen Zeit unterwegs sind: sie sind aufgewachsen in der Hochzeit neoliberaler Politik, als Geisteswissenschaften als abschaffungswürdiges Auslaufmodell betrachtet wurden, als Studiengänge auf Berufsqualifikation getrimmt wurden, als Zukunftsangst zum Triebkopf jeder Bildung geformt wurde. Und sie kamen nach dem Abitur an Hochschulen, an denen Abschlüsse gezwungenermaßen nur über die Unterschrift mancher Professoren auf Scheinen (oder dem elektronischen Äquivalent) möglich waren, weil nur diese die Veranstaltungen anboten, die zu Pflichtmodulen gehörten, sie hatten maximal zwei Fehlversuche, bevor sie ihr Fach in Deutschland nicht mehr studieren durften. Und sie kamen an Universitäten, an denen ein Mittelbau mit unbefristeten Verträgen, also einer verlässlichen Perspektive ans Ansprechpartner, so exotisch geworden ist wie eine 300-seitige Dissertation an einer medizinischen Fakultät.

Es geht gar nicht darum, die Machtkonzentration auf Lehrstuhlinhaber zu beklagen, sondern darum, Realitäten anzuerkennen. Und aus diesen Realitäten erwächst die nicht vollkommen unbegründete Furcht, mit offenem Dissens die Möglichkeit eines Hochschulabschlusses zu verringern. Niemand wirft Münkler ernsthaft vor, KritikerInnen hinauszuwerfen, das wäre erstens enorm unethisch und würde zweitens recht schnell von höheren Instanzen wieder zurückgenommen – aber eine Universität, ein Institut, ein Lehrstuhl ist mehr als eine Ansammlung von nach festen Regeln funktionierenden Zahnrädern, und soziale Abhängigkeiten führen oft zu schwer vorhersehbaren Dynamiken.

Die Studierenden von “Münkler-Watch” hatten Angst um ihre akademische Zukunft, und diese Angst sollte man genauso ernst nehmen wie ihre inhaltliche Kritik und die Kritik an der Form. Die Studierenden haben, die asymmetrische Machtposition der Universität anerkennend, einen neuen Ort der Auseinandersetzung gewählt, sie haben Münkler damit dem Heimvorteil genommen. Von “Denunziation” (Münkler) zu sprechen, ist dabei unfair, denn hier werden keine Anzeigen erstattet oder Flugblätter verteilt, sondern es wird mit der Kommentarspalte ausdrücklich eine Diskussion eingefordert, die ja auch durchaus stattfindet, und die dadurch, dass sie schriftlich geführt wird, nicht weniger gehaltvoll ist als von Angesicht zu Angesicht – wahrscheinlich ist sie sogar deutlich zielführender, weil in ihr nur das geschriebene Wort zählt und nicht Status, rhetorisches Geschick, Stimmvolumen, Unterschriftsberechtigung und Prüfungsordnung. Souverän wäre es von Münkler gewesen, diese Diskussion anzunehmen und nicht mit dem Hinweis auf “Feigheit” der KritikerInnen zurück in sein eigenes Territorium ziehen zu wollen.

Diez, das Zeugenhaus und die Deutschen

Für gewöhnlich lese ich die Kolumne “Der Kritiker” von Georg Diez, die bei Spiegel Online erscheint, sehr gerne. Oft verstehe ich überhaupt nichts vom Thema, denn Theater und Literatur sind mir in ihrem deutschen Alltagsbetrieb häufig fremd, aber irgendetwas an guten Gedanken kann ich dort eigentlich immer mitnehmen.

Umso irritierter bin ich über die Kritik des ZDF-Films “Das Zeugenhaus”, die in dieser Woche erschien. Das liegt nicht daran, dass der Film besonders gut wäre, grundsätzlich ist erst einmal jeder Verriss einer doppelten Berben-Produktion (Produzent Oliver hat seine Mutter Iris besetzt und dafür gleich mal die Hauptrolle 25 Jahre älter geschrieben) bis zum Beweis des Gegenteils gerechtfertigt.

Diez nennt den Film “relativistisch”, und damit bin ich mir gleich im zweiten Satz seiner Rezension nicht sicher, was er sich von Filmen über die NS-Vergangenheit verspricht.

“Das Zeugenhaus” greift die tatsächliche Geschichte eines Anwesens auf, in dem während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse Zeuginnen und Zeugen vor ihrer Aussage untergebracht wurden – teilweise stark fiktionalisiert, teilweise auf historischen Persönlichkeiten basierend. “Das Zeugenhaus” ist in erster Linie ein Film und sollte nicht mit den Kriterien der Dokumentation betrachtet werden, nichts ist langweiliger als die Liste von “Fehlern” der Handlung, der Ausstattung, der Dialoge.

Dennoch finden sich einige spannende historische Charaktere in diesem Film, die meist arg holzschnittartig umgesetzt wurden: Henny von Schirach, Frau des ehemaligen Reichsjugendführers und Gauleiters von Wien, ihr Vater Heinrich Hoffmann, der Leibfotograf Hitlers und prägende Bildgestalter des Dritten Reiches, Erwin Lahousen, dessen Leistung im Hitler-Attentat 1944 von der Gestapo unentdeckt geblieben war, nicht zuletzt Marie-Claude Vaillant-Couturier, die wegen ihrer Mitgliedschaft in der Resistance mehrere Jahre in Auschwitz-Birkenau und Ravensbrück verbringen musste.

All diese Personen finden sich im Film, und ihre Zitate gibt Diez mit wachsender Abscheu wieder. Tatsächlich sind viele dieser Sätze abscheulich:

Diese ganze Beschulderei und Verurteilerei, das ist so ermüdend. Wo soll das alles hinführen? Was soll das für ein Deutschland werden?

Einen lieberen Onkel als Herrn Hitler kann man sich gar nicht vorstellen.

Niemand, der wahrhaft böse ist, kann so etwas malen. Das ist der wahre Hitler.

Einmal in einer Sommernacht fuhren wir im offenen Wagen durch die Berge. Herr Hitler saß vorne neben dem Fahrer. Über uns waren die Sterne. Auf einer Wiese sahen wir ein Lagerfeuer. Herr Hitler ließ den Wagen anhalten. Wir setzten uns zu den jungen Burschen ans Feuer. Und als sie Herrn Hitler erkannten, da haben sie vor Glück geweint.

Diez lässt diese Zitate fallen, als würde der Film sie sich zueigen machen. Weil in “Das Zeugenhaus” hauptsächlich die Angehörigen des Tätervolkes sprechen dürfen, soll seiner Ansicht nach der Film die Schuld dieser Täter relativieren. Das lässt mich daran zweifeln, dass Diez den Film überhaupt gesehen hat. Denn, klammern wir mal die völlig irrelevant bleibende Berben-Hauptrolle aus, verteilen sich die Sympathien in diesem Film ganz automatisch – jeder Versuch der Selbstentschuldung der belasteten Deutschen wirkt jämmerlich, unehrlich. Die vielleicht spannendste Figur des Filmes wird von Matthias Matschke verkörpert, ein nervöser Pazifist, den die Amerikaner für seinen SS-Bruder halten – und der sich am Ende tatsächlich als der gesuchte Kriegsverbrecher entpuppt, aber davon kommt. Seine Figur ist fiktiv, aber den historischen Strukturen entsprechend. Sie unterzubringen entspricht nicht der von Diez unterstellten relativistischen Absicht.

Überhaupt finden sich kleine Ungenauigkeiten bis große Unwahrheiten in der Rezension:

Der Holocaust aber wird in diesem Film vollkommen ausgeblendet

Wäre da nicht die deutlich ausgebreitete Zeugenaussage der ehemaligen Insassin von Auschwitz  über Selektionen und Gaskammern, wäre da nicht die Geschichte davon wie Gefangene, als das Gas aus war, bei lebendigem Leib verbrannt wurde, wäre da nicht die Enthüllung, dass der so standhaft leugnende Heinrich Hoffmann selbst in Mauthausen gewesen und den Tod von Internierten beobachtet hatte.

Und es spricht nicht für die Feinwahrnehmung von Georg Diez, dass er glaubt, im ZDF wolle jemand relativieren, reimaginieren, umdeuten, wie er es annimmt:

Sie schwadronieren und schwelgen, die Täter, sie kuscheln sich im Bett zusammen und erinnern sich verzückt an den herrlichen Romantiker, den Sentimentalisten, den Vegetarier und Tierliebhaber.

Wir sind in Deutschland zum größten Teil glücklicherweise in einer Lage, in der sentimentale Romantik beim Gedanken an Adolf Hitler nicht als sentimentale Romantik, sondern als bittere Verblendung wahrgenommen wird. Es ist schwer vorstellbar, dass die ZDF-Zielgruppen Henny von Schirach, ihr “Man wird nicht Reichsjugendführer als böser Mensch” und ihren korrupten Vater in irgendeiner Weise sympathisch finden und ihren Ausführungen folgen. Tatsächlich breitet sich ein Gefühl ohnmächtiger Ungerechtigkeit aus, weil in ihrer ganzen Selbstherrlichkeit die NS-Deutschen ruhig schlafen können, während der Überlebende von Mauthausen nachts davon erzählt dass er sich schämt, überlebt zu haben, in einem System, das von den Deutschen geschaffen wurde und alle Menschlichkeit ausmerzen sollte.

Die grundsätzliche Kritik an der deutschen Vergangenheitsbewältigungsfilmwirtschaft ist berechtigt, gerade beim in der Rezension eingangs erwähnten “Unsere Mütter, unsere Väter” – aber hier liegt der Fall anders. Denn in “Das Zeugenhaus” ist Deutschland von den Alliierten bereits besiegt, und jeder der Täter ist damit beschäftigt seine und ihre Haut zu retten – da wird abgestritten, beschwichtigt, relativiert und ignoriert. Wie hätte der Film für Diez denn aussehen sollen? Geht man nach seinen Vorwürfen, dann hätten die Täter nichts, die Opfer dafür alles sagen sollen – was unvermeidlicherweise den Vorwurf produziert hätte, dass die Verbrechen verbrecherlos geschildert worden wären. Und wenn die NS-Deutschen, vollkommen ahistorisch, alle im Film unter ihrer Verantwortung zusammengebrochen wären, ihre Mitläufer- und -täterschaft gestanden und den Nationalsozialismus als ihren biografischen Tiefpunkt verdammt hätten, dann wäre ein “Wir waren sofort Demokraten”-Propagandafilm daraus geworden.

Man kann “Das Zeugenhaus” viel vorwerfen, es ist ein recht typischer ZDF-Historienfilm geworden – aber er ist nicht relativistisch, nicht revisionistisch, er redet den Nazis nicht das Wort. Es steht zu befürchten, dass solche Produktionen im kommenden Jahr noch häufiger laufen, und dass im Zuge der drölften Wiederholung von Schindlers Liste auch in den Talkrunden eifrig auf die Schultern der “inneren Emigration” geklopft wird. Das müssen aber, vorerst, nicht die Berbens ausbaden.

Funde (5): Berlin

Uns grauste vor dieser Kultur, wir versuchten es auf viele Weise, aber außer den Museen war nichts, aber auch garnichts da, das uns die Leiden, die man in einer großen Stadt zu erdulden hat, wert schien.

Ach, und die Berliner Cafes, alle diese Lokale. Ich sah immer und überall nur Spießbürger oder Verrückte, aber trostlos Verrückte, die kein Genie zur Entschuldigung aufzuweisen haben. Ich dachte manchmal, wenn diese Alltagsgesichter in unübersehbarer Reise an uns vorbeizogen: das ist also das Publikum, für das die Maler malen, die Dichter dichten und die Musiker spielen. Aber diese praktischen, abgesetzten und dabei doch so unverschämt selbstzufriedenen Menschen brauchen ja gar keine Künstler… Sie haben alle keine Zeit.

Die Künstlerin Gertel Hagemann, Ehefrau des Porträtmalers Oskar Hagemann, 1917 nach dem Ende ihres nur zwei Jahre währenden Aufenthalts in Berlin – vorher und nachher wohnten die beiden stets auf Dörfern, zuletzt in Karlsruhe.

Alles laut im Nahen Osten

Ohne Projektionen wäre die Menschheit ziemlich aufgeschmissen. Gerade wir Historiker sind stolz auf unsere Empirie, auf unser Ansehen von Quelle und Sachverhalt, aber uns ist hoffentlich klar, dass wir immer Projektionen verwenden. Der Nahostkonflikt ist die große historische, politische und weltanschauliche Projektion unserer Zeit, durch die wir nicht nur diese regionale Problematik, sondern auch uns selbst und alle um uns herum betrachten können. Das Bild, das ich selbst dort sehe, ist einigermaßen desaströs.


 

“Don’t read the comments!” schreit einem das halbwegs kluge Internet immer wieder hinterher, und für den Seelenfrieden wäre das vielleicht besser. Tatsächlich aber lassen sich in den Kommentaren bei Medienpräsenzen, YouTube und Facebook Perspektiven erfahren, die sonst meist unsichtbar bleiben. Und dies nicht, weil “die Medien” (außer denen, die von Reptilmenschen versklavt wurden) von Juden kontrolliert würden, sondern weil oft das basale Verständnis des Konfliktes fehlt. Das ist nicht verwunderlich: Wer in den 80ern und 90ern geboren wurde, der kennt in erster Linie den Status quo der besetzten Palästinensergebiete, die zweite Intifada und das zw… dr… siebzehnte modische Revival des Palituches.

Dabei gehört so viel zum Verständnis des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern (oder präziser: palästinensischen Arabern). Die Balfour-Deklaration 197, das Massaker von Hebron 1929, der israelisch-arabische Gründungskrieg mit der massenhaften Vertreibung von Juden und Arabern gleichermaßen, die Besetzung Gazas und des Westjordanlandes durch Ägypten bzw. Jordanien und so weiter. Es wurden lange, dicke, schwer lesbare Bücher über diese Geschichte geschrieben, und doch dürfte jedes zu kurz sein. Denn wie immer läuft es am Ende bei dem maximal unkonstruktiven “Aber der hat angefangen!” heraus, selbst wenn es vielleicht nur um eine Nachbarschaftsstreitigkeit geht, die 1880 irgendwo bei Betlehem blutig endete.

Dabei ist die Antwort auf die Frage, wer denn angefangen hat, ziemlich einfach, wodurch es erst richtig kompliziert wird. Schuld hat, wie bequemerweise sehr häufig, der reiche weiße Mann, der mittels Kolonialismus noch reicher und (im Vergleich zu denen um ihn) noch weißer werden wollte. Und noch vor ihm war da das Osmanische Reich, das sich so ziemlich allen eurozentrischen Kategorien entzieht – insofern dürfte der Nahostkonflikt dasjenige Phänomen sein, dass uns noch am Unmittelbarsten mit der Zeit- und Machtstruktur des Mittelalters konfrontiert.

Wenn also erst die Osmanen und danach die Briten die rechtliche Herrschaft über diese Region innehatten, dann ist ihnen auch die Verantwortung für das Ende ihrer Herrschaft anzulasten – und damit die Katastrophe, mit der wir uns seit gut 65 Jahren beschäftigen. Den einen dies und den anderen das selbe zu versprechen ohne beides halten zu können oder zu wollen ist der Kern, der uns in die realpolitische Lage des Jahres 2014 gebracht hat.


 

Da helfen auch die generalisierenden Schuldzuweisungen nicht. Weder “die Palästinenser” noch “die Israelis” sind als Entitäten geeignet, eine Lösung oder zumindest einen Frieden zu finden. Überhaupt, “die Israelis”. Beim Blick in die hiesigen Kommentarspalten kann man die Erleichterung förmlich riechen, dass einige (und gefühlt immer mehr) “die Zionisten” oder “Israel” sagen können, wenn sie doch eigentlich “der Jude” meinen. Und weil dieser Antisemitismus, der da durchscheint, immer mal wieder entdeckt wird, wurde flugs eine Auschwitzkeulenkeule entwickelt, mit der jede Kritik an judenfeindlichem Verhalten mit einem vermeintlichen Tabu der ‘Israelkritik’ abgeschmettert wird.

Dabei ist unsere Fokussierung auf Israel tatsächlich auf vielerlei Weise interessant, und wie wir den jüdische Staat behandeln sagt viel über den Zustand des Vergangenheitsbewusstseins in Deutschland aus. Vielfach ist auf die schrecklich hohen Zahlen der palästinensischen Todesopfer in Syrien und anderswo eingegangen worden, Zahlen die höher sind als jene des gesamten israelisch-palästinensischen Konfliktes, wegen denen sich allerdings kaum jemand auf die Straße oder hinter Frankfurter Polizeimikros wagt.

Dahinter ist Antisemitismus nur ein Aspekt, und zwar der moralisch verwerflichere. Der andere ist wieder eine schlichte Projektionsnebenwirkung: Syrien ist kompliziert, Libyen ist kompliziert, Ägypten auch, und das Narrativ der arabischen Bruderstaaten oder der “islamischen Welt” an der Realität abgleichend zu zertrümmern ist auch nicht schön. Wenn es nicht so ernst wäre könnte man von Israel als dem Troll sprechen, der die zersplittert-fragile arabische Welt auf einen gemeinsamen Antinenner bringt.

Denn stellen wir uns mal vor, Israel würde von einem Tag auf den anderen von der Landkarte verschwinden. Aliens, Scotty, was auch immer – Israel ist einfach weg, mit ihm die Juden und alles, was sie seit 1948 dort geschaffen haben. Glaubt jemand, dass die Region dadurch befriedet würde? Eine Region, die es sogar schafft in einem fußballfeldgroßen Gazastreifen Bürgerkriege zu entfachen? Der Hass gegen die Juden entsteht nie und nirgends wegen den Juden, sondern immer und überall wegen und aus den Judenhassern.


 

In diesen Wochen standen die Medien, insbesondere in Deutschland, wieder unter besonderer Beobachtung. Und, wie immer, waren Anhänger beider Parteien fest davon überzeugt, dass einseitig berichtet würde. Festgemacht wurde das wahlweise an zu wenigen Bildern palästinensischer Todesopfer oder der falschen Chronologie der Ereignisse in Schlagzeilen. Die meisten JournalistInnen dürften beim Thema Nahostkonflikt mittlerweile ihr ganz privates #gauchogate nachspielen, weil sie es niemandem recht machen können. Und wenn dann vom ZDF abgeordnete Korrespondenten über Twitter mit professioneller Betroffenheitsmine Kriegspornographie in Form von Fotos toter Kinder verbreiten, fehlt offenbar jede kritische Reflexion eines Mediums und seiner Verantwortung.


 

Öfter als Raketen aus Gaza fliegen im Netz verschiedenste Zitate herum, die mal dies und mal jenes belegen sollen. Problematisch ist, dass sie fast niemand liest und dass die über sie verbreiteten Argumente immer die gleichen sind. Die Hamas-Charta? ‘Ein Relikt anderer Zeiten, nur noch symbolische Wirkung.’ Es ist ermüdend, und es führt zu keinem Schluss. Und was soll das überhaupt für ein rein symbolhaftes Dokument sein, dass die Ermordung von Juden zelebriert?


 

Gleichzeitig breitet sich eine lustvoll apokalyptische Stimmung aus, ganz so als würden wir hier einen endgültigen, einen entscheidenden Schritt des Konfliktes erleben und nicht nur ein weiteres, von IDF-Pressemenschen betiteltes Kapitel der Endlosigkeit erleben, das in einigen Jahren per Wikipedia-Artikel zurück in die Köpfe geholt wird weil sich keiner merken kann was jetzt 2014 und was 2008 war. Blicken wir auf die Realpolitik, dann werden Raketen von beiden Seiten langfristig überhaupt nichts verändern, sie zementieren nur den Status quo: die Hamas möchte weiterhin Juden töten, und Israel möchte weiterhin seine Bürger schützen. Und mit jeder weiteren abgefeuerten Waffe festigt sich genau diese Situation, und mit jedem Zurückwerfen der Hamas-Hochrüstung um einige Jahre verlängert es sich. Durch Krieg ist dieser Krieg nicht zu gewinnen, und zumindest die begrenzt rational handelnde israelische Regierung wird das sicher wissen. Die Hamas hingegen entzieht sich unseren Vernunftkategorien, weil sie nicht mit Macht, mit Zielen und mit Konsens operiert, sondern mit Maximalforderungen und ohne Achtung vor eigenem und fremdem Leben.


 

Zu den größten Widerlichkeiten der Diskussion gehört der Vergleich der Todesopferzahlen auf beiden Seiten. Er suggeriert, dass Israel der Aggressor, aber zumindest der Haupttäter ist. Er negiert die zahlreichen Versuche des israelischen Militärs, zivile Opfer zu vermeiden. Und er lässt den Charakter der Hamas außen vor, deren erklärtes Ziel die Tötung von Zivilisten, von jeder Art jüdischen Lebens in Israel ist.

Gleichzeitig erinnert die Argumentation von Qassam-Raketen als “Spielzeugwaffen” an die Diskussionskultur von Impfgegnern. Während letztere argumentieren dass Impfungen nicht nötig seien weil Kinderlähmung überhaupt nicht mehr auftritt heißt es im Bezug auf Hamas, dass deren Waffen wenig mehr als symbolische Folklore wären, ganz vergessend dass die glücklicherweise geringen Opferzahlen der Hamas ganz entscheidend auf die strengen Grenzkontrollen Israels zurückzuführen sind. Stünden sich Israel und die Hamas mit den gleichen Waffen gegenüber, die Existenz des jüdischen Staates wäre in wenigen Tagen beendet.


 

Jürgen Todenhöfer, der stets gut frisierte Posterboy der neuen, mittelalten Friedensbewegung, ist ein Meister dieser Verkehrung von Ursache und Wirkung. Vor Ort aus Gaza berichtend, geriert er sich als irgendetwas journalistenähnliches, während er eigentlich Politik macht. Sein letzter Facebook-Post lohnt die tiefere Auseinandersetzung, um die ganze Perfidie seiner Agitation zu erkennen.

 Wir werden auch die heutige Nacht in Gaza verbringen müssen. Die Grenzen sind zu.

Todenhöfer schreibt das, ohne ein handelndes Subjekt zu nennen. Tatsächlich hat Israel einen Grenzposten offen gelassen, in erster Linie aus humanitären Gründen. Geschlossen wurde dieser von innen, und zum Beweis der kompletten inneren Abriegelung wird er gleichzeitig von der Hamas beschossen, die an genau dieser Stelle ihren ersten toten jüdischen Zivilisten bejubeln konnte.

DIE ERSTE SCHANDE ist die Entführung und Ermordung der jungen israelischen Siedler Eyal Yifrach, Gilad Shaar und Naftali Frenkel. 

An dieser Stelle benutzt er einen mittlerweile beliebten Kniff: natürlich verurteilt er diese Tat, alles andere wäre überraschend, erbärmlich und disqualifizierend. Aber er verwendet das Wort “Siedler”, ganz so als ob diese Jungen irgendetwas anderes wären als Jungen die dort wohnen, wo ihre Eltern wohnen. Als “Siedler”, so soll sich der Leser das weiterdenken, haben sie sich selbst ins Feindesland begeben, sind schuld an Völkerrechtsbrüchen und sind zumindest nicht völlig unschuldig an ihrem Schicksal. Man darf Todenhöfer hierbei auch der Lüge bezichtigen, denn zwei der drei Teenager lebten im (mit Ausnahme von Hamas und co) unbestrittenen israelischen Kernland.

DIE DRITTE SCHANDE besteht – nach wahllosen und brutalen Hausdurchsuchungen und Massenverhaftungen in der Westbank – in der völlig hemmungslosen Bombardierung der 1.8 Mio Ghettobewohner von Gaza.

Todenhöfer zieht zum ersten Mal den Nazijoker. Denn auch wenn das Wort Ghetto nicht aus der NS-Sprache stammt, so ist es doch eindeutig konnotiert. Gleichzeitig suggeriert er, dass die Bevölkerung bombardiert würde, also zivile Opfer das Ziel der IDF seien.

Wahrer Grund dieses massiven Bombenterrors ist nicht die weitgehend wirkungslose und dilettantische Schießerei der Hamas und des ‘Islamischen Jihad’. Die ich ebenfalls ausdrücklich verurteile. Sie begann nach der Tötung von 6 Hamaskämpfern in Gaza und sechs palästinensischen Zivilisten in der Westbank.

Die zweite Lüge Todenhöfers. Die Zahlen, Zeitpunkte und Orte der Beschießung Israels aus Gaza sind öffentlich nachvollziehbar, sie zeigen eine quantitative Steigerung der Raketenabschüsse, aber keinen abrupten Neubeginn. Todenhöfer verurteilt den Beschuss, wertet ihn aber als logische Folge israelischen Verhaltens. In dieses Bild würde der konstante Beschuss Israels nicht passen, deswegen wird er einfach weggelogen.

Aber die sinnfreie Hamas-Ballerei mit den massiven mörderischen Raketenschlägen der Israelis zu vergleichen, ist vollkommen realitätsfremd. Das zeigen schon die bisherigen Zahlen der Todesopfer: 193:0. Schlagzeilen wie “Israel unter schweren Beschuss” stellen die Tatsachen auf den Kopf. Gaza liegt unter schwerem Beschuss!

Todenhöfer, im Ex-Beruf Politiker, versucht sich als Sportreporter. 193:0! Unter den Widerwärtigkeiten des Nahostkonfliktes ist das eine ganz besondere. Nach seiner Logik wäre eine militärische Reaktion Israels nur gerechtfertigt, wenn die Hamas mehr Menschen töten würde. Gleichzeitig, obwohl vor Ort, verschwendet er keinen Gedanken daran, warum so viele Palästinenser sterben. Nur Israel kann für ihn daran schuld sein.

Und dazu kommt ein Foto, das ihn inmitten von Trümmern zeigt. Nachdenklich, betroffen, zwischen Dreck, Zerstörung und Chaos. Und um ihn herum, fein säuberlich ins Bild komponiert, sauber wie direkt aus dem Geschäft, Kinderspielzeug. Bilderbücher, Puppen, Teddybären. Als hätte eine göttliche Fügung sie bei der Zerstörung dieses Hauses genau dort hin gespült.

Jürgen Todenhöfer ist kein “Medienmanager” oder “Publizist”, er ist im Moment der begabteste Pressesprecher, den die Hamas je hatte. Anders als andere Fürsprecher(innen) des islamistischen Terrors gegen Israel spricht er nicht nur versprengte Gruppen von Ken Jebsen-Fans an, sondern zielt direkt in den Mainstream der deutschen Mittelschickt, und dort kommt er gut an mit seiner vordergründigen Friedensbewegtheit, die letzten Endes nichts anderes zum Zwecke hat als die einseitige Dämonisierung Israels.

Überrest der Woche (2): “An die Eltern unserer neudeutschen Jungen”

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Der vorliegende Rundbrief einer katholischen Jugendgruppe aus Soest stammt laut Kopfzeile vom 2. Januar 1935, einen Tag nach der erwähnten und bis heute viel zitierten Ansprache des Reichsjugendführers Baldur von Schirach.1 Was die Gruppenführung so in Aufruhr versetzte, dass sie nur einen Tag nach der Ansprache und somit am Tag des Abdrucks in den Zeitungen einen solchen Brief verfassten, waren die Äußerungen zum Nebeneinander von völkischer und christlicher Jugendarbeit. Die Hitlerjugend verlangte nämlich zum “Heranzüchten gesunder Körper” im völkischen Staat (Schirach) eine nahezu vollständige Hingabe ihrer Mitglieder. Besagte Doppelmitgliedschaften in Hitlerjugend und katholischen Jungenbünden waren seit Juli 1933 verboten, was über kurz oder lang die konfessionellen Verbände vollständig marginalisiert hätte. Die Gruppenleitung hatte also allen Grund, über die vermeintlich versöhnlichen Töne Baldur von Schirachs erfreut zu sein.

In der Rückschau hingegen wirkt der Brief fast naiv. Er klammert sich an das Reichskonkordat, das im Dritten Reich kaum das Papier wert war, auf dem es unterschrieben wurde. Es hatte lediglich den Nationalsozialisten genutzt, die damit ruhig gestellt wurden, der Kirche aber höchstens eine Gnadenfrist eingeräumt, bis auch ihre Kompetenzen Stück für Stück beschnitten wurden.


Abschrift:

Soest,den 2. Januar 1935

W i c h t i g !

An die Eltern unserer neudeutschen Jungen.

Auch Sie werden mit Interesse und freudiger Genugtuung in der Neujahrsansprache des Reichsjugendführers Baldur von Schirach folgenden Satz gelesen haben: “Jeder Einheit der nationalsocialistischen Jugendverbände wird gestattet,Gäste aufzunehmen,und zwar auch solche Gäste,die anderen Jugendverbänden,auch katholischen angehören.” “Allerdings wird das Verbot der Doppelmitgliedschaft in vollem Umfang aufrechterhalten.”
Das ist etwas Neues,Ungewohntes. Das könnte die erste Friedenstaube sein,die Brücke,die zu einer anderen und von uns erstrebten Lösung der Frage hinführt.Man kann daraus lesen die stillschweigende Anerkennung des Rechts der konfessionellen Verbände auf Sonderdasein und Eigenleben.Ist diese Deutung richtig,dann bringt uns wohl das neue Jahr auch noch mehr:die endgültige, friedliche Festsetzung der Ausführungsbestimmungen zu § 31 des Konkordates Und damit unser Recht,unsere Gleichberechtigung und den Lohn für die Treue.
Nur müssen wir uns vor übereilten Schritten hüten.Darum bitten wir Sie,die Sie durch Ihre Einsicht und Treue der guten Sache bisher so wertvolle Dienste geleistet haben, im einzelnen nichts zu unternehmen,bis
1) nähere Anweisungen der zuständigen Stellen ergehen darüber, wie das Gastverhältnis gestaltet werden soll z.B.über Umfang der Dienstverpflichtung in HJ und JV,über die Kluft etc.
2) vor allem Aesserungen und Anweisungen unserer Führer d.h.der Bischöfe bekannt gemacht werden.
Unsere Parole muss auch für 1935 lauten:Disciplin und Treue!
Es wünscht Ihnen Gottes Segen im neuen Jahr

Die Gruppenführung


 

Bisherige Überreste:

1. Hamburg-Amerika Linie


Die hier vorgestellten Stücke sind nach meinem Dafürhalten nicht oder nicht mehr urheberrechtlich geschützt und können somit frei und von jedermann verwendet werden. Über eine kurze Nachricht bei weiterer Nutzung würde ich mich freuen.

 

  1. Die Ansprache baut übrigens teils, ohne dies offenzulegen, wörtlich auf Hitlers “Mein Kampf” auf []

Überrest der Woche (1): Hamburg-Amerika Linie

Nach der überaus freundlichen Resonanz (in Äußerungen und Klickzahlen) auf die in der letzten Woche veröffentlichten Flugblätter des Zweiten Weltkriegs möchte ich daraus gerne eine Reihe machen. Mir liegen aus besagter Kommode wie auch dem reichhaltigen Nachlass meiner Familie viele papierene Überbleibsel aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor, die ich, ob politikhistorisch oder alltagsgeschichtlich, gerne der Reihe nach digitalisiert und mit einigen Anmerkungen und Kontextualisierungsversuchen versehen veröffentlichen möchte.

Hamburg-Amerika-Linie

Den Anfang macht die oben abgebildete Karte von etwa 6 cm Kantenlänge. Sie lag unsortiert in einem Briefumschlag, von dem in kommenden Beiträgen noch die Rede sein wird. Sie dürfte aus dem Hamburger Teil meiner Familie mütterlicherseits stammen, die dort bis heute Schuhgeschäfte betreibt. Es handelt sich um eine Freikarte der “Hamburg-Amerika Linie”, deren voller Name “Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft” lautete – abgekürzt Hapag, 1970 nach einer Firmenfusion zur bis heute bekannten Hapag-Lloyd geworden.

Eine Datierung der Karte fällt schwer. Die übrigen im Umschlag befindlichen Dokumente stammen ausschließlich von 1936, die Hamburg-Amerika Linie war allerdings schon 1935 in die “Bremer Nordatlantikdienst GmbH” aufgegangen.

Tatsächlich zieht die Karte ihren Reiz (für mich) nicht so sehr aus den enthaltenen Fakten, sondern aus den Konnotationen der Zeit – aus der Sensation eines Atlantik-Dampfers und aus der überwältigenden Ferne und Größe Amerikas. Sie reicht teils bis in den heutigen Tag, wo Besuche großer Kreuzfahrtschiffe in Hamburg mit riesigen Zuschauerzahlen und Fernsehübertragungen zelebriert werden.

Eine letzte Anmerkung: Es ist nicht bekannt, welches Schiff hier besichtigt werden sollte. Unter den in die fragliche Zeit passenden Schiffen der Hapag war allerdings auch die “St. Louis”, die traurige Berühmtheit erlangte: Im Mai 1939 stach sie mit 906 jüdischen Flüchtlingen in See, erhielt in der Karibik und den USA keine Anlegeerlaubnis und musste zurück nach Europa fahren. Ungefähr 250 der jüdischen Passagiere starben in den folgenden Jahren im Holocaust.

StLouisHavana

Familiäre Überreste

Es ist eine Geschichte, wie sie so oder ähnlich in fast jeder Familie vorkommt: Ein älterer Verwandter stirbt, bei der Auflösung des Haushaltes kommt es zu überraschenden Entdeckungen. So auch im Fall, um den es hier gehen soll. Nachdem meine Oma vor etwas über zwei Jahren starb, wurden ihre Möbel, ihre vielen, vielen Bücher und alles was sie sonst noch besessen hatte unter Freunden und Verwandten aufgeteilt, was keiner wollte kam auf den Sperrmüll.

So auch eine Kommode, die über Jahre im Keller gestanden hatte. Bevor sie allerdings an den Straßenrand gestellt wurde, entdeckte einer meiner Verwandten ein Zwischenfach, ganz hinten, das offenbar seit Jahrzehnten nicht mehr geöffnet worden war. In diesem Fach befanden sich Flugblätter, die von den Alliierten zu verschiedenen Zeitpunkten des Zweiten Weltkrieges über dem Deutschen Reich abgeworfen worden waren. Seit einiger Zeit sind diese Flugblätter in meinem Besitz, ich möchte sie nun der geneigten Leserschaft zugänglich machen. Für mich sind sie ein spannendes und lehrreiches Dokument der Neuesten Geschichte.

Es ist nicht eindeutig zu klären, wer aus meiner Familie mütterlicherseits die Flugblätter in dieser Kommode aufbewahrt hat. Sie aufzusammeln wie auch zu bewahren war in jedem Fall ein Risiko, wofür auch das Versteck in der Zwischenebene spricht.

Ich bin weder ein Experte für Flugschriften noch für die Propaganda oder gar Militärgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Literatur, die sich mit den Flugblättern an der Westfront auseinandersetzt, habe ich bislang nicht gefunden, bin aber über jeden Hinweis dankbar. Dementsprechend bauen meine Eindrücke nur auf den vorliegenden Primärquellen auf.

Blatt 1.1 “Die Festung Europa hat kein Dach”

01.1_Die_Festung_Europa_hat_kein_Dach

Das Flugblatt dürfte von Sommer 1943 stammen, es ist eindeutig an die Zivilbevölkerung in deutschen (Rüstungs-)Industriegebieten gerichtet und es zielt auf flächendeckende Demoralisierung. Es soll die unaufhaltsame Luftüberlegenheit der Alliierten gegenüber dem Reich demonstrieren und tut dies auch äußerst geschickt: die Zahlen sind zweifelsohne beeindruckend in ihrer Schrecklichkeit. Wie sie erst auf ArbeiterInnen im Ruhrgebiet nach den Bombardements gewirkt haben müssen, ist kaum vorzustellen.

Blatt 1.2 “So fing es an”

01.2_So_fing_es_anDie Karikatur spricht für sich selbst – Hitler im Pakt mit dem Teufel, 1940 triumphierend und 1943 schon geschlagen. Das darunter stehende Konvolut von Zitaten ist hingegen schon wieder sehr geschickt, den es spiegelt die Aussagen der NS-Größen auf dem Höhepunkt ihrer Luftmacht 1940 mit der Situation von 1943. Gleichzeitig wird Erhard Milch, immerhin Generalinspekteur der Luftwaffe, des historischen Irrtums überführt.

Blatt 2.1 “Das Afrikakorps gibt auf”

02.1_Das_Afrikakorps_gibt_aufDieses Flugblatt, wohl ebenfalls von Sommer 1943, richtet sich schon eher an die Wehrmachtssoldaten: es drückt ihnen demonstrativ Hochachtung aus und folgt schon dem später populären Narrativ der fähigen Soldaten, die von der unfähigen Führung erst falsch geleitet und dann in den sicheren Tod geschickt wurden.

Blatt 2.2 “Befreit”

02.2_BefreitEin rein assoziatives Bild.

Blatt 3 “Tunis: Weit über 160000 Gefangene in einer Woche”

03.1_TunisHier handelt es sich, ebenfalls von 1943, erstmals um ein nicht im typischen Propagandaton gehaltenes Dokument – natürlich folgt es dem selben Zweck, doch versucht es den Eindruck einer reinen Berichterstattung zu erwecken, auch wenn dieser wohl kaum einem Adressaten zu vermitteln gewesen wäre. Die Bilderstrecke auf der Rückseite (mit Blaskapelle) hingegen bricht diesen Eindruck wieder und dürfte kaum zur Glaubwürdigkeit beigetragen haben.

Blatt 4: “Wer hat den Blitzkrieg gewollt? – Wer wird den Weltkrieg verlieren?”

04.2_Wer_hat_den_Blitzkrieg_gewollt04.1_Wer_wird_den_Weltkrieg_verlierenDas letzte vorliegende Flugblatt von 1943, gerichtet gegen die NS-Propaganda über die Kriegsschuld und tatsächlich im Großen und Ganzen noch der heutigen Gymnasiallehre über den Zweiten Weltkrieg entspricht – Erika Steinbach sollte sich die Absätze über Polen noch einmal gut durchlesen.

Blatt 5: “Nachrichten für die Truppe”

05.1_Nachrichten_für_die_Truppe05.2_Nachrichten_für_die_Truppe05.3_Nachrichten_für_die_TruppeDas meines Erachtens spannendste der fünf Dokumente, datiert auf den 31. Oktober 1944, auf den ersten Blick nur dadurch nicht als deutsches Produkt zu erkennen, dass sich nirgends ein Hakenkreuz findet. Bei genauerem Hinsehen finden sich allerdings tatsächlich nur Nachrichten, die zur Demoralisierung der deutschen Soldaten beitragen sollten: neben typischen Front- und Schlachtberichten finden sich Kommentare zur Lage der Bevölkerung und “Vermischtes” mit eindeutigem Hintergrund, so Geschichten zu bei Operationen verstorbenen Chirurgen (wegen Überlastung und weil die jungen Ärzte an der Front sind), über gefallene bekannte Musiker und über eine Eiche in Unna, die nach einem Bombenangriff plötzlich wieder Knospen ansetzt.


 

Es lohnt sich, diese Dokumente durchzulesen, und dabei einen klaren Kopf zu bewahren: Es fällt schwer, sich in die Sprache der Propaganda der Zeit hineinzuversetzen, denn wir kennen diese Sprache oft doch nur von Goebbels. Ich würde mich freuen, wenn LeserInnen noch andere Dinge auffallen, vielleicht auch Kompetenteres als meine ersten Eindrücke.

Ich habe keine Vorstellung von der urheberrechtlichen Situation dieser Flugblätter, ich gehe davon aus, dass sie gemeinfrei sind. Ohne mir irgendein Recht an ihnen zueigen zu machen können sie meinetwegen frei von jedem zu eigenen Zwecken verwendet werden.

Download aller Flugblätter (JPG, 300dpi)

#seeschlachtplag zu und alle Fragen…

Der Verlag C.H. Beck, der ohne den Vornamen “altehrwürdig” so selten auskommt wie weiland Mehdorn ohne “Bahnchef” hat eine Pressemitteilung herausgegeben (PDF), aus der ein pofallascher Wunsch nach Beendigung der Dinge spricht. Aber, wenn schon die Überschrift arg bemüht  Brecht zitiert, bleiben Fragen offen. Dementsprechend hier Gedankenfragmente Teil III zu #seeschlachtplag:

1. Arne Janning hat übertrieben. Das war eigentlich recht bald deutlich, und er hat den Fehler gemacht es in dieser Vehemenz öffentlich zu tun. Seine zu erwartenden rechtlichen Probleme erwachsen dabei aus einer Formulierung (“vollständig zusammenkopiert”) und einer Behauptung (DFG-finanziert), die nicht haltbar sind. Das ist ärgerlich für ihn wie auch für sein lobenswertes Ansinnen, der deutschsprachigen Wissenschaft mehr Reinlichkeit zukommen zu lassen.

2. Der Verlag hat wahnsinnig schnell gearbeitet und dabei deutlich mehr übernommene Textstellen gefunden als ich vermutet hätte – darunter den in der Diskussion bislang völlig neuen Aufsatz “Mythos Trafalgar” von Thomas Siebe. Damit weitet sich der Skandal über Wikipedia hinaus aus. Ich habe gleichzeitig gemerkt, dass ich offenbar kein besonders guter Plagiatsdetektiv bin, denn viel von dem was gefunden wurde habe ich überlesen. Gleichzeitig ist die Frage, wieviel C. H. Beck selbst übersehen hat.

3. Was der Verlag vollkommen ausspart und damit ein entscheidendes, auch juristisch hoch relevantes Detail komplett aus der Diskussion nimmt, ist die rechtswidrige Übernahme eines Wikipedia-Fotos ohne Namensnennung des Urhebers. Wie schon zuvor gesagt: Eine simple Nennung im Bildnachweis-Anhang hätte den Bedingungen genügt, aber das war für die Autoren offenbar nicht machbar; somit haben sie eindeutig das Urheberrecht verletzt und, nimmt man Verlagsduktus zu Hilfe, eine Raubkopie in ihrem Buch untergebracht.

4. Abseits von der juristischen Dimension ist diese Übernahme ist diese meines Erachtens auch ein besonders krasser Fall von wissenschaftlichem Fehlverhalten. Die Autoren haben hier auf einer viel konkreteren Ebene als bei Erläuterungen von Rumpfgeschwindigkeiten geistiges Eigentum ohne Weiteres in ihren Besitz überführt. Diese feindliche Übernahme, die mit einem kleinen Hinweis zu legalisieren gewesen wäre, signalisiert dabei mangelnde Achtung vor der Schöpfung anderer. Ich bin mir nicht sicher, wie ich als Student meinem Professor Rader in Zukunft gegenüber treten würde.

5. Das Angebot von C. H. Beck,sich an einer Diskussion über Wikipedia in der Wissenschaft zu beteiligen, ist zu begrüßen. Dazu würde allerdings meines Erachtens auch materieller Aufwand zählen, das heißt Diskussionen und Workshops, die allerdings nicht die ausgetretenen Pfade der immer gleichen Wissenschaftler geht, sondern unten ansetzt, bei denen, die mit Wikipedia schon in der Universität aufgewachsen sind. Denn wenn sich Rader zitieren lässt, früher habe man den Brockhaus benutzt und nun halt Wikipedia, dann ist das Ausdruck eines nicht digital-nativen Denkmusters und zudem ein äußerst schiefer Vergleich. Wikipedia ist in einigem weniger als der Brockhaus und in vielem deutlich mehr.

#seeschlachtplag II

Zwischendurch, wenn ich gerade kein Kind zu betreuen habe und die Dissertationsmotivation eine Delle erleidet, nehme ich mir seit Mittwoch den (schönen) Druck der Rader-Karsten-Seeschlachten zur Hand und gucke, ob mir Textübernahmen auffallen. Zuvorderst: Viele sind es bislang nicht, und die meisten würde ich jedem meiner Studierenden mit einem zugedrückten Auge durchgehen lassen. Ein paar andere Bemerkungen muss ich trotzdem loswerden.

1. So einfach, wie es sich Sven Felix Kellerhoff macht, ist es eben nicht, und für mich schimmert dort das Zurücksehnen in Tage, in denen man im Elfenbeinturm machen konnte, was man wollte, in jeder Zeile durch. Kellerhoff schreibt:

In allen Fällen handelt es sich um reine Faktenbeschreibungen ohne irgendeinen intellektuellen Mehrwert

Und schon da würde ich entschieden widersprechen. Denn die mittlerweile schon fast berühmte “Rumpfgeschwindigkeit” ist keine reine Faktenbeschreibung, sondern eine Erläuterung eines Umstandes, der den allermeisten Lesern bis dato unbekannt gewesen sein dürfte. Auch dem Autoren dürfte er zumindest nicht vollständig präsent gewesen sein, immerhin recherchierte er offenbar bei Wikipedia – und benutzte dann sehr offensichtlich Copy & Paste.

2. Arne Janning dürfte nicht mit der Aufmerksamkeit gerechnet haben, sonst hätte er meiner Einschätzung nach nicht so vollmundig begonnen. Das Werk ist mit Sicherheit nicht “vollständig aus Wikipedia-Einträgen zusammenkopiert”, es finden sich nicht auf “*jeder* Seite wörtliche, nicht gekennzeichnete Übernahmen”, und weder von DFG noch von Bundesforschungsministerium wurden hier offenbar Finanzierungen geleistet.

3. Es ist ziemlich unzweifelhaft, dass Rader und Karsten das Urheberrecht eines griechischen Wikipedia-Autors verletzt haben, der ein Bild der “Olympias” hochgeladen hatte. Nicht nur, dass die nun wirklich simplen Lizenzauflagen des Fotografen missachtet wurden (dem nun ein nicht ganz geringeres Honorar zusteht), die Autoren waren dabei unredlich genug, das Bild als eines aus ihrem eigenen Archiv auszugeben. Faszinierend daran ist, dass der offenkundige Rechtsbruch anscheinend als potenziell weniger schädlich angesehen wurde als der Reputationsverlust dadurch, die Verwendung von Wikipedia/Wikimedia Commons für die eigene Arbeit zuzugeben.

4. Eine Stelle, die mir aufgefallen ist (und die selbst wohl nicht als Plagiat gelten dürfte), betrifft den Flugzeugträger USS Enterprise:

Rader/Karsten Wikipedia
Das Schiff nahm an allen großen Marineoperationen der USA von der Kuba-Krise 1962 über den Vietnam-Krieg bis zu den Golfkriegen teil. Die Enterprise nahm seit ihrer Indienststellung an allen größeren Operationen der US-Marine, unter anderem der Seeblockade Kubas, dem Vietnam- und dem Golfkrieg teil.

Tatsächlich befinden sich hier in beiden Quellen offenbar leicht unterschiedliche Fehler an der selben Stelle: Die USS Enterprise nahm nicht am Golfkrieg 1990/91 teil, da sie zur Wartung in einer US-Werft stand (und das ganze vier Jahre lang). Der reine Text der Wikipedia könnte in Hinblick auf den Golfkrieg 2003 noch stimmen, allerdings verlinkt das Wort “Golfkrieg” auf die Operation Desert Storm. Rader/Karsten hingegen schrieben gleich von “den Golfkriegen”, was tatsächlich und eindeutig und auch ohne Hyperlink unrichtig ist.


 

Ich sehe hier mittlerweile nicht mehr das Skandalpotenzial, das am Anfang möglich gewesen wäre. Ein Problem ist es natürlich trotzdem, nicht nur weil die Autoren Dinge stillschweigend übernommen haben, sondern auch weil ihnen dabei, liest man die bisherigen Statements, größeres Unrechtsbewusstsein fehlt. Und weil C.H. Beck einen Ruf zu verlieren hat. Und, vor allen Dingen, weil in der Wissenschaft, insbesondere in der Geschichtswissenschaft, offenbar ein unehrlicher, verkrampfter und an der Realität vorbei gehender Umgang mit Wikipedia herrscht.

#seeschlachtplag, erster Durchgang

Die bisherigen Ereignisse, Anschuldigungen und Reaktionen zum möglichen Plagiatsfall um “Große Seeschlachten” von Arne Karsten und Olaf B. Rader sind gut zusammengefasst im wp:kurier und, natürlich, bei Erbloggtes.

Ich habe das Buch heute morgen in der UB Heidelberg ausgeliehen und gerade, ausgehend vom ersten Befund bei Erbloggtes, nur jene Bilder angesehen, die im Abbildungsverzeichnis als aus dem “Archiv der Autoren” ausgewiesen werden. Die hier dargestellten Ergebnisse sollen ausdrücklich keine Wertung und kein Urteil beinhalten. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass viele Abbildungen historischer Ereignisse und Personen aus Büchern auch in der Wikipedia erscheinen, genau wie im vorliegenden Werk. Es würde auch keinen Sinn machen sich absichtlich ein anderes Abbild eines Schiffes zu suchen, nur weil dieses auch im Wikipedia-Artikel verwendet wird.

Von den 17 Abbildungen aus dem “Archiv der Autoren” befinden sich also 13 auch in Wikipedia und Wikimedia Commons. Interessant ist sicherlich der Fall von Seite 31, der einen glasklaren Verstoß gegen das Urheberrecht wahrscheinlich macht: Die erforderliche Namensnennung zur Veröffentlichung des Fotos wurde nicht eingehalten, wodurch in diesem Fall die kostenfreie Lizenz erlischt.

Ähnlich, wenn auch nicht rechtlich greifbar, verhält es sich mit dem Fall von Seite 53, einer Abbildung der Schlangensäule. Das Bild wurde von seinem Urheber in die Public Domain entlassen und ist damit lizenzkostenfrei zu nutzen. Eine Nennung der Herkunft des Bildes wäre aber, zumindest meiner bescheidenen Doktorandenmeinung nach, wissenschaftlich redlich gewesen.

Einen mir unklaren Fall stellt die Seite 319 dar. Das Bild ist meines Erachtens selbst gemeinfrei, allerdings unter der Creative Commons-Lizenz cc-by-sa mit Namensnennung “Collection of P.H. Proctor” online gestellt. In jedem Fall ist es nicht einleuchtend warum für die meisten anderen Bilder “ihre” Museen und Archive eigens angegeben werden, in diesem Falle allerdings nicht.

Es wird bei den Reproduktionen nicht nachweisbar sein, dass diese aus der Wikipedia übernommen wurden, und es ist auch nicht entscheidend. Es gibt aber Hinweise: Das Bild auf Seite 168 hat in Buch wie Wikipedia den identischen, quadratischen Ausschnitt, den ich (ohne jeden Beleg) nicht für den Originalausschnitt halte.

Dies fürs erste. Für eine Migration der Arbeit auf eine andere Plattform bin ich gerne zu haben.