Die besten Songs der Welt (4)

Was wir alle gerne wollen, ist Rockstar sein. Zumindest in irgendeiner Phase unseres Lebens. Und irgendwann sieht man Neil Young und Keith Richards und ist doch froh, Versicherungskaufmann geworden zu sein. Oder Comicverkäufer. Man tauscht Glamour gegen Gesundheit und Ruhm gegen Riester. Und zwischendurch kommt es dann doch wieder durch, zumindest wenn man mit 16 Gitarre gespielt hat und auch mal eine Band hatte, die es maximal auf den Mitleids-Slot im örtlichen Jugendzentrum gebracht hat.

Steile These: Durch den ungeheuer schnellen Popmusikdurchlauf gibt es gar keine Rockstars mehr. Keiner kann damit rechnen, dass er in zwei Jahren noch von einem Hahn bekräht wird und dass die Tantiemen von “Sex on Fire” reichen, bis man was ordentliches gelernt hat. Auf dem Weg nach unten sieht man die ganzen Leute und Schreckgespenster wieder, da ist es nicht so geschickt, verbrannte Erde zu hinterlassen.

Der vierte beste Song der Welt kommt von einer Band, die von den ganz besonders profilneurotischen Musikexperten schon vor ihrem ersten Album als “alt” verschmäht wurde. Die Vorabsingles wurden gefeiert und laufen heute noch in Clubs, das Album hielt alles, was vorab versprochen wurde, es passte in die Zeit, aber je schneller der Durchlauf geht, desto schneller wird es langweilig. Das fing mit “D.A.N.C.E.” an, dem Radiohit, den selbst ich nicht mehr hören kann. Und am Ende ging die Zeit vorbei, die nach dem Label benannt war, und damit war der Hype beendet. Einfach so. Und was dabei vergessen wird, ist dass “†”, so heißt das Album, zum Besten gehört, was in diesem Jahrtausend bisher erschienen ist.

Justice wissen nämlich um die Beschleunigung, und sie finden das zu Recht auch gar nicht so schlimm. Und wildern sich deswegen quer durch alle Musikstile, die ihre Eltern im Plattenregal stehen hatten, und sie katapultieren sich durch zehn Metaebenen auf einmal, bis das Meta-Egal zum Statement wird. Klingt blöd, funktioniert aber. Und kombiniert, rein musikalisch, die bauchigsten Bratz-Bässe, die bescheuertsten Lärm-Samples und die treibendsten Beats. Und weil das ja Franzosen sind, kommt irgendwo immer, wenn auch vielleicht gut versteckt, ein bisschen “La Boum”-Pop durch. † ist voll davon, und weil es hier um Songs geht, im Speziellen vom “Phantom Pt. II”. Hier könnte genauso gut “Genesis”, “Phantom”, “Stress” oder “Waters of Nazareth” stehen, die genauso großartig sind. Aber zu “Phantom Pt. II” gibt es ein Video, das perfekt ist. Bei einer USA-Tour gedreht, wechselt es in unanständig schnellen Schnitten zwischen Rockstar-Pose, Mädchen mit hübschen Popos, Homoerotik und Urlaubsvideo. Wer das nicht versteht, ist auch im Kopf Versicherungskaufmann. Der vierte beste Song der Welt ist “Phantom Pt. II” von Justice.

JUSTICE – PHANTOM II HD from Pedro Mendes on Vimeo.

KAWO3

Montag: Bereite mich bis zur letzten Minute auf mein Referat über die Memoiren Donald Rumsfelds vor. Alles läuft gut, in letzter Sekunde vor dem Druck korrigiere ich das Datum auf dem Handout noch auf “2012”. Mit akademisch verschleierten Beschimpfungen des Autoren bekomme ich die Zuhörer auf meine Seite. Wenn das mal immer so einfach wäre.

Dienstag: Muss mir von einem Osteuropahistoriker erklären lassen, dass die meisten israelischen Historiker über die Entstehung des Zionismus lügen würden. Würde dem gerne etwas entgegensetzen, ist aber eine Vorlesung und ich brauche den Schein. Außerdem nicken die 80% Seniorenstudenten im Hörsaal so deutlich zustimmend. Hinterher gehe ich in eine Vorlesung, die ich sonst nie besuche. Den Schein möchte ich nicht.

Mittwoch: Fahre erstmals und ausnahmsweise mit dem Auto zur Uni. 45 Minuten Vorlesung und 90 Minuten Busfahren sind so demotivierend. Lerne, dass Abraham Lincoln am Karfreitag erschossen wurde. Was würde da heute draus gemacht, wenn ein Rick Santorum an Karfreitag den Opfertod sterben würde?

Donnerstag: Melde mich von zwei Modulprüfungen ab. Hiermit ist mein Sommersemester 2012 besiegelt. Danach ist aber wirklich Schluss. Esse Gurken und lerne als Abfrager Pharmazeutisches Recht. Nirgendwo auf der Welt gibt es mehr Bürokratie als in Apotheken.

Freitag: Es ist windig. Eine REWE-Flagge vor dem Supermarkt ist abgerissen. Lerne mehr Pharmazeutisches Recht. Merke, dass ich meinen guten 2012er-Vorsatz habe schleifen lassen und KAWO2 vergessen habe. Beschließe, KAWO2 ausfallen zu lassen.

Samstag: Gucke morgens beim Abfragen australischen Profifußball. Australischer Fußball ist wie Abitreffen: Man trifft jede Menge alte Gesichter. Nur dass die meisten aus meinem Jahrgang nicht in Deutschland gescheitert sind. Es ist ein gutes Spiel. Brisbane dreht in der 93. und 94. Minute noch das Spiel, Thomas Broich feiert, Besart Berisha auch.

Sonntag: Abfragen, abfragen, abfragen. Zwischendurch ruft meine Mutter an und sagt, dass sie auf ihrem neuen Laptop noch Windows braucht. Muss ihr erklären, dass Windows NICHT das Schreibprogramm ist. Brate ein Rumpsteak. Gucke Dschungelcamp. Ganz schön langweilig bisher in dieser Staffel.

KaWo1

Einer meiner wenigen Vorsätze für 2012 ist, mehr zu bloggen. Den Schweinehund überwinden. Einen relativ simplen Ansatz habe ich bei der wunderbaren, stets lesenswerten ellebil geklaut: Ab jetzt jede Woche ein Kurzüberblick, was so passiert ist.

Montag: In Wesel rumgelungert. Kurzer, netter Familienbesuch. Mit dem Hund am See gewesen, die immer noch nicht besseren Wurfkünste meiner Schwester bewundert (bei Bundesjugendspielen hat sie mal unter einem Meter weit geworfen). Den Ball des Hundes aus einem Baum geholt. Später Rumpsteak.

Dienstag: In die Weseler Innenstadt gewagt. Socken gekauft, Batterien für das (trotzdem weiterhin kaputte) Telefon meiner Mutter, die Little Miss Sunshine-DVD für die Frau meines Vaters, eine Johnny Cash-CD für ihn selbst. Der Saturn in Wesel ist super, weil er ein Vollsortiment hat, dort aber niemand gute Musik kauft. Die “The Colour and the Shape” von den Foo Fighters haben wir mal für 1,95€ dort erstanden.

Mittwoch: Es geht früh von Wesel nach Köln zu einer Freundin meiner Schwester. Die wohnt mit ihrem Freund in einer WG mit einer 70-jährigen Frau, die für ihre Enkelkinder gerade Nudeln mit vielen Kräutern kocht. Nach zwei Stunden geht es nach Oberpleis. Das liegt im Siebengebirge. Dort wohnt mein Vater und meine kleine (Halb-)Schwester. Wir gehen ins Brauhaus Leddeköpp, das einem meiner besten Freunde aus Kindergartenzeiten gehört und in dem er kocht. Seit 18 Jahren nicht gesehen, trotzdem wiedererkannt. Bestes Schnitzel meines Lebens gegessen, das Schweinefilet mit Blutwurstkruste war mindestens genauso gut. Empfehlenswert, falls man mal in der Gegend ist. Mit selbstgebrautem Bier! Anschließend Bescherung. Solides finanzielles Fundament für ein Heimwerkerprojekt geschenkt bekommen. Gute Resonanz auf meine Päckchen bei den anderen. Abends zum ersten 30. Geburtstag meines Lebens in eine andere Welt. Alle nett, alle Bio-Technik-Gen-Wasauchimmer-Absolventen. “Professur will ich nicht, zuviel Arbeit für zu wenig Geld”. Heieiei.

Donnerstag: Es gibt Moussaka und Tiefkühlpizza zum Frühstück, wir nennen es dann lieber Brunch. Danach werde ich zum Poesiealbumeintrag zwangsverpflichtet. Punkte mit Ringelnatz-Gedicht und Selbstgemaltem. Ab auf die A3 Richtung Heimat, es regnet wie Scheiße. Abends ausgiebige Planung der Bestellung beim Inder, Inder hat allerdings Urlaub. Freund von Schwester vom Bahnhof holen, Pizza. Am Ende des Tages “Blades of Glory” geguckt, glücklich.

Freitag: Krank, kriege über den ganzen Tag ein halbes Brötchen runter. Die anderen besichtigen derweil Speyer. Bin neidisch. Kein “Blades of Glory”.

Samstag: Silvestertag ist Inventurtag. Denke den ganzen Tag nur in siebenstelligen Pharmazentralnummern und Schachtelanzahlen. Merke, dass manche Leute für eine ihnen gesagte Nummer 20 Sekunden fürs Tippen brauchen und andere 3. 20-Sekunden-Person geht dann irgendwann um eine Serie im Internet zu gucken. 3-Sekunden-Person geht später mit mir nach Hause, wo weiterer Besuch angekommen ist. Wir bauen das Raclette auf, meine Schwester wird krank. Ruhiger wurde Silvester nie gefeiert. Schön trotzdem.

Sonntag: Habe tatsächlich einen Mini-Kater von den drei Tequila Sunrise. Die Reisegruppe besichtigt den Tierpark Walldorf mit seinen Ziegen, Pfauen und Lamas. Wetter bleibt scheiße, aber man kann im T-Shirt im Garten stehen. Was ist hier eigentlich los? Nachmittags geht das Auto während des Ausrollens vor einer Ampel einfach aus. Abends Traumschiff. Anstrengende Woche, aber gut.

Beethoven im Dritten Reich

Vor ziemlich genau einem Jahr saß ich im Studentensekretariat der Universität Bonn und ließ mich exmatrikulieren, mit einem Bachelor of Arts in der Tasche (für den ich lange genug gebraucht habe). Zeit genug ist vergangen, um meine damalige BA-Arbeit online zu stellen – eine Möglichkeit sie zu veröffentlichen hat sich zerschlagen und ich freue mich bei jeder Internetrecherche, wenn ich mal durch universitäre Arbeiten querlesen kann. Also: Falls sich jemand für Beethoven-Rezeption, das Dritte Reich, seine Musikpolitik, die “Entartete Musik”, Elly Ney oder wenauchimmer interessiert, einfach mal reinlesen. Der Rest kann das vergessen.

Beethoven im “Dritten Reich”

Die besten Songs der Welt (3)

Auch als größter Popstar der Welt kannst du in Krisen geraten, was keine besondere Erkenntnis darstellt. Dann sitzt du am Set eines Films, von dem keiner denkt dass er jemals große Relevanz besitzen wird, deine Ehe geht vor die Hunde und der Rest deiner Band hat gerade auch nicht so viel Lust, irgendwas Konstruktives anzustellen. Die US-Medien greifen sich ein uraltes Zitat von dir aus dem Kontext und zerfetzen dich in der Luft. Und du sitzt da und weißt nicht, ob das vollständige Alleinsein aus dir ein Genie oder einen Verlierer gemacht hat.

Und dann greifst du dir die Gitarre und schreibst einen reduzierten, ruhigen, überehrlichen Song, der mit den Zeilen “There’s no one on my wavelength / I mean, it’s either too high or too low / That is you can’t you know tune in but it’s all right / I mean it’s not too bad”.

Und dann bist du doch wieder mit deiner Band im Studio, spielst ihnen den Song vor, ihr habt nur vier Spuren auf Magnetbändern und nehmt trotzdem exorbitante 45 Stunden an Material auf, für diesen einen, reduzierten, überehrlichen Song, und am Ende kommt der Grundstein dessen dabei raus, was in den kommenden 40 Jahren “Psychedelic Rock” genannt wird.

Du hast nämlich den Text vollständig verfremdet, du hast bis dato in der Popmusik unbekannte Instrumente eingesetzt, du hast Streicher eingesetzt, du hast mitten in den Aufnahmen die Tonart verändert und möchtest am Ende mehrere Takes zusammensetzen. Heutzutage geht das per Copy&Paste, damals heißt das, Bänder auseinanderzuschneiden, zusammenzukleben, und um die Tonart anzugleichen verschiedene Tricks mit langsamem und schnellem Abspielen zu kombinieren. Am Ende kommt etwas hervor, was irgendwie leiert, aber dabei so großartig klingt und rumpelt, das es an die Öffentlichkeit muss. Eigentlich arbeitet ihr gerade an einem Konzeptalbum, aber da passt es irgendwie nicht. Also kommt es auf eine Doppel-Single, etwas, was es heute gar nicht mehr gibt, aber hier sind A- und B-Seite der Schallplatte gleichberechtigt. Beide Songs haben beide Nostalgie und Kindheitserinnerungen zum Thema, aber sie markieren doch eine Wende. Der eine ist im typischen Pop der früheren Jahre zuhause, der andere zeigt den Bruch auf zu hemmungsloser Innovation. “Penny Lane” ist groß, “Strawberry Fields Forever” ist der Gipfel.

Die besten Songs der Welt (2)

Wenn ich mal wieder Unterhaltung in meinem Kopf brauche, dann stelle ich mir selbst den Satz “Alles was ich über Songwriting weiß, habe ich von … gelernt”, und versuche die Punkte durch Bands oder Songwriter zu ersetzen.* Natürlich ist das Blödsinn, weil man so ziemlich von allen lernt, die man mal gehört hat, positiv oder negativ. Aber interessant ist auch die Frage, was ich denn da gelernt habe. Und ich weiß: Eines der besten Mittel ist es, einen Song lange nach vorne zu treiben, bis er im Refrain erlöst wird – von Lärm, von stumpfem Rhythmus, von Komplexität oder einfach einer simplen Tonfolge. Oft genug kommt es dabei vor, dass nach einiger Zeit diese Erlösung, die man als erstes im Kopf behielt, nach hinten rückt, und die eigentlich aufschiebende Strophe ihre wahre Größe gewinnt.

Beim zweiten Song dieser Reihe ist der Aufbau genau so. 82 Sekunden dauert es bis zur Erlösung, bei knapp drei Minuten Songlänge ist das gegen jede Regel guter Popmusik, und gerade das macht es so großartig. Kopfstimme, Stumpfrhythmus, Kitschoverload entmutigen so manchen, aber dann kommt eine Keyboard-Hookline, die sich vor Radiolegenden  wie ABBAs “Gimme Gimme Gimme” (übrigens selbst ein gutes Beispiel für so ein Songwriting, nur dass man sich dort nicht traute, die Hook am Anfang zu vermeiden) sicher nicht verstecken muss.

Und wie bei fast allen in dieser Reihe gefeatureten Songs ist es auch hier so, dass es nur einer unter vielen Songs eines großen Albums ist. Nummer 1 war “London Calling”, Nummer 2 heißt “Manners” und ist, in Bestenlisten-Maßstäben, noch ziemlich jung, nämlich von 2009. Und trotzdem ein Anhören wert. Popmusik, wie ich sie meine.

Ich habe zu diesem Song zwei Videos gefunden. Oben das Offizielle, darunter ein Inoffizielles, das ich viel schöner finde, weil es fast ausschließlich aus gemeinfreien Tanzaufnahmen besteht – und sogar bei mir die Lust auf Mitmachen weckt. Meine Lieblingsszene kommt dabei um 1:52 Minuten herum. So simpel, so langsam, so schön. Da geht mir das Herz auf. Der zweite beste Song der Welt: Sleepyhead von Passion Pit.

"Sleepyhead" by Passion Pit from Barker Gerard on Vimeo.

* Bisherige Top-Kandidaten: Neil Young, Foo Fighters, Fantomas

Die besten Songs der Welt (1)

Ich gebe zu, es hat ein wenig gedauert. Ohne Gründe. Sorry. In meinem Kopf rumorte es immer wieder, die Liste der besten Songs der Welt ist angewachsen, aber immer noch nirgendwo aufgeschrieben. Aber jetzt gehts halt doch mal los.

11. April 1981, gute drei Jahre vor meiner Geburt, im Londoner Süden. Ganz England leidet unter der Wirtschaftskrise, aber dieser Stadtteil ist ganz besonders betroffen. Die Kriminalitätsrate ist mehr als überdurchschnittlich und die Polizei offenbar nicht daran interessiert, deeskalierend zu wirken. Spannung liegt schon seit Monaten in der Luft, doch die Durchführung der “Operation Swamp 81” ist der Auslöser, der zum Aufstand reicht. Die Polizei darf jeden Passanten anhalten und durchsuchen, den sie für verdächtig hält, irgendetwas Falsches getan zu haben – unabhängig von Beweisen, Indizien oder auch nur eines angezeigten Verbrechens. In dieser Atmosphäre passt es nur allzu gut ins Bild, dass fast ausschließlich schwarze Jugendliche, hauptsächlich aus der Karibik, durchsucht werden, die in diesem Ort das Stadtbild ohnehin ausmachen. In der Nacht zieht die Polizei ihre Einheiten zusammen, was als weitere Provokation aufgefasst wird.

Am Ende dieses Wochenendes sind um die 300 Polizisten verwundet worden, 116 Autos haben gebrannt und 82 Menschen sitzen zumindest vorübergehend in Haft. Der “Bloody Saturday” von Brixton geht in das kollektive Gedächtnis ein.

Zwei Jahre vorher sitzt Paul Simonon an seinem ersten Song, den er als Bassist für seine Band The Clash schreibt. Er hat gelernt Gitarre zu spielen, weil man mit Songwriting mehr Geld verdient als damit, am Bass auf der Bühne zu stehen und die Tourposter für die Band zu gestaltet. Der Song heißt “Guns of Brixton” nach Simonons Heimatort, und er ist ein beinahe unglaublicher Vorgriff auf die späteren Ereignisse. Nur beinahe, weil er sich nicht aus einem Zufall speist, sondern weil er aus einer textlich wie musikalisch begnadeten Beobachtungsgabe gespeist wird. Mit seinem Offbeat begründete Simonon mal eben ein stilbildendes Element des späteren Punkrock und Ska, mit der Basslinie fütterte er für kommende Jahrzehnte Welthits von Fatboy Slim bis Cypress Hill. Mit dem Text entwickelte er nur die Atmosphäre weiter, die er selbst in Brixton erlebt hatte. Mit der sich von Joe Strummer unterscheidenden, etwas teilnahmslos klingenden Art zu singen setzte er einen Gegentrend zu allem, was Punk bis dahin ausgemacht hatte (auch, wenn er das nicht wollte: Seinen Take sang er im Angesicht eines ihm verhassten CBS-Mannes, der im Studio vorbeigeschaut hatte – Simonon konnte es einfach nicht besser).

Es gibt viele gute Songs von The Clash, es tut fast weh, Joe Strummer so außen vor zu lassen, und hiermit sei jedem, der es noch nicht besitzt, das gesamte Werk der Band wärmstens empfohlen. Guns of Brixton aber ist so ein Kulminationspunkt, an dem Text, Musik, Produktion und Aufnahme in ein Meisterwerk verschmelzen, das auch 32 Jahre später nicht viel von seiner kulturellen Sprengkraft verloren hat.

When they kick at your front door, how you gonna come?
With your hands on your head or on the trigger of your gun?

The Clash – Guns of Brixton from Renan Godoy on Vimeo.

Die besten Songs der Welt

So eine Idee spukt schon lange in meinem Kopf rum, vorzugsweise wenn ich einen Ohrwurm habe oder mit Kopfhörern auf den Ohren im Bus sitze (und der Shuffle-Modus es ausnahmsweise mal gut mit mir meint). Hey, natürlich ist Musik total subjektiv, aber warum sollte mich das an einer Auflistung der in meinem Universum objektiv großartigsten Songs hindern? Songs, bei denen ich mir kaum vorstellen kann, dass irgendjemand sie nicht großartig findet? Dabei sind mit Sicherheit (genau weiß ich es noch nicht, habe noch keine Liste) Klassiker, auf jeden Fall aber auch Sachen die so erstmal nicht jeder kennt. Und zu jedem Song schreibe ich was. Irgendwas, das mir eingefallen ist. Und hoffe auf Rückmeldung und vielleicht sogar Erklärungen, warum irgendjemand diesen Song nicht so großartig findet wie ich.

Mehr als die Idee habe ich also ganz offenbar noch nicht, und so bleibt das für mich auch spannend. Was ich nicht will, ist lahmarschige Rezensionen wie ich sie von 2003 bis 2008 zur Genüge geschrieben habe. Den Rest wird man sehen. Bald gehts los.

Das_Musikzimmer, Ouvertüre

Seit ich umgezogen bin lockt mich ein Zimmer im Keller mit der Aussicht, daraus ein Musikzimmer zu machen. Seit gut 12 Jahren mache ich Musik (Klavier und Blockflöte von 6-10 mal ausgenommen), die ersten Jahre bei meiner Mutter im Keller, danach in meinen diversen Studentenzimmern. Immer wenig laut, immer mit Rücksicht auf die Nachbarn. Jetzt habe ich einen Keller, in dem sogar Platz für mein Schlagzeug ist.

Nun heißt Schlagzeugspielen, dass man, egal wie tief man sich eingräbt, in Wohngebieten immer auf Nachbarn Rücksicht nehmen muss. Mein Rezept: Bestmögliche (bezahlbare) Dämmung, klärende Gespräche. Viel werde ich ohnehin nicht spielen, dafür habe ich nicht die Zeit – und samstag nachmittags habe ich was anderes zu tun, so etwa um 15:30 Uhr.

Jetzt sind meine ersten Semesterferien, und weil sie schon fast vorbei sind habe ich erstmals Zeit. Alle Hausarbeiten sind geschrieben, die restliche Vorbereitungszeit beginnt erst später. Der heutige Tag und auch die Folgenden sind dem Musikzimmer vorbehalten (mit Ausnahme von einem Gartenarbeitstag, der vom Wetter abhängt). Also: Alles auf Anfang. Und meine amateurhaften Fortschritte werde ich hier dokumentieren. Und weil aller Anfang peinlich ist: Das Zimmer jetzt. Wahnsinn, mit wieviel Kram man umziehen kann.

Zu Plagiaten und Zitierfehlern

Im fünften Semester schrieb ich meine bis heute beste Hausarbeit. Nicht (nur) nach Noten, sondern auch in der Rückschau, wenn ich selbst noch einmal drüberlese. Es ging um den Film Fight Club, seine Tonspur und die Inszenierung der persönlichen Identität des Erzählers. Irgendwo im Hauptteil entwickelte ich eine Argumentation, in deren Verlauf ich den Audiokommentar des Soundgestalters des Films zitierte, der auf der DVD zu finden war. Ich setzte eine Fußnote, in der ich ordnungsgemäß mit einem “Vgl.” den fremden Gedanken kennzeichnete und das vollständige Zitat in einer eigenen Übersetzung ins Deutsche hinzulieferte. Diese Übersetzung war nahezu wortgleich zu dem halben Satz, den ich oben im Fließtext verwendet hatte, weil beide aus meiner deutschen Sprache entstanden. Dass ich keine Anführungszeichen verwendet hatte, sondern lediglich ein sinngemäßes Zitat belegt hatte, war mein Fehler. Ich hatte ihn schlicht nicht bemerkt.

Meine Professorin ließ mich deswegen natürlich nicht durchfallen, aber sie riet mir eindringlich, auf solche Dinge zu achten – mit bösem Willen hätte diese kurze Textstelle, kaum fünf Worte lang, für ein Nichtbestehen gereicht.

In heutigen Universitätstagen vergeht kein Semester, in dem man nicht eindringlich vor Plagiaten, ob absichtlich oder unabsichtlich, gewarnt wird. Nichtbestehen ist da noch die mildeste Bestrafung, in gravierenden Fällen kann man vielerorts zwangsexmatrikuliert werden, und selbst wenn man bleibt: Eine weitere Beschäftigung als Doktorand kann man sich gerade an kleineren Instituten direkt abschminken.

Beim Abschreiben in wissenschaftlichen Arbeiten geht es nicht darum, persönliche Lerndefizite auszugleichen, wie es in der Schule bei Hausaufgaben und Klassenarbeiten der Fall ist. Die Hausarbeit, die Abschlussarbeit und die Dissertation sollen, in gewissen Abstufungen, erkennen lassen, dass man nach wissenschaftlichen Maßstäben sauber arbeiten kann, Argumentationen schärft, mit begrenztem Platz erfüllend auskommt und nicht zuletzt die erforderliche Reife besitzt, die idealerweise mit einem Hochschulabschluss einhergehen sollte.

Deswegen sind die aktuellen Vorwürfe gegen Herrn Guttenberg kein Kavaliersdelikt und sie widersprechen nicht “zumindest den wissenschaftlichen Gebräuchen”, wie es die Bild-Zeitung formuliert. Egal wie viele Seiten eine Dissertation hat, wieviele Fußnoten und wie viele Quellenangaben, wer Textstellen übernimmt, der erschleicht sich einen Titel, den er gemäß der Regeln, aber auch gemäß des gesellschaftlichen Anstandes, nicht verdient.

Man muss ja nicht so überkorrekt sein. Jeder Mensch macht Fehler, einer von mir steht am Anfang dieses Textes. Wer Jahre an einer Arbeit schreibt, vergisst vielleicht am Ende auch mal eine korrekte Seitenzahl. In der Dissertation eines mittlerweile sehr renommierten Geschichtsprofessors fand ich einmal einen Verweis auf eine Ausgabe des Völkischen Beobachters, die schlicht nicht existiert. So etwas passiert. Was nicht passieren darf ist, dass man ganze Textabschnitte eines journalistischen Artikels als eigenen Text ausgibt und ihn an den Anfang eines Kapitels setzt, nicht umrahmt von Eigenleistungen. Wer an seiner Dissertation sitzt, der sollte die Tastenkombination Strg+V in der Diss.doc tunlichst vermeiden.

Es geht hierbei nicht darum, dass der fremde Gedanke im Text auftaucht. Heutzutage sind wissenschaftliche Schriften im Wesentlichen Synthesen anderer Texte, im besten Fall mit eigenen Thesen und Gedanken angereichert und mit interessanten Ergebnissen am Ende doch alleinegestellt. Wer glaubt, grundsätzlich neues und nur neues zu schreiben, soll zu den Romanautoren gehen, und selbst dort wird es für ihn unmöglich. Es geht um die Aufrichtigkeit, diese Gedanken, die man aufgenommen und für sich verarbeitet hat, zu kennzeichnen, in einer kohärenten, für den Leser nachvollziehbaren Weise.

Wer das nicht hinbekommt, der darf keinen Titel tragen.

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