Alles laut im Nahen Osten

Ohne Projektionen wäre die Menschheit ziemlich aufgeschmissen. Gerade wir Historiker sind stolz auf unsere Empirie, auf unser Ansehen von Quelle und Sachverhalt, aber uns ist hoffentlich klar, dass wir immer Projektionen verwenden. Der Nahostkonflikt ist die große historische, politische und weltanschauliche Projektion unserer Zeit, durch die wir nicht nur diese regionale Problematik, sondern auch uns selbst und alle um uns herum betrachten können. Das Bild, das ich selbst dort sehe, ist einigermaßen desaströs.


 

“Don’t read the comments!” schreit einem das halbwegs kluge Internet immer wieder hinterher, und für den Seelenfrieden wäre das vielleicht besser. Tatsächlich aber lassen sich in den Kommentaren bei Medienpräsenzen, YouTube und Facebook Perspektiven erfahren, die sonst meist unsichtbar bleiben. Und dies nicht, weil “die Medien” (außer denen, die von Reptilmenschen versklavt wurden) von Juden kontrolliert würden, sondern weil oft das basale Verständnis des Konfliktes fehlt. Das ist nicht verwunderlich: Wer in den 80ern und 90ern geboren wurde, der kennt in erster Linie den Status quo der besetzten Palästinensergebiete, die zweite Intifada und das zw… dr… siebzehnte modische Revival des Palituches.

Dabei gehört so viel zum Verständnis des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern (oder präziser: palästinensischen Arabern). Die Balfour-Deklaration 197, das Massaker von Hebron 1929, der israelisch-arabische Gründungskrieg mit der massenhaften Vertreibung von Juden und Arabern gleichermaßen, die Besetzung Gazas und des Westjordanlandes durch Ägypten bzw. Jordanien und so weiter. Es wurden lange, dicke, schwer lesbare Bücher über diese Geschichte geschrieben, und doch dürfte jedes zu kurz sein. Denn wie immer läuft es am Ende bei dem maximal unkonstruktiven “Aber der hat angefangen!” heraus, selbst wenn es vielleicht nur um eine Nachbarschaftsstreitigkeit geht, die 1880 irgendwo bei Betlehem blutig endete.

Dabei ist die Antwort auf die Frage, wer denn angefangen hat, ziemlich einfach, wodurch es erst richtig kompliziert wird. Schuld hat, wie bequemerweise sehr häufig, der reiche weiße Mann, der mittels Kolonialismus noch reicher und (im Vergleich zu denen um ihn) noch weißer werden wollte. Und noch vor ihm war da das Osmanische Reich, das sich so ziemlich allen eurozentrischen Kategorien entzieht – insofern dürfte der Nahostkonflikt dasjenige Phänomen sein, dass uns noch am Unmittelbarsten mit der Zeit- und Machtstruktur des Mittelalters konfrontiert.

Wenn also erst die Osmanen und danach die Briten die rechtliche Herrschaft über diese Region innehatten, dann ist ihnen auch die Verantwortung für das Ende ihrer Herrschaft anzulasten – und damit die Katastrophe, mit der wir uns seit gut 65 Jahren beschäftigen. Den einen dies und den anderen das selbe zu versprechen ohne beides halten zu können oder zu wollen ist der Kern, der uns in die realpolitische Lage des Jahres 2014 gebracht hat.


 

Da helfen auch die generalisierenden Schuldzuweisungen nicht. Weder “die Palästinenser” noch “die Israelis” sind als Entitäten geeignet, eine Lösung oder zumindest einen Frieden zu finden. Überhaupt, “die Israelis”. Beim Blick in die hiesigen Kommentarspalten kann man die Erleichterung förmlich riechen, dass einige (und gefühlt immer mehr) “die Zionisten” oder “Israel” sagen können, wenn sie doch eigentlich “der Jude” meinen. Und weil dieser Antisemitismus, der da durchscheint, immer mal wieder entdeckt wird, wurde flugs eine Auschwitzkeulenkeule entwickelt, mit der jede Kritik an judenfeindlichem Verhalten mit einem vermeintlichen Tabu der ‘Israelkritik’ abgeschmettert wird.

Dabei ist unsere Fokussierung auf Israel tatsächlich auf vielerlei Weise interessant, und wie wir den jüdische Staat behandeln sagt viel über den Zustand des Vergangenheitsbewusstseins in Deutschland aus. Vielfach ist auf die schrecklich hohen Zahlen der palästinensischen Todesopfer in Syrien und anderswo eingegangen worden, Zahlen die höher sind als jene des gesamten israelisch-palästinensischen Konfliktes, wegen denen sich allerdings kaum jemand auf die Straße oder hinter Frankfurter Polizeimikros wagt.

Dahinter ist Antisemitismus nur ein Aspekt, und zwar der moralisch verwerflichere. Der andere ist wieder eine schlichte Projektionsnebenwirkung: Syrien ist kompliziert, Libyen ist kompliziert, Ägypten auch, und das Narrativ der arabischen Bruderstaaten oder der “islamischen Welt” an der Realität abgleichend zu zertrümmern ist auch nicht schön. Wenn es nicht so ernst wäre könnte man von Israel als dem Troll sprechen, der die zersplittert-fragile arabische Welt auf einen gemeinsamen Antinenner bringt.

Denn stellen wir uns mal vor, Israel würde von einem Tag auf den anderen von der Landkarte verschwinden. Aliens, Scotty, was auch immer – Israel ist einfach weg, mit ihm die Juden und alles, was sie seit 1948 dort geschaffen haben. Glaubt jemand, dass die Region dadurch befriedet würde? Eine Region, die es sogar schafft in einem fußballfeldgroßen Gazastreifen Bürgerkriege zu entfachen? Der Hass gegen die Juden entsteht nie und nirgends wegen den Juden, sondern immer und überall wegen und aus den Judenhassern.


 

In diesen Wochen standen die Medien, insbesondere in Deutschland, wieder unter besonderer Beobachtung. Und, wie immer, waren Anhänger beider Parteien fest davon überzeugt, dass einseitig berichtet würde. Festgemacht wurde das wahlweise an zu wenigen Bildern palästinensischer Todesopfer oder der falschen Chronologie der Ereignisse in Schlagzeilen. Die meisten JournalistInnen dürften beim Thema Nahostkonflikt mittlerweile ihr ganz privates #gauchogate nachspielen, weil sie es niemandem recht machen können. Und wenn dann vom ZDF abgeordnete Korrespondenten über Twitter mit professioneller Betroffenheitsmine Kriegspornographie in Form von Fotos toter Kinder verbreiten, fehlt offenbar jede kritische Reflexion eines Mediums und seiner Verantwortung.


 

Öfter als Raketen aus Gaza fliegen im Netz verschiedenste Zitate herum, die mal dies und mal jenes belegen sollen. Problematisch ist, dass sie fast niemand liest und dass die über sie verbreiteten Argumente immer die gleichen sind. Die Hamas-Charta? ‘Ein Relikt anderer Zeiten, nur noch symbolische Wirkung.’ Es ist ermüdend, und es führt zu keinem Schluss. Und was soll das überhaupt für ein rein symbolhaftes Dokument sein, dass die Ermordung von Juden zelebriert?


 

Gleichzeitig breitet sich eine lustvoll apokalyptische Stimmung aus, ganz so als würden wir hier einen endgültigen, einen entscheidenden Schritt des Konfliktes erleben und nicht nur ein weiteres, von IDF-Pressemenschen betiteltes Kapitel der Endlosigkeit erleben, das in einigen Jahren per Wikipedia-Artikel zurück in die Köpfe geholt wird weil sich keiner merken kann was jetzt 2014 und was 2008 war. Blicken wir auf die Realpolitik, dann werden Raketen von beiden Seiten langfristig überhaupt nichts verändern, sie zementieren nur den Status quo: die Hamas möchte weiterhin Juden töten, und Israel möchte weiterhin seine Bürger schützen. Und mit jeder weiteren abgefeuerten Waffe festigt sich genau diese Situation, und mit jedem Zurückwerfen der Hamas-Hochrüstung um einige Jahre verlängert es sich. Durch Krieg ist dieser Krieg nicht zu gewinnen, und zumindest die begrenzt rational handelnde israelische Regierung wird das sicher wissen. Die Hamas hingegen entzieht sich unseren Vernunftkategorien, weil sie nicht mit Macht, mit Zielen und mit Konsens operiert, sondern mit Maximalforderungen und ohne Achtung vor eigenem und fremdem Leben.


 

Zu den größten Widerlichkeiten der Diskussion gehört der Vergleich der Todesopferzahlen auf beiden Seiten. Er suggeriert, dass Israel der Aggressor, aber zumindest der Haupttäter ist. Er negiert die zahlreichen Versuche des israelischen Militärs, zivile Opfer zu vermeiden. Und er lässt den Charakter der Hamas außen vor, deren erklärtes Ziel die Tötung von Zivilisten, von jeder Art jüdischen Lebens in Israel ist.

Gleichzeitig erinnert die Argumentation von Qassam-Raketen als “Spielzeugwaffen” an die Diskussionskultur von Impfgegnern. Während letztere argumentieren dass Impfungen nicht nötig seien weil Kinderlähmung überhaupt nicht mehr auftritt heißt es im Bezug auf Hamas, dass deren Waffen wenig mehr als symbolische Folklore wären, ganz vergessend dass die glücklicherweise geringen Opferzahlen der Hamas ganz entscheidend auf die strengen Grenzkontrollen Israels zurückzuführen sind. Stünden sich Israel und die Hamas mit den gleichen Waffen gegenüber, die Existenz des jüdischen Staates wäre in wenigen Tagen beendet.


 

Jürgen Todenhöfer, der stets gut frisierte Posterboy der neuen, mittelalten Friedensbewegung, ist ein Meister dieser Verkehrung von Ursache und Wirkung. Vor Ort aus Gaza berichtend, geriert er sich als irgendetwas journalistenähnliches, während er eigentlich Politik macht. Sein letzter Facebook-Post lohnt die tiefere Auseinandersetzung, um die ganze Perfidie seiner Agitation zu erkennen.

 Wir werden auch die heutige Nacht in Gaza verbringen müssen. Die Grenzen sind zu.

Todenhöfer schreibt das, ohne ein handelndes Subjekt zu nennen. Tatsächlich hat Israel einen Grenzposten offen gelassen, in erster Linie aus humanitären Gründen. Geschlossen wurde dieser von innen, und zum Beweis der kompletten inneren Abriegelung wird er gleichzeitig von der Hamas beschossen, die an genau dieser Stelle ihren ersten toten jüdischen Zivilisten bejubeln konnte.

DIE ERSTE SCHANDE ist die Entführung und Ermordung der jungen israelischen Siedler Eyal Yifrach, Gilad Shaar und Naftali Frenkel. 

An dieser Stelle benutzt er einen mittlerweile beliebten Kniff: natürlich verurteilt er diese Tat, alles andere wäre überraschend, erbärmlich und disqualifizierend. Aber er verwendet das Wort “Siedler”, ganz so als ob diese Jungen irgendetwas anderes wären als Jungen die dort wohnen, wo ihre Eltern wohnen. Als “Siedler”, so soll sich der Leser das weiterdenken, haben sie sich selbst ins Feindesland begeben, sind schuld an Völkerrechtsbrüchen und sind zumindest nicht völlig unschuldig an ihrem Schicksal. Man darf Todenhöfer hierbei auch der Lüge bezichtigen, denn zwei der drei Teenager lebten im (mit Ausnahme von Hamas und co) unbestrittenen israelischen Kernland.

DIE DRITTE SCHANDE besteht – nach wahllosen und brutalen Hausdurchsuchungen und Massenverhaftungen in der Westbank – in der völlig hemmungslosen Bombardierung der 1.8 Mio Ghettobewohner von Gaza.

Todenhöfer zieht zum ersten Mal den Nazijoker. Denn auch wenn das Wort Ghetto nicht aus der NS-Sprache stammt, so ist es doch eindeutig konnotiert. Gleichzeitig suggeriert er, dass die Bevölkerung bombardiert würde, also zivile Opfer das Ziel der IDF seien.

Wahrer Grund dieses massiven Bombenterrors ist nicht die weitgehend wirkungslose und dilettantische Schießerei der Hamas und des ‘Islamischen Jihad’. Die ich ebenfalls ausdrücklich verurteile. Sie begann nach der Tötung von 6 Hamaskämpfern in Gaza und sechs palästinensischen Zivilisten in der Westbank.

Die zweite Lüge Todenhöfers. Die Zahlen, Zeitpunkte und Orte der Beschießung Israels aus Gaza sind öffentlich nachvollziehbar, sie zeigen eine quantitative Steigerung der Raketenabschüsse, aber keinen abrupten Neubeginn. Todenhöfer verurteilt den Beschuss, wertet ihn aber als logische Folge israelischen Verhaltens. In dieses Bild würde der konstante Beschuss Israels nicht passen, deswegen wird er einfach weggelogen.

Aber die sinnfreie Hamas-Ballerei mit den massiven mörderischen Raketenschlägen der Israelis zu vergleichen, ist vollkommen realitätsfremd. Das zeigen schon die bisherigen Zahlen der Todesopfer: 193:0. Schlagzeilen wie “Israel unter schweren Beschuss” stellen die Tatsachen auf den Kopf. Gaza liegt unter schwerem Beschuss!

Todenhöfer, im Ex-Beruf Politiker, versucht sich als Sportreporter. 193:0! Unter den Widerwärtigkeiten des Nahostkonfliktes ist das eine ganz besondere. Nach seiner Logik wäre eine militärische Reaktion Israels nur gerechtfertigt, wenn die Hamas mehr Menschen töten würde. Gleichzeitig, obwohl vor Ort, verschwendet er keinen Gedanken daran, warum so viele Palästinenser sterben. Nur Israel kann für ihn daran schuld sein.

Und dazu kommt ein Foto, das ihn inmitten von Trümmern zeigt. Nachdenklich, betroffen, zwischen Dreck, Zerstörung und Chaos. Und um ihn herum, fein säuberlich ins Bild komponiert, sauber wie direkt aus dem Geschäft, Kinderspielzeug. Bilderbücher, Puppen, Teddybären. Als hätte eine göttliche Fügung sie bei der Zerstörung dieses Hauses genau dort hin gespült.

Jürgen Todenhöfer ist kein “Medienmanager” oder “Publizist”, er ist im Moment der begabteste Pressesprecher, den die Hamas je hatte. Anders als andere Fürsprecher(innen) des islamistischen Terrors gegen Israel spricht er nicht nur versprengte Gruppen von Ken Jebsen-Fans an, sondern zielt direkt in den Mainstream der deutschen Mittelschickt, und dort kommt er gut an mit seiner vordergründigen Friedensbewegtheit, die letzten Endes nichts anderes zum Zwecke hat als die einseitige Dämonisierung Israels.

Überrest der Woche (2): “An die Eltern unserer neudeutschen Jungen”

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Der vorliegende Rundbrief einer katholischen Jugendgruppe aus Soest stammt laut Kopfzeile vom 2. Januar 1935, einen Tag nach der erwähnten und bis heute viel zitierten Ansprache des Reichsjugendführers Baldur von Schirach.1 Was die Gruppenführung so in Aufruhr versetzte, dass sie nur einen Tag nach der Ansprache und somit am Tag des Abdrucks in den Zeitungen einen solchen Brief verfassten, waren die Äußerungen zum Nebeneinander von völkischer und christlicher Jugendarbeit. Die Hitlerjugend verlangte nämlich zum “Heranzüchten gesunder Körper” im völkischen Staat (Schirach) eine nahezu vollständige Hingabe ihrer Mitglieder. Besagte Doppelmitgliedschaften in Hitlerjugend und katholischen Jungenbünden waren seit Juli 1933 verboten, was über kurz oder lang die konfessionellen Verbände vollständig marginalisiert hätte. Die Gruppenleitung hatte also allen Grund, über die vermeintlich versöhnlichen Töne Baldur von Schirachs erfreut zu sein.

In der Rückschau hingegen wirkt der Brief fast naiv. Er klammert sich an das Reichskonkordat, das im Dritten Reich kaum das Papier wert war, auf dem es unterschrieben wurde. Es hatte lediglich den Nationalsozialisten genutzt, die damit ruhig gestellt wurden, der Kirche aber höchstens eine Gnadenfrist eingeräumt, bis auch ihre Kompetenzen Stück für Stück beschnitten wurden.


Abschrift:

Soest,den 2. Januar 1935

W i c h t i g !

An die Eltern unserer neudeutschen Jungen.

Auch Sie werden mit Interesse und freudiger Genugtuung in der Neujahrsansprache des Reichsjugendführers Baldur von Schirach folgenden Satz gelesen haben: “Jeder Einheit der nationalsocialistischen Jugendverbände wird gestattet,Gäste aufzunehmen,und zwar auch solche Gäste,die anderen Jugendverbänden,auch katholischen angehören.” “Allerdings wird das Verbot der Doppelmitgliedschaft in vollem Umfang aufrechterhalten.”
Das ist etwas Neues,Ungewohntes. Das könnte die erste Friedenstaube sein,die Brücke,die zu einer anderen und von uns erstrebten Lösung der Frage hinführt.Man kann daraus lesen die stillschweigende Anerkennung des Rechts der konfessionellen Verbände auf Sonderdasein und Eigenleben.Ist diese Deutung richtig,dann bringt uns wohl das neue Jahr auch noch mehr:die endgültige, friedliche Festsetzung der Ausführungsbestimmungen zu § 31 des Konkordates Und damit unser Recht,unsere Gleichberechtigung und den Lohn für die Treue.
Nur müssen wir uns vor übereilten Schritten hüten.Darum bitten wir Sie,die Sie durch Ihre Einsicht und Treue der guten Sache bisher so wertvolle Dienste geleistet haben, im einzelnen nichts zu unternehmen,bis
1) nähere Anweisungen der zuständigen Stellen ergehen darüber, wie das Gastverhältnis gestaltet werden soll z.B.über Umfang der Dienstverpflichtung in HJ und JV,über die Kluft etc.
2) vor allem Aesserungen und Anweisungen unserer Führer d.h.der Bischöfe bekannt gemacht werden.
Unsere Parole muss auch für 1935 lauten:Disciplin und Treue!
Es wünscht Ihnen Gottes Segen im neuen Jahr

Die Gruppenführung


 

Bisherige Überreste:

1. Hamburg-Amerika Linie


Die hier vorgestellten Stücke sind nach meinem Dafürhalten nicht oder nicht mehr urheberrechtlich geschützt und können somit frei und von jedermann verwendet werden. Über eine kurze Nachricht bei weiterer Nutzung würde ich mich freuen.

 

  1. Die Ansprache baut übrigens teils, ohne dies offenzulegen, wörtlich auf Hitlers “Mein Kampf” auf []

Überrest der Woche (1): Hamburg-Amerika Linie

Nach der überaus freundlichen Resonanz (in Äußerungen und Klickzahlen) auf die in der letzten Woche veröffentlichten Flugblätter des Zweiten Weltkriegs möchte ich daraus gerne eine Reihe machen. Mir liegen aus besagter Kommode wie auch dem reichhaltigen Nachlass meiner Familie viele papierene Überbleibsel aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor, die ich, ob politikhistorisch oder alltagsgeschichtlich, gerne der Reihe nach digitalisiert und mit einigen Anmerkungen und Kontextualisierungsversuchen versehen veröffentlichen möchte.

Hamburg-Amerika-Linie

Den Anfang macht die oben abgebildete Karte von etwa 6 cm Kantenlänge. Sie lag unsortiert in einem Briefumschlag, von dem in kommenden Beiträgen noch die Rede sein wird. Sie dürfte aus dem Hamburger Teil meiner Familie mütterlicherseits stammen, die dort bis heute Schuhgeschäfte betreibt. Es handelt sich um eine Freikarte der “Hamburg-Amerika Linie”, deren voller Name “Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft” lautete – abgekürzt Hapag, 1970 nach einer Firmenfusion zur bis heute bekannten Hapag-Lloyd geworden.

Eine Datierung der Karte fällt schwer. Die übrigen im Umschlag befindlichen Dokumente stammen ausschließlich von 1936, die Hamburg-Amerika Linie war allerdings schon 1935 in die “Bremer Nordatlantikdienst GmbH” aufgegangen.

Tatsächlich zieht die Karte ihren Reiz (für mich) nicht so sehr aus den enthaltenen Fakten, sondern aus den Konnotationen der Zeit – aus der Sensation eines Atlantik-Dampfers und aus der überwältigenden Ferne und Größe Amerikas. Sie reicht teils bis in den heutigen Tag, wo Besuche großer Kreuzfahrtschiffe in Hamburg mit riesigen Zuschauerzahlen und Fernsehübertragungen zelebriert werden.

Eine letzte Anmerkung: Es ist nicht bekannt, welches Schiff hier besichtigt werden sollte. Unter den in die fragliche Zeit passenden Schiffen der Hapag war allerdings auch die “St. Louis”, die traurige Berühmtheit erlangte: Im Mai 1939 stach sie mit 906 jüdischen Flüchtlingen in See, erhielt in der Karibik und den USA keine Anlegeerlaubnis und musste zurück nach Europa fahren. Ungefähr 250 der jüdischen Passagiere starben in den folgenden Jahren im Holocaust.

StLouisHavana

Familiäre Überreste

Es ist eine Geschichte, wie sie so oder ähnlich in fast jeder Familie vorkommt: Ein älterer Verwandter stirbt, bei der Auflösung des Haushaltes kommt es zu überraschenden Entdeckungen. So auch im Fall, um den es hier gehen soll. Nachdem meine Oma vor etwas über zwei Jahren starb, wurden ihre Möbel, ihre vielen, vielen Bücher und alles was sie sonst noch besessen hatte unter Freunden und Verwandten aufgeteilt, was keiner wollte kam auf den Sperrmüll.

So auch eine Kommode, die über Jahre im Keller gestanden hatte. Bevor sie allerdings an den Straßenrand gestellt wurde, entdeckte einer meiner Verwandten ein Zwischenfach, ganz hinten, das offenbar seit Jahrzehnten nicht mehr geöffnet worden war. In diesem Fach befanden sich Flugblätter, die von den Alliierten zu verschiedenen Zeitpunkten des Zweiten Weltkrieges über dem Deutschen Reich abgeworfen worden waren. Seit einiger Zeit sind diese Flugblätter in meinem Besitz, ich möchte sie nun der geneigten Leserschaft zugänglich machen. Für mich sind sie ein spannendes und lehrreiches Dokument der Neuesten Geschichte.

Es ist nicht eindeutig zu klären, wer aus meiner Familie mütterlicherseits die Flugblätter in dieser Kommode aufbewahrt hat. Sie aufzusammeln wie auch zu bewahren war in jedem Fall ein Risiko, wofür auch das Versteck in der Zwischenebene spricht.

Ich bin weder ein Experte für Flugschriften noch für die Propaganda oder gar Militärgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Literatur, die sich mit den Flugblättern an der Westfront auseinandersetzt, habe ich bislang nicht gefunden, bin aber über jeden Hinweis dankbar. Dementsprechend bauen meine Eindrücke nur auf den vorliegenden Primärquellen auf.

Blatt 1.1 “Die Festung Europa hat kein Dach”

01.1_Die_Festung_Europa_hat_kein_Dach

Das Flugblatt dürfte von Sommer 1943 stammen, es ist eindeutig an die Zivilbevölkerung in deutschen (Rüstungs-)Industriegebieten gerichtet und es zielt auf flächendeckende Demoralisierung. Es soll die unaufhaltsame Luftüberlegenheit der Alliierten gegenüber dem Reich demonstrieren und tut dies auch äußerst geschickt: die Zahlen sind zweifelsohne beeindruckend in ihrer Schrecklichkeit. Wie sie erst auf ArbeiterInnen im Ruhrgebiet nach den Bombardements gewirkt haben müssen, ist kaum vorzustellen.

Blatt 1.2 “So fing es an”

01.2_So_fing_es_anDie Karikatur spricht für sich selbst – Hitler im Pakt mit dem Teufel, 1940 triumphierend und 1943 schon geschlagen. Das darunter stehende Konvolut von Zitaten ist hingegen schon wieder sehr geschickt, den es spiegelt die Aussagen der NS-Größen auf dem Höhepunkt ihrer Luftmacht 1940 mit der Situation von 1943. Gleichzeitig wird Erhard Milch, immerhin Generalinspekteur der Luftwaffe, des historischen Irrtums überführt.

Blatt 2.1 “Das Afrikakorps gibt auf”

02.1_Das_Afrikakorps_gibt_aufDieses Flugblatt, wohl ebenfalls von Sommer 1943, richtet sich schon eher an die Wehrmachtssoldaten: es drückt ihnen demonstrativ Hochachtung aus und folgt schon dem später populären Narrativ der fähigen Soldaten, die von der unfähigen Führung erst falsch geleitet und dann in den sicheren Tod geschickt wurden.

Blatt 2.2 “Befreit”

02.2_BefreitEin rein assoziatives Bild.

Blatt 3 “Tunis: Weit über 160000 Gefangene in einer Woche”

03.1_TunisHier handelt es sich, ebenfalls von 1943, erstmals um ein nicht im typischen Propagandaton gehaltenes Dokument – natürlich folgt es dem selben Zweck, doch versucht es den Eindruck einer reinen Berichterstattung zu erwecken, auch wenn dieser wohl kaum einem Adressaten zu vermitteln gewesen wäre. Die Bilderstrecke auf der Rückseite (mit Blaskapelle) hingegen bricht diesen Eindruck wieder und dürfte kaum zur Glaubwürdigkeit beigetragen haben.

Blatt 4: “Wer hat den Blitzkrieg gewollt? – Wer wird den Weltkrieg verlieren?”

04.2_Wer_hat_den_Blitzkrieg_gewollt04.1_Wer_wird_den_Weltkrieg_verlierenDas letzte vorliegende Flugblatt von 1943, gerichtet gegen die NS-Propaganda über die Kriegsschuld und tatsächlich im Großen und Ganzen noch der heutigen Gymnasiallehre über den Zweiten Weltkrieg entspricht – Erika Steinbach sollte sich die Absätze über Polen noch einmal gut durchlesen.

Blatt 5: “Nachrichten für die Truppe”

05.1_Nachrichten_für_die_Truppe05.2_Nachrichten_für_die_Truppe05.3_Nachrichten_für_die_TruppeDas meines Erachtens spannendste der fünf Dokumente, datiert auf den 31. Oktober 1944, auf den ersten Blick nur dadurch nicht als deutsches Produkt zu erkennen, dass sich nirgends ein Hakenkreuz findet. Bei genauerem Hinsehen finden sich allerdings tatsächlich nur Nachrichten, die zur Demoralisierung der deutschen Soldaten beitragen sollten: neben typischen Front- und Schlachtberichten finden sich Kommentare zur Lage der Bevölkerung und “Vermischtes” mit eindeutigem Hintergrund, so Geschichten zu bei Operationen verstorbenen Chirurgen (wegen Überlastung und weil die jungen Ärzte an der Front sind), über gefallene bekannte Musiker und über eine Eiche in Unna, die nach einem Bombenangriff plötzlich wieder Knospen ansetzt.


 

Es lohnt sich, diese Dokumente durchzulesen, und dabei einen klaren Kopf zu bewahren: Es fällt schwer, sich in die Sprache der Propaganda der Zeit hineinzuversetzen, denn wir kennen diese Sprache oft doch nur von Goebbels. Ich würde mich freuen, wenn LeserInnen noch andere Dinge auffallen, vielleicht auch Kompetenteres als meine ersten Eindrücke.

Ich habe keine Vorstellung von der urheberrechtlichen Situation dieser Flugblätter, ich gehe davon aus, dass sie gemeinfrei sind. Ohne mir irgendein Recht an ihnen zueigen zu machen können sie meinetwegen frei von jedem zu eigenen Zwecken verwendet werden.

Download aller Flugblätter (JPG, 300dpi)

#seeschlachtplag zu und alle Fragen…

Der Verlag C.H. Beck, der ohne den Vornamen “altehrwürdig” so selten auskommt wie weiland Mehdorn ohne “Bahnchef” hat eine Pressemitteilung herausgegeben (PDF), aus der ein pofallascher Wunsch nach Beendigung der Dinge spricht. Aber, wenn schon die Überschrift arg bemüht  Brecht zitiert, bleiben Fragen offen. Dementsprechend hier Gedankenfragmente Teil III zu #seeschlachtplag:

1. Arne Janning hat übertrieben. Das war eigentlich recht bald deutlich, und er hat den Fehler gemacht es in dieser Vehemenz öffentlich zu tun. Seine zu erwartenden rechtlichen Probleme erwachsen dabei aus einer Formulierung (“vollständig zusammenkopiert”) und einer Behauptung (DFG-finanziert), die nicht haltbar sind. Das ist ärgerlich für ihn wie auch für sein lobenswertes Ansinnen, der deutschsprachigen Wissenschaft mehr Reinlichkeit zukommen zu lassen.

2. Der Verlag hat wahnsinnig schnell gearbeitet und dabei deutlich mehr übernommene Textstellen gefunden als ich vermutet hätte – darunter den in der Diskussion bislang völlig neuen Aufsatz “Mythos Trafalgar” von Thomas Siebe. Damit weitet sich der Skandal über Wikipedia hinaus aus. Ich habe gleichzeitig gemerkt, dass ich offenbar kein besonders guter Plagiatsdetektiv bin, denn viel von dem was gefunden wurde habe ich überlesen. Gleichzeitig ist die Frage, wieviel C. H. Beck selbst übersehen hat.

3. Was der Verlag vollkommen ausspart und damit ein entscheidendes, auch juristisch hoch relevantes Detail komplett aus der Diskussion nimmt, ist die rechtswidrige Übernahme eines Wikipedia-Fotos ohne Namensnennung des Urhebers. Wie schon zuvor gesagt: Eine simple Nennung im Bildnachweis-Anhang hätte den Bedingungen genügt, aber das war für die Autoren offenbar nicht machbar; somit haben sie eindeutig das Urheberrecht verletzt und, nimmt man Verlagsduktus zu Hilfe, eine Raubkopie in ihrem Buch untergebracht.

4. Abseits von der juristischen Dimension ist diese Übernahme ist diese meines Erachtens auch ein besonders krasser Fall von wissenschaftlichem Fehlverhalten. Die Autoren haben hier auf einer viel konkreteren Ebene als bei Erläuterungen von Rumpfgeschwindigkeiten geistiges Eigentum ohne Weiteres in ihren Besitz überführt. Diese feindliche Übernahme, die mit einem kleinen Hinweis zu legalisieren gewesen wäre, signalisiert dabei mangelnde Achtung vor der Schöpfung anderer. Ich bin mir nicht sicher, wie ich als Student meinem Professor Rader in Zukunft gegenüber treten würde.

5. Das Angebot von C. H. Beck,sich an einer Diskussion über Wikipedia in der Wissenschaft zu beteiligen, ist zu begrüßen. Dazu würde allerdings meines Erachtens auch materieller Aufwand zählen, das heißt Diskussionen und Workshops, die allerdings nicht die ausgetretenen Pfade der immer gleichen Wissenschaftler geht, sondern unten ansetzt, bei denen, die mit Wikipedia schon in der Universität aufgewachsen sind. Denn wenn sich Rader zitieren lässt, früher habe man den Brockhaus benutzt und nun halt Wikipedia, dann ist das Ausdruck eines nicht digital-nativen Denkmusters und zudem ein äußerst schiefer Vergleich. Wikipedia ist in einigem weniger als der Brockhaus und in vielem deutlich mehr.

#seeschlachtplag II

Zwischendurch, wenn ich gerade kein Kind zu betreuen habe und die Dissertationsmotivation eine Delle erleidet, nehme ich mir seit Mittwoch den (schönen) Druck der Rader-Karsten-Seeschlachten zur Hand und gucke, ob mir Textübernahmen auffallen. Zuvorderst: Viele sind es bislang nicht, und die meisten würde ich jedem meiner Studierenden mit einem zugedrückten Auge durchgehen lassen. Ein paar andere Bemerkungen muss ich trotzdem loswerden.

1. So einfach, wie es sich Sven Felix Kellerhoff macht, ist es eben nicht, und für mich schimmert dort das Zurücksehnen in Tage, in denen man im Elfenbeinturm machen konnte, was man wollte, in jeder Zeile durch. Kellerhoff schreibt:

In allen Fällen handelt es sich um reine Faktenbeschreibungen ohne irgendeinen intellektuellen Mehrwert

Und schon da würde ich entschieden widersprechen. Denn die mittlerweile schon fast berühmte “Rumpfgeschwindigkeit” ist keine reine Faktenbeschreibung, sondern eine Erläuterung eines Umstandes, der den allermeisten Lesern bis dato unbekannt gewesen sein dürfte. Auch dem Autoren dürfte er zumindest nicht vollständig präsent gewesen sein, immerhin recherchierte er offenbar bei Wikipedia – und benutzte dann sehr offensichtlich Copy & Paste.

2. Arne Janning dürfte nicht mit der Aufmerksamkeit gerechnet haben, sonst hätte er meiner Einschätzung nach nicht so vollmundig begonnen. Das Werk ist mit Sicherheit nicht “vollständig aus Wikipedia-Einträgen zusammenkopiert”, es finden sich nicht auf “*jeder* Seite wörtliche, nicht gekennzeichnete Übernahmen”, und weder von DFG noch von Bundesforschungsministerium wurden hier offenbar Finanzierungen geleistet.

3. Es ist ziemlich unzweifelhaft, dass Rader und Karsten das Urheberrecht eines griechischen Wikipedia-Autors verletzt haben, der ein Bild der “Olympias” hochgeladen hatte. Nicht nur, dass die nun wirklich simplen Lizenzauflagen des Fotografen missachtet wurden (dem nun ein nicht ganz geringeres Honorar zusteht), die Autoren waren dabei unredlich genug, das Bild als eines aus ihrem eigenen Archiv auszugeben. Faszinierend daran ist, dass der offenkundige Rechtsbruch anscheinend als potenziell weniger schädlich angesehen wurde als der Reputationsverlust dadurch, die Verwendung von Wikipedia/Wikimedia Commons für die eigene Arbeit zuzugeben.

4. Eine Stelle, die mir aufgefallen ist (und die selbst wohl nicht als Plagiat gelten dürfte), betrifft den Flugzeugträger USS Enterprise:

Rader/Karsten Wikipedia
Das Schiff nahm an allen großen Marineoperationen der USA von der Kuba-Krise 1962 über den Vietnam-Krieg bis zu den Golfkriegen teil. Die Enterprise nahm seit ihrer Indienststellung an allen größeren Operationen der US-Marine, unter anderem der Seeblockade Kubas, dem Vietnam- und dem Golfkrieg teil.

Tatsächlich befinden sich hier in beiden Quellen offenbar leicht unterschiedliche Fehler an der selben Stelle: Die USS Enterprise nahm nicht am Golfkrieg 1990/91 teil, da sie zur Wartung in einer US-Werft stand (und das ganze vier Jahre lang). Der reine Text der Wikipedia könnte in Hinblick auf den Golfkrieg 2003 noch stimmen, allerdings verlinkt das Wort “Golfkrieg” auf die Operation Desert Storm. Rader/Karsten hingegen schrieben gleich von “den Golfkriegen”, was tatsächlich und eindeutig und auch ohne Hyperlink unrichtig ist.


 

Ich sehe hier mittlerweile nicht mehr das Skandalpotenzial, das am Anfang möglich gewesen wäre. Ein Problem ist es natürlich trotzdem, nicht nur weil die Autoren Dinge stillschweigend übernommen haben, sondern auch weil ihnen dabei, liest man die bisherigen Statements, größeres Unrechtsbewusstsein fehlt. Und weil C.H. Beck einen Ruf zu verlieren hat. Und, vor allen Dingen, weil in der Wissenschaft, insbesondere in der Geschichtswissenschaft, offenbar ein unehrlicher, verkrampfter und an der Realität vorbei gehender Umgang mit Wikipedia herrscht.

#seeschlachtplag, erster Durchgang

Die bisherigen Ereignisse, Anschuldigungen und Reaktionen zum möglichen Plagiatsfall um “Große Seeschlachten” von Arne Karsten und Olaf B. Rader sind gut zusammengefasst im wp:kurier und, natürlich, bei Erbloggtes.

Ich habe das Buch heute morgen in der UB Heidelberg ausgeliehen und gerade, ausgehend vom ersten Befund bei Erbloggtes, nur jene Bilder angesehen, die im Abbildungsverzeichnis als aus dem “Archiv der Autoren” ausgewiesen werden. Die hier dargestellten Ergebnisse sollen ausdrücklich keine Wertung und kein Urteil beinhalten. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass viele Abbildungen historischer Ereignisse und Personen aus Büchern auch in der Wikipedia erscheinen, genau wie im vorliegenden Werk. Es würde auch keinen Sinn machen sich absichtlich ein anderes Abbild eines Schiffes zu suchen, nur weil dieses auch im Wikipedia-Artikel verwendet wird.

Von den 17 Abbildungen aus dem “Archiv der Autoren” befinden sich also 13 auch in Wikipedia und Wikimedia Commons. Interessant ist sicherlich der Fall von Seite 31, der einen glasklaren Verstoß gegen das Urheberrecht wahrscheinlich macht: Die erforderliche Namensnennung zur Veröffentlichung des Fotos wurde nicht eingehalten, wodurch in diesem Fall die kostenfreie Lizenz erlischt.

Ähnlich, wenn auch nicht rechtlich greifbar, verhält es sich mit dem Fall von Seite 53, einer Abbildung der Schlangensäule. Das Bild wurde von seinem Urheber in die Public Domain entlassen und ist damit lizenzkostenfrei zu nutzen. Eine Nennung der Herkunft des Bildes wäre aber, zumindest meiner bescheidenen Doktorandenmeinung nach, wissenschaftlich redlich gewesen.

Einen mir unklaren Fall stellt die Seite 319 dar. Das Bild ist meines Erachtens selbst gemeinfrei, allerdings unter der Creative Commons-Lizenz cc-by-sa mit Namensnennung “Collection of P.H. Proctor” online gestellt. In jedem Fall ist es nicht einleuchtend warum für die meisten anderen Bilder “ihre” Museen und Archive eigens angegeben werden, in diesem Falle allerdings nicht.

Es wird bei den Reproduktionen nicht nachweisbar sein, dass diese aus der Wikipedia übernommen wurden, und es ist auch nicht entscheidend. Es gibt aber Hinweise: Das Bild auf Seite 168 hat in Buch wie Wikipedia den identischen, quadratischen Ausschnitt, den ich (ohne jeden Beleg) nicht für den Originalausschnitt halte.

Dies fürs erste. Für eine Migration der Arbeit auf eine andere Plattform bin ich gerne zu haben.

Ohne dass die Russen kommen

Das Wort “Kampagnenjournalismus” wird für gewöhnlich nicht als Kompliment aufgefasst, im Axel-Springer-Verlag hingegen versucht man derzeit mit aller Macht den “Petitionsjournalismus” zu etablieren: Die Panzer des Sowjetischen Ehrenmals am Berliner Tiergarten sollen entfernt werden. Kurioserweise scheinen sich die Petenten nicht an den ebenfalls dort aufgestellten Kanonen zu stören, jedenfalls werden diese nirgendwo erwähnt. Vielleicht, weil man sie von der Straße aus nicht so gut sieht und Springers Schreiber selten so weit weg vom Brandenburger Tor ihr Taxi verlassen.

Tatsächlich sind Springer-Journalisten begnadete Kampagnenfahrer, und so meldet sich mittlerweile immerhin die C- bis D-Klasse der deutschen Politik, Kunst und sonstiger Öffentlichkeit und unterstützt das Vorhaben. Rhetorisch und argumentativ bewegen sich dabei viele Vertreter eines panzerfreien Tiergartens unterhalb der Nachweisgrenze. (Link auf bild.de)So lässt sich der Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, wie folgt zitieren:

Ich habe noch nie verstanden, warum man ausgerechnet mit Panzern der Opfer eines Krieges gedenkt.

Gerade als Leiter einer Berliner Gedenkstätte sollte Knabe allerdings wissen, dass dies überhaupt kein Denkmal für die Opfer des Krieges ist, sondern eines für die im Kampf gegen das Dritte Reich gefallenen Soldaten der Roten Armee. Das ist ein gewichtiger Unterschied, denn er entscheidet zwischen einer diffusen Ausrichtung (denn Opfer des Krieges können tatsächlich auch überzeugte Pazifisten geworden sein) und einer klar umrissenen Gruppe von Menschen, von denen einige tausend sogar an genau dem Platz des nun kritisierten Mahnmals begraben sind. Wir sprechen hier also nicht nur nicht von einem “Gedenken an die Opfer des Krieges”, sondern von einem Soldatenfriedhof, auf dem über 2.000 Menschen liegen, die ihr Leben für den Kampf gegen Nazideutschland gegeben haben.

Erika Steinbach, die ich eigentlich zur Rettung meines Blutdrucks aus meinen Gedanken verbannen wollte hingegen sieht endlich ihre Zeit gekommen:

Ich habe mich immer schon sehr über die beiden Panzer in der Nähe des Brandenburger Tors geärgert. Es spricht kein Friedenswille daraus. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, diese Zeichen eines grausamen Krieges zu beseitigen.

Tatsächlich sind diese Panzer unfreiwilligerweise ein Symbol des Friedens. Wie sonst wäre es möglich gewesen dass sie, obwohl im britischen Sektor (West-)Berlins stehend, noch bis nach dem Mauerfall von sowjetischen Soldaten bewacht wurden? Und darüber hinaus: Warum sollte es ausgerechnet an der Sowjetunion gewesen sein, Friedenswillen zu bekunden? Nur dadurch, dass die Sowjetunion, England, die USA und viele andere Nationen letzten Endes keinen Friedenswillen mehr hatten, wurden der deutsche Vernichtungs- und Territorialkrieg wie auch der Holocaust gestoppt. Denn Erika Steinbach sagt ganz richtig, dass dies ein “grausamer Krieg” war, doch sie verschweigt, wer Schuld an dieser Grausamkeit und diesem Krieg trug, ganz so wie sie gerne verschweigt was ursächlich für die Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg war.

Zu Charly Körbel ist tatsächlich kaum noch etwas zu sagen. Hat dem armen Mann jemand gesagt, dass die T-34 nicht mehr fahr- und kampftüchtig sind, bevor er sich so zitieren ließ?

Ich unterschreibe, weil ich solche Aktionen mit Panzern in Deutschland nicht sehen will

Militaristische Töne ähnlicher Art schlägt CSU-Bundestagshinterbänkler Hans Michelbach an:

„Ich unterstütze die Petition , denn Panzer aus der Zeit der Sowjetunion haben vor dem Brandenburger Tor nichts zu suchen. Das zeigt das russische Verhalten in der Ukraine.“

Michelbach verlässt an dieser Stelle mit voller Kraft das Raum-Zeit-Kontinuum: Weder erklärt er, was Panzer der Sowjetunion mit Russland zu tun haben, noch was Brandenburger Tor und Ukraine verbindet. Tatsächlich versucht er hier eine politisch-historische Kontinuität zwischen Sowjetunion und Russland herzustellen, die er, auf Deutschland angewendet, sicherlich empört zurückweisen würde. Denn wenn Handlungen der Gegenwart ein Urteil über die Vergangenheit ermöglichen, dann müsste dies andersherum auch funktionieren, und dann dürften wir keinen deutschen Soldaten mit irgendwelchen Ehren begraben. Das kann Michelbach sicher nicht wollen.

Mike Mohring, CDU-Fraktionsvorsitzender aus Thüringen versucht sich an einer zukunftsorientierten Geschichtsdeutung:

Panzer sind Symbole von Krieg, Gewalt und Leid. Im 21. Jahrhundert löst man Probleme nicht mit Waffengewalt und militärischer Macht. Das Brandenburger Tor in unmittelbarer Nähe erinnert an die deutsche Teilung und Wiedervereinigung Europas in Frieden zugleich. Panzer haben da nichts mehr zu suchen

Es ist nicht verständlich, wie Mohring die sowjetischen Panzer des Zweiten Weltkriegs mit den internationalen Beziehungen des 21. Jahrhunderts zusammenbringt. Tatsächlich bringt er mit der Symbolkraft des Brandenburger Tores einen guten Gedanken ein, er denkt ihn nur nicht zu Ende. Denn wenn wir das Gedenken an den Krieg völlig entkernen und nationalisieren, dann werden wir vergessen, warum Europa als friedliches Projekt überhaupt angegangen wurde: Damit ein solcher Krieg und die Toten der Roten Armee überhaupt nicht mehr notwendig würden.

Michael Fischer, Leipziger Künstler, formuliert hingegen knackig:

Die Botschaft des Blutvergießens brauchen wir nicht.

Auch hier werden Ursache und Wirkung verwechselt: Die sowjetischen Panzer sind nicht das Symbol des Blutvergießens, sie sind Symbol von dessen Ende. Die Botschaft dieser Panzer hat nichts mit Angriffskrieg oder Landgewinnung zu tun, sie steht für den Sieg der Welt gegen den Faschismus.

Am Ausgewogensten ist tatsächlich die Stimme des Münchner Stadtrats Marian Offman:

Als jüdischer Deutscher bin ich dankbar für die Befreiung von der Nazi-Diktatur, doch sind Panzer am Ehrenmal heutzutage nicht mehr zeitgemäß.

Natürlich sind Panzer nicht besonders zeitgemäß. Das ganze Denkmal wirkt wie aus der Zeit gefallen, aber tatsächlich ist es das ja auch, und es ist ja auch der Sinn eines Denkmals. Wenn wir Denkmäler alle zwanzig Jahre turnusmäßig auf ihre Zeitmäßigkeit prüfen würden, dann hätten wir längst die Sieges-Quadriga auf dem Brandenburger Tor einschmelzen lassen, wir hätten das verschwendungssüchtige Sanssouci in einen Parkplatz umgewandelt und das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald gesprengt.

Doch es kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: Die inszenierte Empörung, die die aktuelle russische Außenpolitik mit der Roten Armee verknüpft, spielt ihr Instrument in einem neuen Narrativ der guten Deutschen, das aus unserer Gegenwart versucht wie Efeu in die Vergangenheit zu wuchern, sich festzusetzen und aus Geschichte Geschichtspolitik zu machen. Tatsache ist: Das Sowjetische Ehrenmal wurde nach dem Sieg der Welt über das faschistische Deutschland gebaut, unter den Bedingungen der Sieger, und es steht nur für diesen Sieg und die Opfer, die für diesen Sieg erbracht wurden. Es steht damit nicht im Kontext der realsozialistischen Unterdrückung in der DDR, und es steht erst Recht nicht im Kontext einer nichtsowjetischen Außenpolitik Wladimir Putins. Es steht einzig und allein dafür, dass über 80.000 Rotarmisten im Kampf um Berlin starben. Es soll hier nicht um die Aufrechnung von Opferzahlen gehen, aber die ausbleibende Empörung, obwohl es um mehr als drei Mal so viele Tote wie bei der Bombardierung Dresdens geht, ist bezeichnend.

Man kann das Denkmal ästhetisch abstoßend finden, und tatsächlich funktioniert es am besten, wenn man aus der Ansicht von Panzern und Kanonen eine Abscheu gegenüber Krieg entwickelt. Doch auch wenn wir mittlerweile die vierte und fünfte Nachkriegsgeneration erleben, steht es uns nicht zu, den Alliierten des Zweiten Weltkrieges Vorschriften über die Ehrung ihrer Toten und die Gestaltung ihrer Friedhöfe zu machen.

Von links-grünen Siegern geschrieben

Die ersten Wochen des Jahres 2014 erleben eine für unsere Zeit eher ungewöhnliche Häufung von scharfen Aushandlungsprozessen. Dabei geht es um eine Vielzahl unterschiedlicher gesellschaftlicher Normen, gleichermaßen in politischer wie moralischer Dimension. Egal ob die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen, der Umgang mit rechtsstaatlichen Normen, die Asylpolitik oder der Konflikt über Einzelphänomene der deutschen Geschichte, von überall erscheinen mehr oder minder hilfreiche Texte und Wortmeldungen in Feuilletons, Talksendungen, Blogs und allem anderen, auf das man Worte binden kann.

Dabei verlaufen die Fronten manchmal quer, so bei der Nichtdiskriminierung von Homosexuellen, die auch von rechts oft angemahnt wird, solange der Gegner eher nicht zum gleichen Gottesdienst geht. Aber überraschenderweise bieten sich ansonsten zur Kategorisierung oft wieder die Links-Rechts-Schemata an, die wir noch vor wenigen Jahren in die unausgelastete Müllverbrennungsanlage der Geschichte geworfen hatten. Dabei korrelieren sie oft mit dem Alter der Autoren, wie auch Matthias Matussek zu betonen nicht müde wurde.

Ein Vorwurf, den zahlreiche Vertreter des “Weiter so” bzw. “So wie früher” ins Feld führen, angeführt vom munter sein Geld zählenden Steuergeldverjubler Sarrazin, ist die Unterdrückung ihrer legitimen Meinung durch wahlweise Lobbyisten, Medienkartelle, obskure Kreise im Hintergrund oder, wenn kein greifbareres Subjekt zur Hand, den Zeitgeist. Auf die Absurdität, einen Meinungsfreiheitsmangel zu attestieren wenn diese Äußerungen in Hunderttausenderauflagen und Millionenquotensendungen verbreitet werden, ist zur Genüge hingewiesen worden. Auch darauf, dass, wer sich äußert, mit Gegenwind rechnen muss, was nichts mit Verboten oder “Linksfaschismus” zu tun hat. Als die Piratin Anne Helm über Tage wegen einer reichlich unspektakulären Aktion Beleidigungen und Morddrohungen über sich ergehen lassen musste, die über den Gegenwind für Sarrazin, Grass, Matussek und co weit hinaus gingen, meldete sich merkwürdigerweise kaum einer der üblichen Verteidiger der Meinungsfreiheit zu Wort.

Doch zurück zur “Unterdrückung” der nicht dem “links-grünen Mainstream” entsprechenden Meinungen. Die so Lamentierenden, im Moment politisch besonders gerne rund um die “Alternative für Deutschland” gruppiert, sehen sich von einer falsch verstandenen Toleranz (oder gar Akzeptanz) für Minderheiten in ihrer Mehrheit des üblichen weißen, heterosexuellen, auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik geborenen Mannes unterdrückt. Häufig verbirgt sich das hinter dem Bekenntnis, nichts gegen [Minderheit] zu haben, aber die ehemals bestehende Diskriminierung wäre ja längst behoben. Rufe nach einer vollständigen Gleichstellung oder schlicht einer menschenwürdigen Behandlung auch innerhalb der schon länger hergestellten Legalität dagegen sehen sie als Beraubung ihrer eigenen Rechte an, obwohl diese Rechte nur auf andere ausgeweitet werden sollen.

Da es sich als vermeintlich unterdrückte Minderheit in einer Demokratie moralisch leichter argumentieren lässt (das funktioniert so ähnlich wie bei Oppositionsparteien im Parlament), bekennen sich diese Mehrheitsmenschen also zu einer Position, die nicht dem Zeitgeist entspricht und machen sich in dieser selbstkreierten Opferposition zum Streiter für das Wahre, Gute, Schöne. Rebellen mag man ja schon im Film lieber als Imperien.

Angefangen hat diese Entwicklung mit der Wahl der ersten rot-grünen Bundesregierung im Jahr 1998. Das Narrativ der “Regierung der Alt-68er”, das auch nur bedingt den Tatsachen entsprach, machte bald die Runde und führte ja auch zu Dingen wie der “Homo-Ehe” und weiterem. Nach 16 Jahren geistig-moralischem Wendestillstand unter Kohl bewegte sich etwas, und für viele, die vor Kohl eher auch schon Strauß wählen durften, bewegte es sich zu schnell. So entstand, spätestens nach der Abwahl Schröders 2005, die Idee eines “linksgrünen Tugendterrors”, der in Gestalt von “Gutmenschen” wahlweise alles gleich- oder auch falsch machen wollte. Und nun stehen wir im Jahr 2014 und müssen tatsächlich darüber diskutieren, ob Homosexuelle Menschen und Bürger zweiter Klasse sind, weil sie in einem Wesensmerkmal anders geboren wurden als die meisten anderen. Wir müssen darüber diskutieren, ob Frauen ein Recht darauf haben, souverän und ohne Diskriminierung über ihren Körper zu entscheiden, bevor auch nur eine einzige Zelle zukünftigen Lebens entstanden ist. Wir müssen darüber diskutieren, ob wir Menschen helfen wollen, die aus Flucht vor einem maßgeblich durch historisches europäisches Handeln entstandenen Elend zu Dutzenden im Mittelmeer ertrinken.

Wir haben gedacht, wir wären weiter, aber offensichtlich wurden dabei größere Kuchenstücke unserer Gesellschaft nicht mitgenommen. Aber, liebe Sarrazin-Fans, Matussek-Aficionados und Lucke-Wähler, wir “Linksgrünen”, die wir oft überhaupt nichts mit der Linken, der SPD oder den Grünen zu tun haben wollen, wir sind keine meinungsunterdrückende Supermacht, keine Diskurspolizei und kein sprachlicher Lynchmob. Wir haben eine eigene Meinung, jeder seine eigene, und jetzt kommt’s:

Vielleicht haben wir einfach Recht.

Vielleicht haben wir früher als ihr verstanden, dass eine demokratische Gesellschaft nur funktionieren kann, wenn alle die selben Rechte und Pflichten haben. Dass Ausgrenzung von Minderheiten nicht zu einer funktionierenden gesellschaftlichen Mehrheit, sondern nur zu immer größerer Ungleichheit und damit zu Unfrieden führt. Dass Freiheit dort endet, wo sie einem anderen schadet und nicht dort, wo sie einen anderen ekelt oder seiner Vorstellung eines normalen Lebens nicht entspricht.

Wir haben alle in einzelnen Dingen unterschiedliche Überzeugungen des besten Weges, aber wir brauchen Grundfesten, eine Basis, auf der sie entstehen. “68″ hat nicht gewonnen, und unsere Geschichte wird nicht von den Siegern geschrieben. Wir hängen nicht an einem totalitären Tugendideal, sondern an der Vernunft.

Eine heikle Abwägungsfrage

Vorbemerkung: Dieser Beitrag liegt in Grundzügen schon seit einigen Tagen herum. Ich hoffe dass er nicht den Eindruck erweckt dass ich irgendetwas von dem, was Sebastian Edathy angelastet wird, gutheiße oder gleichgültig beobachte, oder dass ich irgendein Verständnis für pädophile Handlungen aller Art habe.

Twitter-User @DasDaz will, dass ich in den Knast gehe. Und mit dieser Meinung ist er nicht allein. Tatsächlich dürfte dieses Statement in Deutschland absolut mehrheitsfähig sein. Es wäre meiner Meinung nach an der Zeit, mit etwas weniger Aufregung auf den Fall Edathy zu blicken und zu überlegen, in was für einer Gesellschaft und in welcher Beziehung zu Kindern wir überhaupt leben wollen.

Die erste Frage danach, warum Nacktfotos von Kindern zu besitzen überhaupt erlaubt ist, beantwortet sich leicht. Mein Sohn ist nun knapp über vier Monate alt, auf meinem Handy und in meiner Dropbox befinden sich gut und gerne einhundert Nacktfotos von ihm Fotos von ihm, auf denen er nackt ist. Diese habe ich teilweise weitergeleitet, per Mail und What’s App, an Familie und Freunde, welche diese Bilder teilweise (mit meinem Einverständnis) wiederum weitergeleitet haben. Unter den Empfängern sind damit Menschen, die ich seit Jahren nicht gesehen habe.

Die Entgegnung der Strafgesetzverschärfungsbefürworter liegt auf der Hand: Eigene Kinder sind davon natürlich auszunehmen, und die Verbreitung an Familienmitglieder und Freunde selbstverständlich auch. Das allein ist rechtlich schon nahezu unmöglich zu fassen – wie definiert man Freundschaften? Und wären nicht die schrecklichen Fälle von Eltern, die Fotos mit voller Absicht an Pädophile weiterleiten (ein Beispiel für eine solche soziale Situation sei dabei der Sänger der lostprophets) damit überhaupt nicht zu fassen?

Der nächste Vorschlag der Verschärfer wäre daher die gewerbliche Verbreitung solcher Fotos. Wohlgemerkt, hier geht es ausschließlich um Nacktaufnahmen ohne irgendeine sexuelle Handlung. Kinderpornographie ist völlig zu Recht und umissverständlich verboten, nicht nur die Herstellung und Verbreitung sondern auch Bezug, Speicherung, sogar reines Ansehen. Das zu legalisieren fordert niemand ernsthaft und vor allem öffentlich.

Doch auch die gewerbliche Verbreitung würde bestehende, harmlose Handlungen illegalisieren. Ein erstes Beispiel hierfür wären Verfilmungen von Büchern der rundum beliebten Schriftstellerin Astrid Lindgren. In “Madita” sind desöfteren zwei Mädchen unter zehn Jahren splitterfasernackt zu sehen, sie hüpfen durchs Haus und toben auf ihren Betten – also Dinge, die Kinder nun mal tun. Wir besitzen diese DVD. Würde das Gesetz nach den aktuellen Forderungen verschärft, müssten wir die Aufnahme vernichten oder bei der Polizei abgeben. Ein medialer Bestandteil meiner Kindheit würde für immer vernichtet.

Sicher, die Vorstellung dass Pädophile diesen Film als Erregungsmaterial benutzen ekelt mich auch, sie ist widerlich. Aber müssen wir der Sexualisierung von Kindern durch Pädophile eine eigene Sexualisierung entgegensetzen? Wir würden damit eine Vielzahl von guten, begründeten Rechten einschränken. Wie sollten denn Historiker noch Bilder in Büchern über Hippiekultur und Hippiefamilien unterbringen?

Ich würde mir auch wünschen, dass Pädophile überhaupt kein Material mehr bekommen. Ich würde mir wünschen, dass es überhaupt keine Kinderpornographie mehr gibt und auch keine Lücken im Recht, wie sie mutmaßlich Sebastian Edathy genutzt hat. Aber wir müssen wohl oder übel akzeptieren, dass der Rechtsstaat nicht alles fassen kann, was moralisch geboten ist. Mir fallen selbst nach langem Überlegen, und dieser Beitrag ruht schon einige Tage, keine juristisch formulierbaren Kriterien ein, nach denen man die anscheinend bestellten Bilder verbieten könnte, ohne die oben genannten Beispiele mit zu illegalisieren. Wir haben es hier mit einer mehrfachen Abwägungsfrage zu tun: Möchten wir zugunsten der Opfer von Posingfoto-Produzenten1 auf Kunst-, Wissenschafts- und Pressefreiheit verzichten? Und möchten wir, weil es Menschen gibt, die sich daran sexuell erregen, die Natürlichkeit und Unsexualität eines nackten Kindes aufgeben, um uns im negativierten Sinne der Sexualisierung dieses Kindes anzuschließen?

Der meiner Meinung nach richtige Weg wäre nicht, bei den Bildern selbst anzusetzen, sondern bei den Produzenten und den Produktionsumständen. Wer Kinder zu solchen Aufnahmen zwingt, drängt oder ihre Schutzlosigkeit ausnutzt, der gehört ins Gefängnis. Wer solche Aufnahmen heimlich, so am vielzitierten FKK-Strand, anfertigt, muss mit Strafverfolgung rechnen müssen. Wer als Eltern seine Kinder für solche Dinge zur Verfügung stellt ebenfalls. Ich bin kein Jurist, aber ich glaube das all dies schon jetzt geltendes Recht ist. Und das sollten wir mit aller Unnachgiebigkeit anwenden. Dann wäre allen mehr geholfen.

  1. Ich finde dieses Wort übrigens ganz schrecklich. Posing hat nichts mit Nacktheit oder (Soft-)Pornographie zu tun. Außerdem klingt es harmloser, als es tatsächlich ist. []