Neulich in Schleußig

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Ein schönes Wochenende war das. Gut, eins an dem ich 1300 Autokilometer mit einem stinkenden Hund auf der Rückbank verbracht habe, aber schön war es trotzdem. Auch wenn ich so gut wie nichts von dem geschafft habe, was ich neben dem festen Programm machen wollte (in die alte Fabrik und so).

Dennoch auch mal wieder in eine andere Welt eingetaucht. Die, in der Gentrifizierung nicht nur eine Theorie, sondern die Lebenswirklichkeit ist. Wo man noch mit Kohle heizt und zur Theaterbühne einen Industrieaufzug benutzt, der direkt aus Half-Life 2 stammen könnte (vielleicht kapiert das wenigstens hier einer – in Leipzig musste ich sogar den Begriff Egoshooter erklären). Und wo alle irgendwas mit Kunst machen, also Theater, Tanz, Fotografie, experimentelle Folkmusik, wasauchimmer.

Das Theaterstück war gut. Ich kann da gar nicht so viel zu sagen, weil Theater für mich eine völlig rätselhafte  Kunstform ist, der ich allzuoft nicht so viel abgewinnen kann. Hier hatte ich größtenteils Freude und das Gefühl, was aus dem Abend mitzunehmen. Es war keine Inszenierung mit einer großartigen Handlung, sondern eine Art Collage zum Thema Glück in verschiedensten Facetten und, was ich am meisten mag, mit so vielen kleinen guten Ideen. Wegen guten kleinen Ideen mag ich Filme wie Garden State, Citizen Kane und ganz schön viel Zeug, was man sich auf Vimeo angucken kann. Das gabs hier auch. Und die Schauspieler, alles Laien, zum Teil aus dem Freundeskreis meiner Schwester, waren zum großen Teil richtig gut. Im Oktober gibt es nochmal Vorstellungen, dann werde ich nochmal nerven. Und aufgenommen wurde es auch, vielleicht darf ich zumindest einzelne Szenen mal online stellen.

Ansonsten blieb wenig Zeit. Die Premierenfeier war nach Anfangsschwierigkeiten doch ganz schön, es ist faszinierend zu sehen was Menschen, bei  denen grade ganz schön viel Druck abfällt, alles tun, wenn sie auch noch betrunken sind. Anlauf nehmen und gegen Wände rennen zum Beispiel. “Dancing Queen” über ein Mikro mitsingen. Und noch einiges mehr, was wohl privat bleibt. What happens in Spinnwerk stays in Spinnwerk.

Ein Hinweis noch: Lest bitte weiterhin Jans Japanblog. Habe mich grad in der Vorlesung fast totgelacht bei der Schilderung der Höflichkeitsverirrung in Kaufhäusern.

Lighpzig

Morgen um 6 Uhr setzt sich meine Mutter in Wesel in Bewegung, wird ca 60 Minuten später bei mir ankommen und dann fahren wir zusammen nach Leipzig. Meine Schwester inszeniert dort das Stück “Die Monster müssen weg! Glück, jetzt zum selbermachen”, eine Gruppenarbeit mit Studenten, basierend auf diesem fotografisch höchst mediokren Werk von mir. Premiere ist am Samstag (und wohl nahezu ausverkauft), am Tag drauf kann man noch hingehen, was ich nachdrücklich ans Herz lege. Klar, sie hat Familienbonus, aber bisher fand ich jedes Stück von ihr gut, auch tief in der Magengrube, wo ich was solche Sachen angeht immer ehrlich bin (Die Magengeschwüre aufgrund meiner eigenen Musik klingen langsam ab).

Sonntag mittag werde ich wieder abfahren, was bedeutet, dass ich ca 40 Stunden in Leipzig verbringe. Viel Zeit für eigene Erkundungen bleibt also nicht, in die Innenstadt komme ich sowieso nicht, wenn nicht irgendetwas unvorhergesehenes passiert. Meine Schwester wohnt in Schleußig, wo ich in meinem Lebensjahr Leipzig nie war. Große Nostalgieattacken dürften also nicht zu erwarten sein, dennoch kann man sich ja mal mit der Stadt beschäftigen, wenn man schon hin fährt.

Schon bei meinem Umzug 2003 war klar, dass Leipzig ein langsam aufwachsender Riese ist. Quasi eine riesige Stadt, die sabbernd auf Gentrifizierung wartet. Der kann man jetzt in der Südvorstadt, in Connewitz und besagtem Schleußig beim Fortschritt zusehen, Häuser werden renoviert, alternative Lädchen wegrationalisiert, Trabis (Klischee! Aber wahr) und alte Golfs durch Volvos und BMWs ersetzt. Dennoch passiert in Leipzig noch wahnsinnig viel, und es dürfte noch ein paar Jahre dauern, bis es dort mieten- und bevölkerungstechnisch so aussieht, dass die jungen armen Kreativen nach.. puh, Schwerin oder Gelsenkirchen oder so umziehen.

Was man in Leipzig besser als überall sonst wo ich schon war machen kann, ist in leere Häuser zu gehen. Dafür ist übrigens die Vogelperspektive von Microsoft Live Maps ziemlich praktisch, auf der man sich schon von zuhause gute Orte dafür ausgucken kann. In keiner anderen mir bekannten Stadt ist die Zahl der leerstehenden Fabriken so hoch¹ und die Toleranz des Laufpublikums so hoch, wenn da mal jemand mit einer Kamera über den Zaun hüpft. Das ist also fest eingeplant.

Überhaupt ist Leipzig eine Fotostadt. Überall passiert was, überall steht was, überall sind interessant aussehende Leute. Da keine Kamera mitnehmen ist wie morgens mit Kater zu McDonalds² und nur ne Coke holen.

Man merkt vielleicht: Ich freue mich drauf. Obskurerweise auch auf die Fahrt. Zwei Mal sicher sechs Stunden, aber das wird trotzdem ganz lustig, glaube ich. Wenn der Hund auf der Rückbank nicht nervt.

Achja, Musik für die Fahrt und das Unterwegssein:

¹ Vielleicht in Relation zur Bevölkerung noch in Sechtem und Wesseling, das bedeutet dann aber: ein bzw. zwei bewachte Leerstände.

² Habe jetzt gelesen, dass es da morgens keine Burger mehr gibt. Sind die bescheuert?

Überraschungsfest der Rockmusik

Man sollte es kaum für möglich halten, aber ich schreibe mal etwas über die großartigen Constantines, das nicht vollständig lobhudelnd ist.

Die Constantines haben eine neue EP namens “Too slow for love” veröffentlicht, die man via iTunes und co kaufen kann.  Drauf sind sieben Songs:

1. Young Lions (Shine A Light)
2. Shower of Stones (Kensington Heights)
3. Conductor (Tournament of Hearts)
4. Our Age (Kensington Heights)
5. Strange Birds
6. Do What You Can Do (Kensington Heights)
7. I Will Not Sing A Hateful Song (Kensington Heights)

In Klammern jeweils das Album, auf dem dieser Song eigentlich vertreten ist. Strange Birds ist eine Coverversion von Jon Langford & The Sadies. Alle Songs sind zurückhaltender instrumentiert als in der Originalversion, ein bisschen als hätte man eine Unplugged-Session doch noch eingestöpselt. Der Song an sich steht deutlicher im Vordergrund als der Sound, das ist so ungefähr die Marschrichtung. Leider funktioniert das nur einmal so richtig: Bei der Akustikversion von “Our Age”, die auch völlig ohne die große Instrumentierung toll ist. Die restlichen Versionen fallen dagegen doch ab. Eine Ergänzung ist “Too slow for love”, aber grundsätzlich höre ich jeden einzelnen der Tracks lieber in der Originalversion. Schade drum.

Randgebiete

wesel2

Heimaturlaub ist schön, nicht nur, weil es Urlaub ist, sondern auch, weil man sprunghaft die Entwicklung seines Herkunftsortes¹ mitbekommt, die, dort noch lebend, sicherlich an einem vorbeifließen würde.

Was seit ein, zwei Jahren frappierend auffällt ist die hohe Zahl mit Männern zwischen 30 und 40, die auf die Kinder auf den Spielplätzen aufpassen. Das kann man als Ausdruck besonders fortgeschrittener Gleichberechtigung oder Siegeszug des Elterngeldes sehen, aber dann kennt man Wesel nicht. Hier bedeutet das: Ziemlich viele Familienväter sind arbeitslos. Die Stadt ist wirtschaftlich abhängig vom Ruhrgebiet, wohin viele pendeln, und von einigen wenigen großen Arbeitgebern, die allesamt (bis auf BYK Chemie, meines Wissens nach) Stellen streichen oder ganz zu machen.

Das wiederum führt zu einer ziemlichen Verwahrlosung einer früher mal ziemlich stolzen Stadt. Deutlichstes Merkmal sind die von der Bahntrasse aus sichtbaren Gebäude der Niederrhein- und der Rundsporthalle. Erstere ist ein Multifunktionsveranstaltungsbau, in dem mal etwas Glamour versprüht werden sollte und deren Namen man heute hauptsächlich im Zusammenhang mit Abiparties, Ü30-Parties, Ramschbörsen und Vertriebenentagen liest, die 1972 gebaute Rundsporthalle dagegen ist Heimat des Regionalliga-Badmintonteams und ansonsten hauptsächlich das große Ding, an dem man schnellstmöglich vorbeifährt.

Es ist ziemlich schwer, Fremde davon zu überzeugen, dass Wesel auch schöne Seiten hat. Nichtmal ich bin davon überzeugt, und ich wäre es immerhin schonmal gerne. Es gibt den Rhein, den Auesee und die Felder, aber eigentlich überall, wo es Menschen gibt, ist Wesel hässlich. Seinen Ursprung hat das darin, dass die Stadt im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde, aus dem Kopf kann ich nicht mehr als drei echte Altbauten im Stadtbebiet aufzählen. Alles andere wurde in den 50er-Jahren hektisch aufgebaut und dann stehen gelassen², und das wirkt sich auf die Attraktivität von Wesel aus.

Im Regionalexpress habe ich heute überlegt, woran es liegt, dass für Provinzialität immer Dinslaken steht. Erster Grund, klar: Es ist Peripherie. Wer vom Norden Deutschlands nach Köln (oder schöner: Bonn) will, kommt meist an Duisburg, Oberhausen, Düsseldorf vorbei. Von dort fahren Züge nach nirgendwo, und das heißt: Dinslaken, Wesel, Emmerich. Dahinter endet die deutsche Bahnwirklichkeit. Emmerich klingt vielleicht zu urdeutsch, vielleicht ist es von Fußballlegenden namenstechnisch besetzt, Emmerich scheidet aus. Wesel dagegen ist anderes besetzt, nämlich mit dem Namen des Bürgermeisters³, das kann man auch nicht nehmen. Also Dinslaken. Möchte man es übertreiben, könnte man noch den Bestandteil Deutsche Industrie-Norm im Ortstitel anführen, aber gut, das führt zu weit.

Man sieht also: Nichtmal auf seine Provinzialität kann sich Wesel so recht berufen, kommt es doch sogar in einem Kinoknüller wie “Der Schuh des Manitu” vor. Aber von diesem Groschenglamour kann sich die Stadt auch nichts kaufen. Und gemeinhin redet man sich in hässlichen Orten eine Attraktivität damit herbei, wie wunderbar die Menschen sind, aber auch das kann man nicht gelten lassen: Die meisten Menschen hier sind furchtbar, Spießer im übelsten Sinne, Menschen, die Nachbarn wegen Heckenhöhen verklagen und Unterschriftenlisten gegen Komposthaufen starten.

Das ist dann doch so wie immer. Und, jetzt kommt die ungerechtfertigte Punchline: Ich mags hier trotzdem, und mir graut es vor dem Tag, an dem es keinen Grund mehr gibt, herzukommen.

¹ Sofern man bei mir davon sprechen kann – ich bin 1995 mit 11 Jahren hingezogen und 2003 mit 19 Jahren wieder weg, im schönen Heisterbacherrott habe ich länger gelebt. Da hält mich aber nichts, außer ein paar Freunden, zwei Grabstätten und der Praxis meines Vaters

²Wie zum Beispiel die Rheinbrücke, ein Militärprovisorium, um Material über den Rhein zu kriegen. In diesen Tagen wird endlich die “richtige” Rheinbrücke gebaut, das Provisorium hat ausgedient.

³Richtig: Bürgermeisterin. Ulrike Westkamp (SPD)

Gefunden.

Felix Ehring hat für Spiegel Online einen Artikel über seine Studienzeit verfasst, den man dort für lesenswert genug hielt, um ihn groß am Anfang der Seite zu platzieren. Es mag alles wahr sein, was Ehring dort schreibt, immerhin ist es ein Erfahrungsbericht seiner Zeit an der Universität Hamburg (die er im Artikel gewissenhaft verschweigt), aber er gibt halt auch nicht die ganze Wahrheit wieder. Und auch wenn ich oft über mein Studium, die Uni, die Bürokratie motze, gefällt es mir hier doch. Und viel läuft richtig.

Von den sieben Kommilitonen, die ich in der Orientierungseinheit kennen lernte, habe ich bald niemanden mehr auf dem Campus gesehen.

Ein Vorteil, möglicherweise, ist tatsächlich die Umstellung auf Bachelor/Master. Die Leute, die ich bei den Orientierungsveranstaltungen kennenlernte, waren alle noch später in meinen Seminaren, saßen mit mir in Vorlesungen, hatten zur selben Zeit Mittagspause in der Mensa wie ich. Nachteil: Kontakt mit älteren Semestern fällt ziemlich flach. Aber das muss auch nicht unbedingt schlimm sein.

Ebenso unvergessen sind die Sprechstunden bei Dozenten. Viel zu oft stand ich zur Sprechstundenzeit vor einer verschlossenen Bürotür.

Ich weiß nicht, wie das andere handhaben, und auch bei meiner Schwester habe ich erlebt, wie sie stundenlang wartete, um ihr Hausarbeitsthema abnicken zu lassen, aber bei mir lief es bislang immer so: eMail an den Dozenten mit Grund der Besprechung, Antwort mit Terminvorschlag, Bestätigung, okay. Keine Wartezeit, dafür ein aufgeräumter Dozent der unter Umständen sogar mal Kaffee anbietet.

Überhaupt, die Bürokratie an der Uni: Bei uns ist sie auch furchtbar, und das gleich am Anfang. Nur so aus dem Kopf: Von Mitte September bis Mitte Oktober zum Studienstart muss ein Neustudent folgendes in den Uniämtern in Bonn hinter sich bringen: Einschreibung Haupt/Nebenfach, Anmeldung Bibliothek, Anmeldung in beiden Fachinstituten, Kauf Mensakarte, Kauf Kopierkarte, Bewerbung um Lehrveranstaltungsteilnahme, Anmeldung der zugelassenen Lehrveranstaltungen, Anmeldung zu den Prüfungen in den Lehrveranstaltungen, Anmeldung zur Bachelorprüfung.

Wobei sich auch das schon entspannt hat nach den Erfahrungen mit uns als erstem Jahrgang, zumal jetzt schon viel elektronisch läuft – in unserem ersten Semester lief das alles noch über Papier, und wenn man sich im magischen Dreieck Bonns zwischen Hauptgebäude, historischem Seminar und Prüfungsamt auskennt weiß man, dass hier schon einige Kilometer abgelaufen wurden.

Aber das ist alles am Anfang. Und danach geht fast alles beei den üblichen Unigängen oder gar von zuhause aus. Der einzige wirkliche, reelle Kontakt mit Bürokraten (wertungsfrei) geschieht bei der Anmeldung der Bachelorarbeit, so what.

Ansonsten kann man sich auch an einer “Massenuni” (Bonn hat ca 30.000 Studenten) seines Studiums freuen: Es gibt umfangreiche Bibliotheken, namhafte Dozenten, viele freiwillige Angebote, speziell hier ein traumhaftes Unigelände und eine Liste mit früheren Absolventen, die sogar kritische entfernte Verwandte noch zu beeindrucken vermag. Das ist doch was.

Semesterferienende

Uns Studenten wird ja immer nachgesagt, wir hätten zuviel Ferien. Mag durchaus sein. Der Eindruck, wir hätten da drei Monate lang nichts zu tun ist aber definitiv falsch. Rechne ich mal hoch, hatte ich vielleicht 10 Tage wirklich frei. Der Rest der Zeit splitterte auf in Bewerbungsgespräche (eins erfolgreich), Hausarbeit schreiben (sehr erfolgreich), Arbeit für Campus Web (interessant), Spülmaschine reparieren (Desaster), neue Spülmaschine aussuchen (noch kein Ergebnis), Klausuren schreiben (okay), mit Unibürokratie klarkommen (furchtbar)  und zwei Mal zum Fußball gehen (0 Punkte). Jetzt ist Ostern, und ich fahre das erste Mal in den Heimaturlaub nach Wesel, für vier Tage. Und danach geht das Semester wieder los. Ich möchte gar nicht meckern, eigentlich freue ich mich auch, dass ich wieder einen geregelten Tagesablauf habe.

So. Völlig irrelevanter Content hier. Yay.

Fernsehtipp

Kurz und kurzfristig: Heute bei Menschen bei Maischberger zum Thema “Glaube statt Gier: Kommt die religiöse Wende?” zu Gast: Mein besonderer Freund Nathanael Liminski, den ich jetzt allerdings auch recht lange nicht mehr in der Uni gesehen habe. Ich gucke mir das jedenfalls an.