Zeitreisen
Bei Google ist das Fotoarchiv von LIFE online verfügbar. Stöbern lohnt sich.
Und zwischendrin findet man dann auch Dinge wie meine Universität. Vor 60 Jahren. Uff.
Du freust dich ja gar nicht
Ich glaube, ich habe ein Problem mit Musik. Nicht nur, dass ich meiner Empfindung nach deutlich länger brauche, um neue Lieder gutzufinden, zu erschließen, im Kopf zu behalten, als mein Umfeld, ich habe vor allem ein praktisches Problem, wenn es an einen Jahresrückblick geht: Alle meine Lieblingsalben der letzten Jahre waren zum Zeitpunkt, an dem ich sie schätzen lernte, schon mindestens ein Jahr alt. Genauso jetzt. Ich nominiere: Jens Friebe – Das mit dem Auto ist egal Hauptsache dir ist nichts passiert.
Ich komme erst jetzt dazu, weil Jens Friebe (subjektiv) einen ziemlich miesen Ruf hat. Also, positive Rezensionen und so, aber in meinem Hinterkopf immer trockener Indierock mit Intro-Attitüde, auslotend, wie wenig Eingängigkeit man in die Sparte ‘Pop’ pressen kann.
Das ist alles Blödsinn. Jens Friebe macht den besten deutschsprachigen Pop der letzten Zeit. Also so richtigen Pop. Hooks wie in ‘Hass, Hass, Hass’ und ‘Du freust dich ja gar nicht’ würde ich auch gerne mal produzieren. Und auch im Kontext von deutschem Indie kann man endlich mal lernen, warum ich hier in Bonn nicht mehr ‘Musikwissenschaften’ studiere, sondern ‘Sound Studies’. In oben erwähntem ‘Hass, Hass, Hass’ wird ein so dezenter Hall auf die Stimme gelegt, dass man ihn teilweise kaum bemerkt, er aber wirkungsvoll eine alte Rock’n'Roll-Atmosphäre erzeugt.
Ich kenne die vorherigen Alben von Friebe nicht, aber ich werde das nachholen. Wenn ich erstmal über so blödsinnige Rezensionen wie diese hier weg bin:
Der Titel des Albums ist nicht nur überraschend, sondern auch schön romantisch verklärt. Setzt der Urangst des Menschen, jemanden Nahestehenden zu verlieren, einen Hoffnungsschimmer entgegen.
[...]
Da wird die Schönheit der Chance in den entkommenen Katastrophen und den Steinen im Weg gesucht, “Hass, Hass, Hass” der Gesellschaft an den hohlen Kopf geworfen und sich doch ihren Regeln angepasst.
Was soll sowas? Aber gut, Onlinemusikmagazine sind ein Thema für sich. Hier geht es um Musik, jedenfalls jetzt. Am Wochenende habe ich mich noch über die Texte von M.I.A. aufgeregt, die durch ihren völlig nichtexistenten Flow viel der fantastischen Musik kaputtmachen, und jetzt kommt da ein Deutscher und schafft es, “Das mit dem Auto ist egal Hauptsache dir ist nichts passiert” punktgenau und ohne melismatische Verrenkungen auf eine wunderbare Refrainmelodie zu singen. Das allein ist schon großartig. Und der Rest auch. Hören, bitte. Obwohl, ich bin ja eh der letzte, der das mitgekriegt hat.
Jens Friebe – Das mit dem Auto ist egal Hauptsache dir ist nichts passiert, Indigo 2007.