Raprock reist rückwärts (in der Zeit)

Meinem einwöchigen Probeabo von Napster ist es zu verdanken, dass ich heute mal wieder was von Limp Bizkit angehört habe – vielleicht das erste Mal in meinem Leben mit Kopfhörern, ohne die ich es heute nicht mehr wage, Musik adäquat zu beurteilen. Mir entgeht sonst zuviel. So wie bisher bei besagten komischen Typen. Was soll man sagen: Fred Durst ist ein Spacko, der Rest ist zu unauffällig um ausreichend fundierte Beleidigungen für sie zu finden, aber: Die hellen Momente strahlen heller als der Atompilz im eben von mir durchgespielten Call Of Duty 4 (viel unnütze Information für einen Absatz, hm?).

Jedenfalls bin ich jetzt zurückversetzt in die Zeit zwischen meinem 15. und 18. Lebensjahr, auch aufgrund anderer, teils unangenehmer Erinnerungen an diese Zeit – Sachen über die ich in meiner Autobiographie schreibe, wenn die beteiligten Damen alle tot sind. Oder so. Zurück zur Zeitversetzung, hier meine Top 10 der Songs dieser Zeit, die ich heute kaum noch bis gar nicht mehr höre.

(Jetzt ist der Eintrag fertig und ich habe nur Songs von 1999 drin – also mache ich das ganze zu einer Serie – heute: 1999.)


1. Limp Bizkit – Rollin’ (Air Raid Vehicle)
Die Phase ihres wahrscheinlich größten Erfolgs, längst nicht mehr so kredibel wie zu Faith- oder Nookie-Zeiten, aber die Gitarre im Refrain zieht mir gerade im Sekundentakt die Schuhe aus. Ich muss zugeben, schon beim ersten Lied nicht ganz ehrlich zu sein: In der Zeit fand ich Limp Bizkit doof. Die waren mir zu kommerziell. Jetzt bin ich altersmüde und kopfnicke am Schreibtisch.


2. Filter – Welcome To The Fold
Das Video habe ich sicher 5 Jahre nicht mehr gesehen und bekomme gerade etwas Fremdschamgänsehaut ob des Stageactings. Der Song ist jedenfalls perfekter Pop und geleitete mich in meine nächste Ära musikalischer Vorlieben – gekauft habe ich die Single damals wegen der melodischen Bridge, gehört habe ich das Lied später eigentlich wegen der “Lärm”-Stellen.


3. Korn – Somebody Someone
Ein entfernter, nie als Freund in Erwägung gezogener Bekannter aus meiner Schule, drei Jahre jünger als ich, den Namen habe ich längst vergessen, lieh sich das Album ‘Issues’ von mir aus und tauchte am nächsten Tag mit einem eingeritzten KORN-Schriftzug auf dem Unterarm wieder auf. Mir dagegen war nur wichtig dass der Schlagzeuger mit seiner runtergestimmten Bass Drum einen super Sound hinbekam und diese Musik nun wirklich jedem in meinem Bekanntenkreis zu hart war. ‘Issues’ war übrigens über Monate hinweg mein Wecker-Album in der Stereoanlage. Die CD habe ich mittlerweile verloren, die Anlage steht bei meiner Schwester und spielt hauptsächlich U2, I Am Kloot und Sampler die ich nach Leipzig schicke.


4. Silverchair – Anthem For The Year 2000
Meine Güte, wenn man heute sieht was für ein Hänfling der Sänger ist, fragt man sich 1. warum Diorama so eine Überraschung war und 2. ob Natalie Imbruglia oder er das Brautkleid anhatte. Aber zurück zum Song. Nicht lachen: Das war das erste Lied, das ich komplett auf dem Schlagzeug spielen konnte. Und es machte unheimlichen Spaß. Vor allem weil Pascal seinen Bass verzerrte und mitspielte, während wir die CD so laut laufen ließen dass wir Gesang dabei hatten. Unsere armen Nachbarn. Aber das Gefühl zusammen ein Lied zu spielen lässt sich auch bei mitlaufender CD mit nichts anderem auf dieser Welt vergleichen.


5. Bush – The Chemicals Between Us
In der Visions stand damals immer dass Gavin Rossdale so eine geile Schnitte ist. Nachvollziehen konnte ich das nie. Dafür hatte er eine Zeit lang ein wahnsinniges Gespür für die richtige Produktion seiner Songs und seiner Band an sich. Aber meine Güte, was für ein schreckliches Video. Bush habe ich einmal, 2003, live gesehen, da war Nigel Pulsford gerade ausgestiegen, Page Hamilton hatte kurzfristig einen Tag vorher übernommen. Die Band verspielte sich ständig und Rossdale war angepisst, weil der Sound von Lenny Kravitz von der Hauptbühne herüberwehte. Trotzdem war es ein schönes Konzert und ein schöner Abschluss für mich. Denn so ganz ehrlich, Bush brauche ich nicht mehr.

Splitter (4)

Man kann nicht oft genug Videos verlinken, in denen sich Johannes B. Kerner zum Affen macht


Kerner über Kehl… – MyVideo

Loskugeln im Kühlschrank

Interessantes fördert ein Fanforum zum FC Liverpool zutage: Dort schrieb ein alteingesessener User am gestrigen Freitag um 10:28 Uhr Ortszeit, dass er Gerüchte gehört habe, nach denen die Auslosung der Viertelfinals der Champions League schon gelaufen sei. Wirklich Glauben schenkte dem niemand, bis es dann um 12 Uhr (wiederum englische Ortszeit) soweit war, und Los für Los die Begegnungen gezogen wurden, die im Ausgangsposting geschrieben waren.

Die Wahrscheinlichkeit, dass aus acht Teams die realen vier Kombinationen richtig getippt werden, liegt nach meinen inkompetenten Berechnungen bei unter 2%. Dazu kommen Berichte anderer User, die in ihren Wettbüros nicht, wie sonst üblich, auf bestimmte Auslosungen wetten durften. Dazu kamen Erklärungsversuche, wie eine solche gefälschte Prozedur vonstatten gehen könnte – vier Kugeln über Nacht im Kühlschrank, vier im Backofen. Auch möglich wäre, dass die Auslosung schon an früheren Tagen stattfand und als falsche Liveübertragung gesendet wurde. Aber warum? Was ist da los? Ich bin kein allzu großer Freund von Verschwörungstheorien (außer zur Unterhaltung), aber das finde ich zu interessant, um nicht dranzubleiben.

Splitter (3)

Vielleicht spukt das Anschluss-Jubiläum noch in den Köpfen herum – dennoch, investigativ genug ist die Tagesschau dann doch nicht, vom Express das “ARD-Flakschiff” genannt zu werden.

Splitter (2)

“Die Polizei braucht moderne Fahndungsmittel wie die automatische Kennzeichenerfassung auf einwandfreier Rechtsgrundlage”, sagte Konrad Freiberg, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) SPIEGEL ONLINE. “Sie von der technischen Entwicklung abzuhängen, heißt doch, Straftätern einen Freibrief auszustellen. Früher bin ich noch mit einem dicken Fahndungsbuch durch die Stadt gelaufen und habe Autos überprüft, heute ist so etwas doch nicht mehr zeitgemäß.”

Manchmal weiß ich einfach nicht mehr, wie ich die ganze Dummheit und Scheiße aushalten soll.

Post

Lieber Kurt,

als ich vor ungefähr zwei Monaten in deine Partei eingetreten bin, bekam ich eine eMail, in der stand, wir duzen uns alle. Eigentlich würde ich dich, Kurt, lieber siezen, denn meine Mathelehrer habe ich auch nie geduzt, weil sie doof waren. Dich finde ich auch doof, Kurt. Und das nicht, weil du auf dem zweiten Bildungsweg die Mittlere Reife gemacht hast, sondern deswegen, weil du meine Partei vor die Hunde fährst.

Auch wenn du dich mit unserem neuen Programm zum Demokratischen Sozialismus bekennst, wirst du nichts gegen die Marktwirtschaft grundsätzlich einzuwenden haben. Deswegen: Ich verlange Leistung. Ich investiere 2,50€ pro Monat in unser beider Partei, ich habe uns bei jeder bisherigen Wahl meines Lebens (nach meiner Zählung waren das drei Wahlen plus ungezählte Uniparlamentsabstimmungen) die Stimme gegeben, was immerhin 2,10€ ergibt. Also hast du bisher an mir 9,60€ verdient, und dafür verlange ich, dass ihr da oben einen guten Job macht. Du, lieber Kurt, hast einen scheiß Job gemacht.

Ich will gar nicht groß klugscheißen was deinen Umgang mit der Linken angeht, denn ein Patentrezept zur Austrocknung dieser Splitterpartei kenne ich nicht. Dein Umgang mit den Wählern ist ungleich schlimmer. Du versuchst, eine Scheinrealität aufzubauen. Alle wissen, dass ihr etwas nach links rückt um Wähler zurückzubekommen, aber du sagst, ihr zieht einen harten Kurs durch. Du erzählst von harter Arbeit in der Koalition, aber außer Stückwerk kommt nichts an. Seit der Bundestagswahl redest du von der Bürgerversicherung, aber passiert ist nichts. Lieber Kurt, unsere Partei ist seit 10 Jahren in der Bundesregierung.

Spätestens jetzt, mit der vollständigen Aufgabe jeglichen Selbstrespekts zugunsten einer regierungsfähigen Mehrheit nicht nur in Hessen, glaubt dir keiner mehr, Kurt. Dass überhaupt noch über 20% der Bundesbürger unserer Partei für uns stimmen würden, ist mir völlig unbegreiflich. Denn noch schlimmer als dein Führungsstil: Die Alternativlosigkeit. Wer soll es denn machen? Ein Steinbrück, der vielleicht fähig, aber nicht nett genug ist? Ein Wowereit, der noch genug Zeit hat um auf bessere Zeiten für eine Kandidatur zu warten? Ein Platzeck, der wieder wegrennt wenn es anstrengend wird? Ein Steinmeier, der in Sachen Innere Sicherheit vielleicht doch noch ein paar Leichen im Keller hat? Es gibt keinen. Und das, lieber Kurt, macht mich traurig. Denn wer, Herr Beck, soll da nachrücken, wer soll als Jugendlicher jetzt in die SPD eintreten, in eine Partei, der niemand glaubt?

Fight Club

Drei Wochen leuchtet einen das leere Weiß des Monitors an und kann nicht mit Buchstaben gefüllt werden, und dann setzt sich in 48 Stunden etwas im Kopf fest, das raus muss.

Freitag, 13:53, die Frau gerade zu ihrem Zug nach Süden gebracht, selbst in den nach Norden eingestiegen. Das Album: Kensington Heights von den Constantines aus Kanada. Vielleicht sage ich es zu oft, aber die Constantines sind die beste Band der Welt.

Wenn ich etwas zu dieser Band sagen möchte, dass mir selbst neu und spannend ist, lande ich nur ständig in Widersprüchen. Sie sind die Stimme unseres Generationssplitters, der weitgehend entmaskulinisiert aufwuchs, und sie sind die liebendste Band der Rockgeschichte. Sie suchen nicht die große Geste und überstrahlen dennoch all die Sonnenkönige der Popmusik in ihren Akkordwechseln. Ich will sofort meine Gitarre in die Hand wenn ich sie höre, weiß aber dass mir nach Tournament of Hearts so gut wie nichts mehr zu sagen oder hinzuzufügen gäbe.

Musikern zu vertrauen ist gefährlicher Blödsinn. So hart es ist, aber nahezu jede Band enttäuscht irgendwann, die Weakerthans haben es eindrucksvoll bewiesen. Den Constantines vertraue ich, und auch wenn ich Kensington Heights erst vier Mal gehört habe, weiß ich, dass ich gut daran getan habe. Ich kann kaum einen Song herauspicken, oder besser: Während ich dies hier schreibe, läuft das Album. Und bei jedem neu anfangenden Lied bin ich versucht zu schreiben: Hört euch den an, das ist mein Song des Jahres 2008. Gerade bin ich bei Our Age. Hört euch das an, das ist mein Song des Jahres 2008.

Mit meiner Schwester habe ich in der letzten Woche über Musik geredet, sie hat mittlerweile Angst vor einem Lied der Shout Out Louds, dessen Titel ich vergessen habe, nicht nur weil so viele Erinnerungen daran hängen, sondern weil es auch textlich so nah an ihr ist, als hätten die Musiker ihr beim Leben zugesehen, ohne dass sie es selbst wüssten. Die Constantines sind so. Sie umarmen das Leben so präzise und allumfassend, dass die Musik mitwächst. Bei mir wächst sie seit März 2004, als ich sie im Vorprogramm von Cursive sah. Sie hat die ersten Monate erlebt, in denen ich weit weg von zuhause wohnte, die ersten Gehversuche des Wesens, das sich erst aus mir formen kann, wenn ich mein Frühstück selber mache, sie hat das Einsinken in den Studentismus mitgemacht, und sie ist jetzt auch dabei, als ich zu Keule fahre, der sich demnächst eine Eigentumswohnung kaufen möchte und einen Fernseher besitzt, der so teuer ist wie meine gesamten Ausgaben in einem Jahr abgesehen von meiner Miete. Immer waren Constantines, Shine A Light, Tournament Of Hearts und Kensington Heights da.

John K. Samson hat in der jüngeren Vergangenheit nicht alles richtig gemacht. Aber das hier:

One of the more slightly awkward questions asked in the course of small talk is often, “Who’s your favourite band?” -You’re supposed to answer, “I don’t have one favourite, but I like…” which will lead to a discussion of genres and tastes. I am one of the few with a definitive answer: Constantines.

Credit River. Hört euch das an, das ist mein Song des Jahres.