Ramparts
Lange nichts passiert hier. 23 Tage, hossa. Also ein kurzer Überblick dessen, was ich gemacht habe
1.Das Semester medioker, das heißt: langweilig, abgeschlossen
2. Noten lesen gelernt, was man als Musikwissenschaftler im dritten Semester doch können sollte
3. Meine Kenntnisse über die Goldhagen-Debatte aufgefrischt und enorm erweitert
4. Sämtliche Bücher von Christoph Biermann (nochmal) gelesen (danke, liebe Unibibliothek!)
5. Die Oscar-Verleihung geguckt und um vier Uhr eingeschlafen.
6. Böll gelesen und mir einen Creative Writing-Ratgeber besorgt. Nur so aus Interesse.
Morgen geht es nach Essen zu dem, was man gemeinhin ein 48-Stunden-Besäufnis nennt. Mit den zwei besten Freunden das, was ich gemeinhin Nostalgie nenne, ins neue Jahrtausend zu transportieren und Adoleszenz-Narben zu vergleichen.
Bis dahin: Meine private U21-Weltauswahl. Obwohl ich 4-3-3 eigentlich nicht mag.

Mattscheibennotizen (1)
Die Güte eines Comedians und/oder Kabarettisten erkennt man daran, dass er merkt, wann seine Rolle aufhört. So gestern bei Reinhold Beckmann: Kaya Yanar, Bodo Bach, Ralf Schmitz, Johann König und Martin Schneider waren zum “Rosenmontagsgipfel” geladen, spulten routiniert ein paar Witze ab und wurden danach richtig interessant – so Yanar zum Thema “Gute Hotels auf Tournee” und König in Sachen “Excel-Tabelle mit allen Auftritten und Bewertung” – nur einer konnte nicht aufhören: Martin Schneider, der auch so schon unerträglichste deutsche Comedian, der im Vergleich zu Mario Barth, welcher nur EIN Thema hat, gar kein Thema, sondern nur seine debile Art und seinen großen Mund vorzuweisen hat.
Ich gebe es zu: Ich gucke leidenschaftlich gerne Larry King, allerdings nur wenn ich zufällig reinzappe. Heute war Bill Maher zu Gast, dessen Sendungstitel Politically Incorrect leider in Deutschland von der völlig falschen Richtung aufgegriffen wurde. Denn so einen vermisse ich in Deutschland, einen der die Zeit in sich aufsaugt, den Geist dabei herausfiltert, eine sehr klare und stringente Linie verfolgt und trotzdem noch witzig ist – Harald Schmidt ist dagegen nur ein Witzemacher, der bei konkreten politischen Fragen ausweicht wie das Eichhörnchen gestern nacht vor meiner Stoßstange. Außerdem ist es eine Wonne, wie King alle zwei Minuten einen Werbeblock ansagt.
Einen Lichtblick in Sachen Fußballfernsehen habe ich gestern im DSF entdeckt. Ernsthaft. Um es noch obskurer zu machen: Fredi Bobic war dabei. Und Thomas Helmer. Und Michael Henke. Drei Spitzenspieler des 1. FC Würstchen Bundesliga. Aber wie sie entscheidende Szenen des vergangenen Spieltages am Monitor mit Hilfe digitaler Stifte analysierten, wie Henke Einblick in die taktischen Planungen des FC Bayern gab, das war großartig.
Nachtrag zu Bill Maher: Ein wunderbar kluger, vielleicht etwas kurzer, Beitrag zum Thema Israel, schon eineinhalb Jahre alt aber immer noch aktuell. Lesen, bitte.
Gleitzeit
Ich war in meinen jungen Jahren sicher vier oder fünf Mal in Voerde zum Karneval, zu dem Herr Heinser Anmerkungen hat, aber einen Zug habe ich da nie gesehen. Hätte ich gestern Zeit gehabt, wäre ich mit der Kamera dahin gegangen und hätte ein paar andere Fotos gemacht – zum Beispiel von den 13- oder 14-jährigen Jungs, die sich Strohrum in den Martini mixen. Voerde ist am Niederrhein nämlich Synonym für den heftigsten Abschuss des Jahres, und auch mir wurde mit 17 von einem Getränkemarktverkäufer am Samstag davor schon eine Flasche Wodka mit der Grinsefrage “Voerde?” verkauft.
Und ich mache mich nicht frei von diesen Männlichkeitsritualen, in denen die Menge reinen Alkohols in Gramm die Größe des erlegten Mammuts ersetzt, ich pflege gerne nostalgisch die Legende von 2002 und plädiere für mehr Gelassenheit im Umgang mit sog. Flatrate-Parties (wobei ich gerne mal eine ausführliche und schonungslose Debatte darüber hätte, warum die jungen Menschen so unglaublich viel trinken – mit mangelnder Perspektive auf dem Arbeitsmarkt hat das meines Erachtens nach wenig zu tun).
Aber wenn ich mir angucke, wie dicke kaufmännische Angestellte in militaristischen Uniformen frei jeglicher Ironie auf großen, festlich geschmückten Wagen durch ein Heer von derangierten, geistig auf die Reaktion ihres Rückenmarks zurückgestutzten Jugendlichen gleiten, fröhlich grüßen und nicht merken dass da unten quasi Zombies Flasche um Flasche aufmachen, dann habe ich einen ziemlich morbiden Spaß.
Doppelpanade
Heute fielen zwei nicht weiter korrelierende Tatbestände zusammen: Die Winterpause ging zuende und ich fuhr nach Wesel. Das bedeutete: SportsBar suchen, in der ich das heutige Spiel des 1.FC Köln gucken konnte. Das hat die ganze Woche gedauert, aber wie weiter unten schon beschrieben, blieb letzten Endes das Deichhaus auf der Grav-Insel übrig, eine Halbinsel im Rhein mit einem gigantischen Campingplatz inklusive Restaurant inklusive Leinwand inklusive Premiere.
Blöden Zufällen, zu langen Arbeitstagen und ausfallenden Zügen ist zu verdanken, dass mir mein Freund Nils, der mitkommen wollte, recht kurzfristig absagte. Also alleine hin. Erstmal die Bar nicht gefunden, dann in der Bar die Leinwand nicht gefunden. Denn: Die hängt hinter einer Ecke dieser “Bar”, die eigentlich eine riesige Terasse, aufgebaut in einer Segelbootlagerhalle, ist.
Um es kurz zu machen: Ich war der einzige Mensch im ganzen Gebäude, der Fußball geguckt hat. Ich habe mich krampfhaft an meiner Cola und einer Zigarette festgehalten, ich habe mich nicht laut geärgert als Meggle das 0:1 schoss, ich habe nicht laut gebrüllt als Chihi den Ausgleich erzielte, ich habe nur kurz gegrinst als McKenna beinahe ein Fallrückziehertor geschossen hätte. Und zwischendurch kamen und gingen Familien mit ihren Kindern, die am Freitag schick Schnitzel essen gehen, junge Männer (im Anzug) führten ihre Angebeten (im Abendkleid) her, bestellten sich Spaghetti Bolognese und der Dame einen Frühlingssalat, und im Hintergrund lief statt Fußballton beständig Musik.
Musik? Nein! Ein kleiner Ort im Norden von Wesel weigert sich beständig, bestimmte Normen wie Geschmack und gesunden Menschenverstand anzuerkennen. Ich habe heute das erste Mal Micky Krauses Mexiko-Lied gehört, nach langer Zeit wieder Coco Jambo und vielleicht zum dritten Mal den Schlager mit dem schönen Mädchen im Wagen vor ihm. Endgültig bizarr wurde es aber, als in der Halbzeit der 20-Minuten-Mega-Mix des Best-of-80s-Medleys der Hermes-House-Band be-ga-nn. Und dazu auf der Leinwand zum Interview, stumm wie ein Fisch: Roel “Face” Brouwers.
Schrecklich. Nie wieder. Fußball ist Mannschaftssport, auch das Gucken.