Bernd der Profi

Bernd Graff muss ein ängstlicher Mensch sein. Einer, der hektisch von links nach rechts und zurück blickend über den Marienplatz schleicht, in der Furcht, ihm könne Böses geschehen. Seine Logik ist ja geradezu bestechend: In dieser schieren Masse aus weißbiertrinkenden Bayern, amerikanischen Touristen und arglosen, von der ZVS in die Mitverschuldung delegierten Studenten müssen böse Menschen sein, vielleicht welche, die laut rumkrakeelen oder die Geldbeutel aus Jeansarschtaschen klauen. Klarer Fall: Marienplatz dichtmachen, nur noch Leute drauflassen die ein berechtigtes Interesse am Besuch desselben haben und auch darlegen können wer die Mariensäule erbaut hat und warum.

Bernd Graff hat einen Artikel für die Süddeutsche Zeitung und ihre Onlineausgabe geschrieben, in dem es um das Web 2.0 geht (inklusive einem Super-Symbolbild). Graff zeichnet ein Schreckensbild: Geht es nach ihm, wird in Blogs, Wikis etc. gepöbelt, gezetert und entrüstet, ja schlimmer noch: Grundantrieb jedes im Netz Veröffentlichenden ist:

Sabotage, Verschwörung, Häme, Denunziation, Verächtlichmachung, Hohn, Spott.

Und noch schlimmer: Graff hat herausgefunden, dass, wenn “jeder” in dieses “Internet” reinschreiben kann, ja auch “jeder” reinschreiben kann was er will. Die Konsequenz: Da steht gar nicht immer die reine und ganze Wahrheit, so erschütternd das auch sein mag. Atemlos konstatiert er: Für universitäre Prüfungen ist Wikipedia nicht zu benutzen. Gut zu wissen!

Völlig abstrus wird es, wenn er zu den sogenannten Social Bookmarking-Seiten kommt. Auch die bestätigen nämlich die Grundtendenz des Artikels: Nur drei Prozent aller getätigten Bookmarks sind Nachrichten zum Weltgeschehen – wie dumm, wie beliebig ist denn das Netz eigentlich? Schämen sollte es sich. Oder sich zumindest überlegen, warum man überhaupt Nachrichten, die man in Fernsehen, professionellen Nachrichtenseiten und Printmedien bekommt, bookmarken sollte.

Im Folgenden wagt Graff einen geradezu genialen Kunstgriff: Er macht das, was er “Web 2.0″ nennt, verächtlich, indem er klassische Journalisten und deren positive Meinung zum Thema zitiert. Sicher, Begriffe wie “Me-Volution” sind extrem bescheuert, “Schwarm-Intelligenz” auch nicht ganz astrein, aber es sind Begriffe, die in gedruckten Medien auftauchen, geschrieben von ausgebildeten Journalisten und/oder Wissenschaftlern. Wir merken: Unfehlbar sind die auch nicht.

Das Problem ist, dass Graff überall Feinde sieht. Belege dafür, dass herkömmliche Medien als “korrumpiert, hierarchisch, hirngewaschen, langsam und überaltert” diffamiert werden, liefert er leider nicht (obwohl zumindest einige dieser Attribute ja gerade durch die präzise Arbeit von Niggemeier und co nicht ganz von der Hand gewiesen werden können). Seine Diskussionsgrundlage ist, dass das Web 2.0 einen Informationsimperialismus betreibt, dass es herkömmliche Medien und ausgebildeten, bezahlten Journalismus vertreiben möchte. Wer das ernsthaft denkt oder wünscht, hat einen Schaden. Aber: Blogs und ihre Freunde sind, ein gutes Maß Medien- (und Computer-)kompetenz vorausgesetzt, eine hervorragende Ergänzung zur sogenannten vierten Gewalt. Sozusagen Gewalt 4.1, dingeling.

Graff geht grundsätzlich vom Worst Case aus. Der heißt: Auf nicht sicherem Webspace schreiben Anonyme Unsinn, beleidigen Personen oder schädigen den Ruf von Unternehmen, und weil es das Web 2.0 ist, wird der Unsinn von überall her verlinkt. Mir persönlich ist so ein Fall bisher nicht untergekommen, was nicht bedeuten muss, dass das nicht passiert, im Gegenteil: Durch die unvorstellbare Anzahl von Blogs sind fahrlässige oder böswillige Postings sogar höchstwahrscheinlich. Aber: Ohne Vertrauen in die Inhalte geht auch im Web 2.0 nichts, und zur Vertrauensbildung entstehen bemerkenswert traditionelle Strukturen: Impressum, Klarname, Quellenangabe. Wer das nicht liefert läuft nicht nur Gefahr abgemahnt zu werden sondern wird auch einen Großteil seiner Erstleser sofort wieder verlieren. Das weiß Graff offenbar nicht.

(Wenn jemand weiß, warum Graff offenbar einen generellen Hass auf Menschen hat, die sich im Internet bewegen, bitte erklärt es mir. Denn anders kann ich mir Schöpfungen wie ‘Loser Generated Content’ nicht erklären)

Nachtrag: Nicht ganz genau hingeguckt wurde offenbar als zum Thema Blogthemenredundanz auf ein Video mit Ratten in FastFood-Restaurants verwiesen wurde: Rechts unten findet man das Logo des Fernsehsenders NBC.