Splitter (1)

Es gibt immer so viel was man bloggen möchte und dann kommen Vorlesungen, Elternbesuche, Zimmerumräumungen und Logic-Übungen dazwischen, und schon ist der letzte Eintrag fast zwei Wochen her. Also.

1. Depp der Woche: Eigentlich Depp von vor fünf Wochen: Der völlig abstruse Versuch Hans-Olad Henkels, die deutsche Rechte und das nichtlinke Deutschland generell von der Schuld am Nationalsozialismus zu befreien, indem er in der vorletzten Galore-Ausgabe auf der letzten Seite behauptet, der Faschismus sei eine linke Diktatur gewesen, so wie auch die Bundesrepublik eine linke sei. Furchtbar.

2. Song der Woche: Jerry Lee Lewis – Whole Lotta Shakin Goin On

3. Video der Woche: Bob Dylan – Tangled Up In Blue

Der Song an sich ist fantastisch (auch wenn ich die Albumversion besser finde), das Video ist unglaublich – die Farbwahl finde ich merkwürdig, aber diese Augen, und wie sie in diesem Video geradezu dramaturgisch eingesetzt werden, sowat jibbet heut nisch mehr!

4. Mann des Tages: Milivoje Novakovic.

5. Jetzt fällt mir nichts mehr ein. Morgen vielleicht.

Analyse this!

Okay, bescheuertster Traum ever, heute morgen aufgewacht und mich zum Glück noch dran erinnert. Erst bin ich aus meiner riesigen neuen Altbauwohnung in Bad Godesberg gegangen und auf die Wiesen der TU München – da war ein See, und da schwamm ein Boot. Es sah in etwa so aus wie diese Spreeboote mit den Berlin-Besichtigungstouren. Jedenfalls – Zeitsprung – habe ich dann eine Bootsfahrt gemacht mit einem alten Freund, den ich länger nicht gesehen habe, Torsten Frings, Bruce Darnell und Inez-Björg David aus der Serie Sturm der Liebe. Und außer mir haben alle, a.l.l.e. gekokst was das Zeug hielt, was ich dann doch irgendwie doof fand, weil ich mich gerne unterhalten hätte aber immer alle am Schniefen waren. Irgendwann machte Bruce dann unter lautem Jubel einen astreinen Walk von einem Ende des Schiffs zum anderen. Und dann klingelte mein Wecker. Wer mir das schlüssig deuten kann bekommt bei nächster Gelegenheit ein Bier spendiert. Wie wärs?

Übertrieben

Heute, mich endlich wieder mal literarisch fühlend, habe ich auf der Fahrt nach Wesel die Lektüre von Bölls “Ansichten eines Clowns” fortgesetzt. Selten habe ich ein Buch in den letzten Jahren meiner schwindenden Jugendzuversicht so verschlungen. Nun aber das wichtigste: Das Buch spielt in Bonn. Und es finden sich dort so kluge, immergültige Zeilen über Bonn, dass ich sie hier mal zitieren möchte:

Es ist mir immer unverständlich gewesen, warum jedermann, der für intelligent gehalten werden möchte, sich bemüht, diesen Pflichthaß auf Bonn auszudrücken. Bonn hat immer gewisse Reize gehabt, schläfrige Reize, so wie es Frauen gibt, von denen ich mir vorstellen kann, daß ihre Schläfrigkeit Reize hat. Bonn verträgt natürlich keine Übertreibung, und man hat diese Stadt übertrieben. Eine Stadt, die keine Übertreibung verträgt, kann man nicht darstellen: immerhin eine seltene Eigenschaft. Es weiß ja auch jedes Kind, daß das Bonner Klima ein Rentnerklima ist, es bestehen da Beziehungen zwischen Luft- und Blutdruck. Was Bonn überhaupt nicht steht, ist diese defensive Gereiztheit: ich hatte zuhause reichlich Gelegenheit, mit Ministerialbeamten, Abgeordneten, Generalen zu sprechen- meine Mutter ist eine Partytante , und sie alle befinden sich im Zustand gereizter, manchmal fast weinerlicher Verteidigung. Sie lächeln alle so verquält ironisch über Bonn. Ich verstehe dieses Getue nicht. [...] Eine gute alte Tante kann einem beibringen, wie man Pullover strickt, Deckchen häkelt und Sherry serviert – ich würde doch nicht von ihr erwarten, daß sie mir einen zweistündigen geistreichen und verständnisvollen Vortrag über Homosexualität hält oder plötzlich in den Nuttenjargon verfällt, den alle in Bonn so schmerzlich vermissen. Falsche Erwartungen, falsche Scham, falsche Spekulation auf Widernatürliches. Es würde mich nicht wundern, wenn sogar die Vertreter des Heiligen Stuhls anfingen, sich über Nuttenmangel zu beklagen.

Heinrich Böll, Ansichten eines Clowns, München 121972, S. 67.

Nun hat sich Bonn geändert – es ist zu allervorderst (ich nehme schnell auch fünfzig Jahre alte Sprache an, wenn ich sie lese) nicht mehr Hauptstadt der Bundesrepublik, es hat die Wandlung zum Dienstleistungsvorposten deutscher Prägung in rasantem Tempo vorangetrieben, den Nuttenjargon findet man ziemlich laut vor dem Institut für Chemie in Endenich – dennoch ist Bonn weiterhin die, durch Beuel und Godesberg auf stattliche Größe aufgeblähte, Kleinstadt mit eher zufälliger Weltgeltung. Merkwürdigerweise kann sich damit kaum ein Bonner Meinungsführer, ob Politiker oder Journalist, abfinden. Dabei macht das diese irgendwie schon wunderbare und wirklich schöne Stadt doch aus.

Edit: Beim bnlog hat man die selbe Idee

Philosophische Worte in einer grausamen Welt

Ist ja ganz normal, wir haben vor Wettkämpfen alle Durchfall, aber das war kein normaler Durchfall

Faris Al-Sultan

Mein Wintersemester begann auf dem Klo. Nichts besonderes, aber es passt. Genau wie mein Eindruck vom generellen Verfall um mich rum – eine Spritze habe ich vorher jedenfalls noch nie auf der Unitoilette sehen müssen. Immerhin ist die komplett in blauem Licht gehalten, so dass man angeblich seine Adern nicht sehen kann (was meiner Meinung nach völliger Humbug ist).

Im Anschluss hatte ich eine Vorlesung über Das politische Denken der Römer bei Prof. Dr. Dr. Klaus Rosen. Der ist mittlerweile eigentlich emeritiert, darf aber trotzdem weitermachen. Ein offensichtlich freundlicher älterer Herr mit gnadenloser Fachkompetenz (soweit ich das gesehen habe hatte er keinerlei Unterlagen dabei sondern dozierte frei über einen Stichpunktzettel), aber gleichzeitig mit einem komischen Beigeschmack. Ohne ihm Böses unterstellen zu wollen, dass er in den 70ern im Apartheid-Südafrika an der Universität lehrte, kann ich mir gut vorstellen. Ein schneidiger Bursche halt. Aber wie gesagt: Nix Böses unterstellen.

Morgen geht es weiter mit einer Übung (Unternehmer und Unternehmen in der Industrialisierung), diversen Klausur- und Hausarbeitsresultaten und dann rutsche ich wohl langsam in die Routine. Bis dahin ärgere ich mich über Kopfschmerzen, umgeknickte Füße, nichts zu essen, leeres Konto und noch nicht empfangene Studentenausweise. Zur Uni muss ich morgen wohl laufen. Yippie. Und wie war dein Tag?

Abmeldung

Es geht für drei bzw. eigentlich vier Tage nach Berlin – das erste Mal so richtig, vorher nur mal vier Vor-Weakerthans-Stunden dort verbracht. Ich freue mich drauf. Danach gibt es wieder ausführliche Beiträge. Und v.i.e.l.e. Fotos hoffentlich.

Nur eine einzige Anmerkung

Das ARD-Nachtmagazin schafft es ja tatsächlich mitunter, gut zu informieren. Allerdings erliegen die Verantwortlichen offenbar auch gerne der Versuchung, etwas senderinterne Cross-Promotion zu platzieren. So auch gestern, als der Aufhänger “50 Jahre Contergan” für einen zweieinhalbminütigen Trailer des ARD-Zweiteilers “Eine einzige Tablette” herhalten musste. Das wäre allein schon zynisch genug (mit der Gedenkveranstaltung der echten Opfer hielt man sich fünf Sekunden vor dem Bericht auf), der Bericht strotzt aber noch so vor unpräziser Beschreibung. Die Kernaussagen:

Der Spielfilm zeigt nichts, was nicht ohnehin schon jeder wusste. Trotzdem wehrt sich die Firma Grünenthal, die Contergan für 50 Jahren auf den Markt brachte heftig gegen die Ausstrahlung. Über den Grund kann der Produzent des Films nur spekulieren.

Michael Souvignier: “Es ist ein emotionaler Film, es ist keine Dokumentation sondern ein Spielfilm, und ich glaube Grünenthal hat Angst dass den viele Menschen sehen”

Menschen, die vielleicht schon vergessen hatten dass sich hinter dem Wort Contergan noch weit mehr verbirgt als persönliche Schicksale

Was die ARD vollkommen unterschlägt: Nicht nur Grünenthal wollte die Ausstrahlung des Films verhindern, der Anwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen wollte das auch. Der vertrat in früheren Prozessen die Contergan-Opfer gegen Grünenthal, er selbst hat einen geschädigten Sohn. Und seine Person war ganz offenbar Vorlage für die Hauptfigur des ARD-Films, mit leicht abgewandelten Zügen natürlich. Auch wenn Heinrich Wefing von der FAZ sich angesichts der positiven Darstellung des Anwalts fragt, wieso dieser prozessiere (”Wenn man je das eigene Leben im Fernsehen nacherzählt sehen möchte, dann so”), der Kläger sah seine Persönlichkeitsrechte offenbar durch das Drehbuch angetastet – kritische Passagen wurden offenbar in den im November auszustrahlenden Film nicht übernommen.

Schulte-Hillens Problem mit dem Film war die Vermengung exakter Tatsachen (sogar die kleine Narbe im Gesicht der Hauptfigur wurde übernommen) mit frei erfundenen Passagen der Inszenierung. Grünenthals Problem war, auch richterlich und rechtswirksam bestätigt, dass zum Teil “infame und skrupellose Methoden” der Firma zu Unrecht beschrieben wurden. Kein Wort im Nachtmagazin. Lediglich schöne, tragische und aufwühlende Szenen aus dem Film, der nun langsam ins Programm muss um nicht veraltet zu sein, und ein wunderbar betroffener Blick des Moderators Ingo Zamperoni. Nunja.

Weltfinanzionistenheuschrecken gegen soziale Ungerechtigkeit (2)

Es geht immer so wunderbar weiter. Wiederum aus Betz, Antisemitismus, Seite 62:

Eine Diplom-Sozialpädagogin aus Köln bietet in ihrem Brief (26.2.2001) ein handfestes Motiv für ihre Abneigung gegen Juden. Sie hatte eine Fernsehsendung gesehen, Paul Spiegel im Gespräch mit Günter Gaus, und was der Zentralrats-Präsident gesagt hatte, gefiel ihr. “Aber dann fiel mir auf einmal ein, dass sie als Jude geschächtetes Fleisch essen, und da waren Sie mir direkt unsympathisch.” Die Sozialpädagogin ist stark im Tierschutz engagiert, möglicherweise mit größerer Hingabe als Sachkenntnis. Sie argumentiert gegen das Schlachten von Tieren durch Ausbluten [...] und sie hat damit eine Begründung für die Ausgrenzung von Juden: “Wir Tierschützer können dagegen protestieren soviel wir wollen, es nützt gar nichts. Ich hörte schon folgendes sagen: ‘Obwohl Schächten in Deutschland verboten ist, dürfen Juden es trotzdem tun. Die haben ja jetzt hier das Sagen. Und wer will denn denen schon was verbieten?!”

Damit ist das persönliche Engagement durch Mutmaßung und Hörensagen über die Macht und den Einfluss der Juden zur pauschalen und sich selbst rechtfertigenden Verdächtigung der Mehrheit erweitert worden: “Dass dadurch die Menschen gegen Juden aufgebracht werden, liegt doch auf der Hand. Schon der Vegetarier Hitler spielte das Schächten als Trumpf gegen die Juden aus.”

Wunderbar. Nach dem religiösen, dem rassenbiologischen, dem politischen und dem sekundären gibt es nun auch den tierschützenden Antisemitismus.

Weltfinanzionistenheuschrecken gegen soziale Ungerechtigkeit

Gerade war ich beim Zoll, um die Bestellung zweier schöner Shirts von Saddle Creek zu bestätigen und selbige abzuholen. Gar nicht so besonders wichtig, auf dem Weg dahin aber las ich im bislang von mir für gut befundenen Buch “Was ist Antisemitismus” von Wolfgang Benz (Bonn 2004). Dort kam mir auf Seite 56 ein derart putziger, knuffiger und zutiefst beschämender Fall von Judenfeindlichkeit vor, dass ich ihn hier ungekürzt dokumentieren möchte. Analysiert und zitiert wird von Benz ein Brief einer Berliner Dame an den damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel:

“Ich denke, das Internationale Judentum hat eine große Aufgabe in der Welt, derer es sich nicht bewusst ist. Diese große Aufgabe besteht meines Erachtens in folgendem: Es gilt weltweit mit allen Menschen guten Willens auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu kommen. Und das ist doch wohl der Kampf gegen das wirklich Böse. Denn die Erfahrung lehrt: All die Intelligenz, Gewitztheit, Geschäftstüchtigkeit und, wenn Sie wollen, auch Auserwähltheit des Judentums hat sie nicht vor den faschistischen Horden bewahren können. Deshalb wäre die Konsequenz: Die Auserwähltheit und Besonderheit des Judentums für die Festtage zuhause aufheben, für den Sabbat. In der übrigen Zeit jedoch nicht auf dieser besonderen Rolle zu bestehen, sondern mit den Menschen in der ganzen Welt Wege zu suchen, gegen den gemeinsamen Feind vorzugehen. Wissen sie, jeder weiß, dass das Judentum reich ist und großen Einfluss hat, z.B. in der Politik in den USA. Warum jedoch setzen sie ihren Reichtum und Ihren Einfluss nur immer wieder für die Reichen ein oder nur für die eigenen Leute? [...] Ich denke, wenn das Judentum in Deutschland eine Normalität im Zusammenleben mit Nichtjuden erreichen will, muss es sich für die ärmsten und gefährdetsten Bevölkerungsschichten mit all seinem Einfluss und Geld einsetzen.”

Wenn es nicht so schrecklich wäre, wäre es äußerst unterhaltsam aufgrund seiner Naivität. Demnächst mehr über Happy-Hippo-Antisemitismus.

Die Tücken des Social Networking

Heute um halb eins war ich mit Kata am Historischen Seminar verabredet. Wir kennen uns nicht so gut, wir haben ein paar Vorlesungen zusammen gehabt und einmal mit einem gemeinsamen Freund an einem Tisch in der Unicafeteria gesessen. Dieser Freund empfahl mir nun ihre Vorlesungsmitschriften für meine bevorstehende Klausur, ich fragte sie per ICQ, heute waren wir wie gesagt zur Übergabe verabredet. Ich habe nochmal schnell bei StudiVZ nach ihrem Profil geguckt, sie offenbar auch, alles klar.

12:30 Uhr war ich da, die Tür des Seminars ging auf, eine Frau die ihr sehr ähnlich war kam raus. Ich sagte “Hallo”, sie guckte blöd und sagte “Äh, Hallo”, ich erwiderte “Bist du nicht die mit der ich mich hier wegen der Mitschriften treffen soll?”, offenbar nicht. Peinliche Situation, ähnlich der als ich einen völlig überforderten jungen Mann vor dem Kölner Dom fragte, ob er im Internet unter dem Namen BrunoBrumm zu finden sei.

Die nächsten 20 Minuten war ich damit beschäftigt, unbeschäftigt auszusehen, während die aus der Institutstür gekommene Frau 20 Meter weiter ebenfalls auf jemanden wartete. In mir setzte sich die Erkenntnis durch, dass es doch sie sei, sie jemand anderen als mich erwartet hatte und nun zu peinlich berührt war um mich doch noch anzusprechen. Eine SMS an sie blieb unbeantwortet, bis um 12:55 Uhr mein Handy klingelte und Kata sagte “Mein Zug hatte Verspätung, ich bin in 5 Minuten da”. Ich hatte also Unrecht gehabt, Pustekuchen und so. Die Auflösung war allerdings noch viel abgedrehter: Kata kam, ihre Doppelgängerin im Schlepptau, die sich als ihre (zumindest beinahe) Zwillingsschwester entpuppte.

Hm. Heute mittag erschien mir das alles noch viel blogwerter. Zwischendurch habe ich aber auch erfahren dass meine Schwester ins Krankenhaus, meine Mutter eifersüchtig auf meinen Vater (wegen meiner Schwester) und der Herbst mittelmäßig ist. So ungefähr. Ich bin müde.