Leave ‘em kids alone

Heute ging ich in die örtliche Aldi-Filiale Wesel Feldmark, um Weintrauben, Gurken und Orangensaft zu kaufen. Hierzu muss man wissen, dass an keinem anderen Ort dieser Stadt die Wahrscheinlichkeit zu jeder Tageszeit höher ist, alte Bekannte zu treffen. So auch dieses Mal, ich traf Herrn F., meinen früheren Physiklehrer. Beziehungsweise: Ich sah ihn und drehte mich schleunigst um die nächste Ecke, um nicht mit ihm sprechen zu müssen.

Nun war Herr F. kein schlimmer Lehrer, im Gegenteil. Er verstand früh, was ich damals schon wusste: Dass die Wissenschaft Physik in meinem Leben die minimalstmögliche Rolle spielte. Und anstatt mir daraus einen Strick zu drehen, versuchte er mir Grundlagen für das Leben mit seinem Fach zu vermitteln, gab mir regelmäßig meine 4 und nie etwas schlechteres – wenn ich doch einmal an einem Phänomen interessiert war nahm er sich sogar richtig Zeit, es mir nach den Stunden zu erklären.

Das Problem ist ein anderes: Mit dem Abstand von mittlerweile vier Jahren zur Schule verändert sich der Blickwinkel – man tritt solchen Menschen auf fast gleicher Augenhöhe, als Erwachsener, entgegen, was sie einerseits weniger autorität macht, ihnen andererseits auch den irgendwie gearteten Mythos nimmt. Das hier ist nicht mehr der Lehrer, der Selbstverständliche, der immer Dagewesene, der Vornestehende, das hier ist plötzlich nur noch der Mensch, der zu einem Teil seines Wesens von Beruf Lehrer ist. Seine Haare sind weißer geworden, sein Sohn studiert Zahnmedizin, er kauft Rotwein bei Aldi im Sechserkarton. Ein normaler Mensch. Diesem Eindruck musste ich mich entziehen.

Times Like These

Das mit dem Bloggen ist so eine Sache für sich in diesen Tagen. Ich pendle zwischen dem Gefühl mal ein paar Tage wirklich nix zu tun, dem Bundesligastart, zwei Hausarbeiten für die ich mich nicht so recht motivieren kann (Kennedy und die Vietnamkrise, ja meine Güte) und dem Sportteil, der mir derzeit wirklich Spaß macht und das einzige leichte Gefühl von Etwasgeschaffthaben zu produzieren vermag.

Ansonsten geht es am Mittwoch nach Wesel zu meiner Mutter und zur Geburtstagsfeier von Nils, auf die ich mich freue weil es neben Weihnachten der einzige Termin im gesamten Jahr ist zu dem unser Freundeskreis komplett zusammenkommt. Das wird was.

Auf dem Klo entdeckt (3)

Aus der aktuellen ZEIT, Seite 6:

Bis heute scheint das Bild von Israel in Deutschland stärker von deutschen Befindlichkeiten bestimmt als von der Gegenwart Israels. Wer in Deutschland über Israel redet, redet immer auch über sich selbst: Entweder versucht er sein historisches Problembewusstsein zu beweisen oder seine Freiheit von historischen Befangenheiten; beides ist zum Scheitern verurteilt. Der historisch alarmierte Deutsche, meist ein Konservativer, neigt dazu, auch unleugbare Fehler wie Kriegsverbrechen der israelischen Armee im Namen der »besonderen Verantwortung der Deutschen« zu beschweigen. Sein Widerpart, der vorsätzlich »unbefangene« Deutsche – früher meist ein Linker, heute ebenso oft ein Rechtsextremist – erliegt immer wieder der Versuchung, die Nachkommen der Opfer des Holocaust zu den Tätern von heute zu erklären. Auch deutsche Geistliche sind gegen die Unschuldsfalle nicht gefeit. Der Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke, fühlte sich bei einem Besuch im Gaza-Streifen prompt an das Warschauer Ghetto erinnert. Warum verständigen sich deutsche Politiker und Meinungsführer nicht auf die einfache Regel, derartige Vergleiche aus dem Repertoire zu streichen? Man braucht solche Vergleiche nicht, um etwa die Zustände in Gaza mit Schärfe anzuklagen.

Das Muster dieses Hinundhergerissenseins zwischen allzu eiliger Parteinahme oder Verurteilung zeigte sich bereits in den deutschen Reaktionen zum Sechstagekrieg vor vierzig Jahren. Die Bild-Zeitung feierte den israelischen Sieg gegen gleich drei arabische Nationen als gelungenen »Blitzkrieg« – der israelische Kriegsheld Mosche Dajan wurde unversehens zu einem Meisterschüler von Wehrmachtsstrategen befördert. Ein guter Teil der neuen deutschen Linken indessen stattete sich damals mit den schwarz-weiß-karierten Palästinensertüchern aus, um ihre Solidarität mit den »Opfern der israelischen Aggression« zu bekunden – dies zu einem Zeitpunkt, da der Fatah-Führer Arafat noch damit prahlte, alle Juden Palästinas ins Meer treiben zu wollen.

Bei den Reaktionen auf den Libanonkrieg vor einem Jahr schien dieses Muster außer Kraft gesetzt. Die große Mehrheit der Israelis stimmt mit den Deutschen in dem Urteil überein, dass dieser Krieg verfehlt war. Er hat der jungen demokratischen Bewegung im Libanon das Genick gebrochen und die Macht der Terrororganisation Hisbollah deutlich gestärkt. Aber die Übereinstimmung täuscht. Die Israelis kritisieren vor allem die Art der Kriegführung, insbesondere die Entscheidung, den Angriff vorwiegend aus der Luft statt mit Bodentruppen zu führen. Deswegen, so argumentieren sie, seien eher libanesische Zivilisten als Hisbollah-Kämpfer und deren Raketenbasen getroffen worden.

Die deutsche Kritik tendiert dazu, den Krieg grundsätzlich als ein Mittel der Verteidigung abzulehnen. Wie dramatisch diese Meinungsdifferenz tatsächlich ist, machte eine von der Bertelsmann-Stiftung im Januar 2007 durchgeführte Umfrage deutlich: Danach bejahen 83 Prozent der Israelis die Frage, ob es in der internationalen Politik Situationen gebe, bei denen militärische Gewalt angewendet werden muss; nur 39 Prozent der Deutschen teilen diese Meinung.

An dieser Stelle wird deutlich, dass die Deutschen und die Israelis radikal verschiedene »Lehren« aus ihrer jeweiligen Vergangenheit und Gegenwart abgeleitet haben. Man kann fast von einer Rollenumkehrung sprechen. Die Israelis haben aus der Erfahrung des Genozids an den europäischen Juden und der ständigen Existenzbedrohung ihres Staates den Schluss gezogen, dass sie jederzeit in der Lage sein müssen, sich gegen Angriffe ihrer Nachbarn zu wehren. Die besiegten Deutschen haben mit ihrer Nachkriegslosung »Nie wieder Krieg« den umgekehrten Schluss gezogen. Während die Israelis einen Existenzkampf gegen Feinde führen müssen, die ihren Staat von der Landkarte streichen wollen, sind die Deutschen seit dem Fall der Mauer von Freunden umringt. Der Unterschied könnte größer nicht sein: Während Israel auf die Entführung von zwei Soldaten mit unverhältnismäßiger Gewaltanwendung reagierte und sich in einen Krieg gegen Libanon stürzte, debattierten die Deutschen nach dem Tod von drei Bundeswehrsoldaten den Rückzug ihrer Truppen aus Afghanistan.

Daumen hoch.

I’m Sorry, I’m Lost

Gestern war ich auf einer Beerdigung, genauer gesagt auf der Beerdigung der Schwiegermutter meines Vaters. Meine Motivation dorthin zu gehen ist eher nebulös, ich kannte diese Frau kaum und in der Zeit in der ich sie kannte war sie schon schwer krank, mehr als 10 Worte dürfte ich nie mit ihr gewechselt haben. Ich hatte wohl das Gefühl als nur zu ungefähr 3% zu dieser Familie gehörender Mensch dennoch verpflichtet zu sein und ihren direkten Verwandten, d.h. ihr als Mutter der Frau meines Vaters und Oma meiner Schwester meinen Respekt zu bekunden. Um ganz ehrlich zu sein war sicherlich zunächst auch ein wenig Faszination für den erwarteten Trauerzug mit im Spiel – das sollte sich sehr schnell ändern. Nirgendwo wird man so unmittelbar und brutal mit der Wucht des Verlustes konfrontiert wie vor einem in einer Kirche aufgebahrten Sarg, auch nicht im Krankenhaus oder auf dem Friedhof. Die geballte Faust der religiösen Abstraktion schlägt dir in genau die Fresse, die sich gerade noch über Dinge unterhielt die soviel weniger relevant sind als Leben und Tod, deine Ohren hören nur das Rauschen der miesen Architektur in den 1970erjahren gebauten Kirchen, aber deine Augen sehen wie die Rücken der Menschen in den Reihen vor dir zucken und von Tränen geschüttelt werden.

Man lernt Respekt vor Menschen, die eigentlich kaum den Weg vom Bett in die Küche schaffen weil ihre Hüfte kaputt ist, die aber für eine alte Freundin den Kilometer von der Kirche zum Friedhof gehen, vor Menschen die offensiv mit ihrer Trauer umgehen oder defensiv, vor der Kleingeistigkeit rheinisch-katholischer Dorfgemeinden die nichts von dem teilen das ich Leben nenne außer das Leben an sich, auf die ich sicherlich öfter herabgeblickt habe wofür ich mich schäme. Ich muss diese Menschen nicht mögen, aber den Respekt verdienen sie, und jeder der so etwas erleben muss. Also jeder.