Tach! Diary (1)
Die Zugfahrt war lang und weilig. Bis Köln Süd Small Talk mit einem Bekannten, danach wahlweise Knie an Knie oder Schulter an Schulter mit hysterischen Businessfrauen und biertrinkenden Bauarbeitern die die (höchst lästigen) Zugmusikanten aufs Übelste beschimpften. Dazu das obligatorische Gegröle der Adoleszenten beim Passieren des Schaufensterbordells kurz vor Düsseldorf. Weiterhin muss ich warten dass an selbigem Flughafen mal ein Flugzeug landet oder startet wenn ich dort vorbeifahre.
Wenn man in Wesel aus dem Zug steigt denkt man tatsächlich, dass jemand für diesen Bahnhof sterben müsse. So wenig man das Klischee der blöden Kleinstadt erfüllen möchte, trostloser kann ein Ort nicht beginnen. Das geht so weit dass die Gepäcklaufbänder an den Treppen seit nunmehr sechs Jahren in Reparatur sind; einen Lichtblick bildet der frisch eingeweihte McDonalds, die erste Filiale im Stadtgebiet (ansonsten findet man einschlägige Burgerketten nur in der Periphere an Autobahn und Arbeitsamt).
Der Garten meiner Mutter gleicht mittlerweile einer grünen Hölle – Durchkommen ist wohl nur noch mit ortskundigem Dschungelsherpa und Machete möglich. Ihr gefällt das so und mir auch, immerhin blüht da etwas, die Gärten der meisten Nachbarn bestehen aus Rasen und Hecke – eine Nachbarin hat sogar letztes Jahr ihren kompletten Garten betonieren, kacheln und pflastern lassen weil sie keine Lust auf Rasenmähen hat. Jetzt hat sie ihre Ruhe und die Nachbarn einen spannenden Ausblick.
Nun sitze ich in dem Zimmer das bis zum Jahr 2000 (oder 1999?) mein Kinderzimmer war, mit Hochbett und mittlerweile verschrottetem Schreibtisch und damals schon demselben Fußboden. Ich zog dann in den Keller mit Sofa, normalem Bett, Computer, eigener Haustür und einer Menge Freiheit (und auch ein paar mehr Spinnen, aber nunja). Nun sitze ich jedenfalls hier, blogge eine Hommage an Ja(pa)n und neben mir steht das letzte Relikt meines Lebens in diesem Zimmer (Kürzlich sah ich irgendwo im Fernsehen einen Ausschnitt aus einer Fernsehsendung der 1950er Jahre in dem vom Gedächtnis von Häusern und den Geschichten ihrer Bewohner zu hören war – für mich völliger Humbug, dieser Raum hat mich spätestens dann vergessen als meine Mutter ein Wellenmuster an die Wand strich).
Jedenfalls das letzte Relikt: Eine rote Kunststoffkiste der Firma Curver, in der sich nichtsnutziger Kram stapelt der mit mir nichts zu tun hat. Die spezifische Identität dieser Kiste ergibt sich aus vier Aufklebern, we’re listing what’s left:
Rob Reekers, VfL Bochum
Mirko Votava, Werder Bremen
Christian Wück, Karlsruher SC
Tom Dooley, Bayer 04 Leverkusen
Diese Aufkleber stammen aus der Saison 1994/95, ich muss sie doppelt gehabt haben. Am Ende dieser Saison (bzw. zu Beginn der Folgenden) sind wir nach Wesel gezogen, am 5. August 1995 um genau zu sein, dem Tag als Batman Forever in die deutschen Kinos kam. Warum ich das weiß? Keine Ahnung. Batman Forever sah ich jedenfalls erst kurz vor meinem Abitur zum ersten Mal. Jedenfalls sind diese Aufkleber ein sehr schönes Bild für Wesel: Fehl am Platz, durchschnittlich, aber mit einer Menge Konnotationen versehen die sie unverzichtbar machen. Sollte diese Box irgendwann kaputt gehen, ich würde die Aufkleber vor der Mülltonne retten.
Was mich morgen erwartet: Ein Einkaufsbummel, ein Saturn-Besuch, eine Fahrt zur Hundeschule und ein Samstagabend.
Peripherie
Werde heute über das Wochenende nach Wesel fahren und dort das erste Mal wirklich mein Notizbüchlein benutzen. Ich bin gespannt.
Talking ’bout my generation: Wer wir sind.
Generation (soz.): die Gesamtheit der innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts geborenen Gesellschaftsmitglieder, die aufgrund gleichartiger historischer Erfahrungen ähnliche kulturelle Orientierungen, soziale Einstellungen und Verhaltensmuster ausgebildet haben.
Darf man in unserer Lage eigentlich noch von einer Generation sprechen? Sind wir nicht vollkommen zerfranst, ausindividualisiert, in Grüppchen einzelner Galaxien von Vorlieben, Weltanschauungen und Werten zersplittert?
Ich finde: Nein. Bzw: Ja, man darf von einer Generation sprechen.
Wir mögen eben nicht wie die 68er, wie unsere Eltern sein. Uns eint nicht ein Ziel, eine Mode, eine Musik (und inwieweit das auch bei den 68ern nur ein Klischee ist sei dahingestellt). Aber wir werden von außen betrachtet als “die jungen Leute”, wir haben Schnittmengen mit allen Gleichaltrigen, wir fühlen uns angesprochen wenn über Gleichaltrige diskutiert und gerichtet wird.
Wenn ich in der Uni sitze, im Zug, in der Kneipe, wenn ich meine Mitabiturienten treffe ist klar: Ich möchte mit diesen Menschen nichts zu tun haben, aber es geht nicht anders. Wir sind die, die keine Welt ohne MTV kennen, wir sind die, die 16 Jahre lang nicht wussten wie das geht, wenn jemand als Bundeskanzler abtritt. Wir sind die, die noch eine leise Ahnung haben wie das Leben vor dem Internet war und es trotzdem quasi mit der Muttermilch aufgesogen haben.
Wir mögen uns nicht, aber eine Schicksalsgemeinschaft sind wir. Spätestens, wenn in 50 Jahren Herr Diekmann 2.0 ein Buch über uns schreibt dass mit unseren Irrwegen abrechnet mit denen wir die Bundesrepublik an den Rand der Katastrophe brachten.
Ich hasse meine Generation: Vorwort.
Achtung, den Titel bitte nicht zu ernst nehmen: Er fiel mir nur direkt ein als ich über diesen Beitrag nachdachte, es ist ein Zitat von Surrogat.
Zwei Dinge bringen mich zum Generationenblogging. Erstens der Titelartikel des aktuellen ZEIT-Magazins, in dem es um einen der beiden Jungen geht die im Januar in Tessin völlig ohne Vorwarnung ein Ehepaar mit 120 Messerstichen niedermetzelten. In den Beschreibungen seiner Gedankengänge fand ich mich weitaus nicht immer, aber erschreckend oft wieder. Das gab mir zu denken. Zweitens übergab ich letzten Mittwoch meinem Vater sein Exemplar von my favourite chords, er sprach kurz mit mir über meinen Beitrag und einen weiteren Artikel von mir in der Hommage, in dem es um meine musikalische Sozialisation ging. Er erzählte mir, er würde sich über solche Dinge immer freuen, da er so einen Einblick in die Welt meines Alters bekäme, wenn auch nur in ein kleines Fragment.
Die Frage nach einer zutreffenden Beschreibung meiner Generation hat mich seitdem beschäftigt. Heute reifte der Gedanke in mir sie zum Thema meines Blogs zu machen, damit ich hier mal wieder wirklich was zu sagen habe. Klar war mir dabei sofort, dass so ein Vorhaben in mehreren Kapiteln stattfinden müsste.
Ich habe noch keine Zeile geschrieben, aber ich bin mir im Klaren wie schwer das wird. Vorab: Ich werde Widersprüchliches schreiben, Subjektives, Pseudokulturwissenschaftliches, Peinliches und vielleicht ein paar richtige Gedanken. Auch wenn es sich im Rahmen eines Blogs bescheuert anhört: Ich schreibe das zunächst einmal für mich. Wer es liest darf mir gerne seine Gedanken dazu schreiben. Morgen fange ich an. Schlaft gut.
Musikempfehlung
Sonst reagiert ja keiner, also so. Durch Galore, Public und Vanity Fair (ja, lese ich gerne) in ich auf Mark Ronson aufmerksam geworden. Der hat mit Version ein schönes Album voll mit Coverversionen aufgenommen die wunderbar respektvoll und gerade deswegen sehr weit weg vom Original sind. Also hier mal zwei Hörbeispiele. Es lohnt sich. Und raten welche Lieder es sind! :D
Umzug und Zukunft
So, ich bin auf meinen eigenen Webspace umgezogen. Das schien mir doch bequemer. Am Template werde ich in den nächsten Tagen noch etwas arbeiten, aber eigentlich finde ich es ganz hübsch und die Grundidee charmant – schlichte Templates finde ich auch super, aber die hat ja jeder.
Inspiriert von Jans großartigen Japaneinträgen habe ich mich endlich aufgerafft mein Notizbüchlein für neue Blogeinträge zu aktivieren – ich hoffe, dass es demnächst gehaltvollere Texte zu lesen gibt als diesen hier.
Über Kommentare freue ich mich natürlich weiterhin, muss jetzt aber umso mehr die Spamkacke im Auge behalten.
Grüße.
Szenekundig
Es hat gedauert, ich habe ca 20 Programme installieren müssen, aber ich habs geschafft.
Die Abschlussszene der dritten Episode der vierten Staffel von Six Feet Under gehört für mich zu den besten Minuten die jemals im Fernsehen ausgestrahlt wurden. Vielleicht braucht man das Rückwissen über die Charaktere, eigentlich glaube ich aber dass die Szene auch für sich selbst spricht. Dennoch: Da ist das Setting, da ist der Song, da sind die fantastischen Schauspieler, da sind die Fragen und keine Antworten.
Da ist Nate, der gerade seine Frau verloren hat, die er eigentlich nur aus Pflichtbewusstsein seiner Tochter gegenüber geheiratet hat.
Da ist Claire, die gerne Künstlerin werden möchte aber lange nichts mehr geschaffen hat, was sie selbst zufriedenstellt.
Da ist Ruth, die sich Sorgen um ihren offenbar dementen neuen Ehemann macht.
Da sind die kleinen Feinheiten, die Regisseur Jeremy Podeswa perfekt umgesetzt hat; Claires tänzelnde Bewegungen nachdem sie die Musik anschaltet, die Blicke von Anita, die immer schon eine gewisse sexuelle Faszination für Nate hat, die leeren Augen von Ruth.
Dazu die sich fortspinnende Geschichte des beginnenden Abschieds von der toten Lisa.
Ich weiß gar nicht was ich dazu noch schreiben soll. Die vielleicht großartigste Szene der großartigsten Serie der Welt. Bitte angucken.
Time Capsule
Nein, hier geht es nicht um das von Spiegel Online mit allen journalistischen Ehren bedachte komplett verrostete Auto, sondern um ein heutzutage noch zu kaufendes Druckwerk, das von mir heute den Preis für den charmantesten Rassismus bekommt:
Meine Erinnerung mag getrübt sein, denn bisher war ich der Meinung das eine oder andere Mal das Wort “Neger” gelesen zu haben (weder verwunderlich noch verwerflich für eine Neuerscheinung des Jahres 1930). In der mir für diese Beispiele vorliegenden Ausgabe ist das Wort jedoch offenbar nicht zu finden.
Trotzdem gibt es eine wunderschöne Beispiele der damals ziemlich geläufigen Weltsicht über die dunklen Männer des heißen Kontinents zu sehen. Das fängt an mit der anständig realistischen Weltsicht dieses Matrosen, der sich offenbar allem unterordnet was weiß ist, und sollte es auch nur ein kleiner kläffender Köter sein, der sich aus vollkommen eigener Blödheit in die missliche Lage gebracht hat, im Meer herumzukraulen. Im Übrigen zeigen sich hier Schwierigkeiten im Unterfangen, Tim für die deutsche Version auch geografisch nach Deutschland zu transferieren: Würde jemand auf einem anständigen deutschen Schiff wegen eines Hundes “Mann über Bord” rufen, würde er sicher standrechtlich erschossen oder bekäme zumindest arge Probleme mit der Wasserschutzleitbehörde Oberammergau.
Weiter geht es mit dem Rätsel, woher Menschen die offenbar deutscher (bzw. belgischer, wtf) Grammatik absolut nicht mächtig sind, vom großen Reporter Tim und dessen Hund gehört haben, in welchen Gegenden Afrikas Wiesen direkt ins Meer münden und wie es ein dicker Kreuzfahrtdampfer schafft, 100 Meter von so unbearbeiteter Küste nicht auf Grund zu laufen. Desweiteren zu klären wären natürlich die Fragen nach dem Attribut, welches der mutmaßliche Vater mit dem Wort “Dingsbums” unbeholfen zu ersetzen versucht und wie zum Teufel irgendjemand ernsthaft in Afrika sein Kind Schneeball nennen sollte. Aber immerhin, die beiden haben was an, sonst müsste Tim wohl im Laufe des Bandes noch desöfteren vor Neid erblassen. (Ja grundgütiger, danke Rechtschreibprüfung, hier stand bis gerade noch “erblasen”).
Nein du dummer Junge, nicht jeder sieht in Afrika aus wie ein Affe, Touristen zum Beispiel. Hervorstechend auf diesem Bild die sich abzeichnenden äpfelchengroßen Lippen Pobacken des Erntehelfers Fremdenführers. Dessen Rolle ähnelt in Aufgabe und Artikulation frappierend der von Jar Jar Binks in den neueren Star Wars-Filmen. Ansonsten bleibt wie immer nur die Frage, wo Tim eigentlich 100 Kostüme pro Folge versteckt.
Hier nun das größte Kunstwerk Hergés (ever!). Postmoderne kreuzt Kulturpessimismus. Die Apokalypse in Form der darniederliegenden Technik (Krupp!) am Bildrand, halb aus der Welt heraus, halb in die Szenerie hineinragend, der menschliche Verfall dargestellt durch Tims deszendierende Artikulationsfähigkeiten und die von westlicher Dekadenz herangetragene sexuelle Verwahrlosung des scheinbar unbeteiligt von rechts hereinmarschierenden Transsexuellen; hier werden vom Irak über AIDS bis zur Pelztierproblematik alle heißen Eisen der Zukunft angeschnitten, selbst das erst 37 Jahre später erscheinende Album Sgt. Pepper findet mittig eine frühe Hommage.
Ein Kleinod findet sich auch in dieser ausnehmend positiven Beschreibung christlicher Missionare. Nicht nur, dass der Missionar optisch Tims Vater sein könnte und Struppi sich an ein fundiertes Urteil über westliche Entwicklungspolitik macht, endlich wird auch artikuliert wie viel die vorherige humanisierte Fläche wert war: Nichts. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Aber wieso hat dieser Missionar eigentlich so eine Wampe, wenn die Leute um ihn rum nicht mal ihre Stiefel mit den Beinen ausfüllen können?
Aber immerhin hier ist alles noch gut: Tim fängt endlich mal an zu schwitzen, das Gewehr in seiner Hand war auch noch zu etwas gut und wenn ich mich nicht irre hat der Klimawandel offenbar dazu geführt dass in Afrika anständige mitteleuropäische Birken wachsen. Dafür: Daumen hoch!

Humorkanonen etc.
1. Gestern war Harald Schmidt an der Uni Bonn zu Gast, in einem Gespräch mit SPIEGEL-Redakteur Thomas Tuma, Ausschnitte werden am Montag in der Printausgabe zu lesen sein. Es war erwartet lustig und bestätigte mich in meiner Meinung dass Schmidt nur so richtig gut ist wenn er kein Drehbuch oder ein thematisches Korsett hat – Thema der “Runde” war zwar “Prima Klima”, darum ging es aber in keinem einzigen Satz. Schmidt durfte sich austoben zur Kooperation mit Pocher, zu seinen Fernsehgewohnheiten und ungewohnt offen zu seinen Motiven, bei “Unser Charly aufzutreten: Das ist die Lieblingsserie meiner Kinder, und als ich nach Hause kam mit einem Foto mit dem Affen auf meinem Arm war ich mal der Größte.
Alles in allem unterhaltsame 80 Minuten in einer Aula die wohl noch nie so überfüllt war und eine sicher lohnenswerte Veranstaltung auch an den anderen Unis mit anderen Gästen; nächste Woche Mittwoch ist Thomas Gottschalk in Köln zu Gast.
2. Ach mann, mein Kopf war randvoll mit Blogthemen und jetzt sind alle wieder weg.
