Das Jahrzehnt in Stichpunkten: 2002
Als Mensch, dessen Schicksal ist, im Jahr 1984 geboren zu sein, war 2002 als Entscheidungsjahr in der DNA festgelegt. Volljährigkeit, Führerschein, Bartwuchs.
Seit dem Herbst 2001 war ich in der Fahrschule von Lothar Pahl angemeldet, deren Homepage exakt so hässlich ist wie der Fahrlehrer nett – obwohl wir erst in den letzten beiden Fahrstunden nach langen Schweigefahrten zwei Themen fanden, die uns einten: Fußball und Schlagzeug. Bis dahin hatte ich die theoretische Prüfung zwei Mal gemacht, einmal desaströs, einmal mit der höchsten erlaubten Fehlermenge. Nach der zweiten praktischen Prüfung¹ hatte ich den Führerschein und plötzlich mit dem Punto meiner Mutter und dem Twingo meiner Schwester zwei Autos zur Verfügung. Die erste Fahrt ging mit meiner Schwester ins linksrheinische Niemandsland, die zweite mit ein paar Freunden nach Ulft, um Gras zu kaufen.
Im August fuhr ich mit Malte wieder nach Ulft, und wieder kauften wir Gras. Der Weg zurück führte nicht nach Wesel, sondern nach Weeze, zum Bizarre Festival. Wir schwitzten Rotz und Wasser, als wir mit Maltes Schoß voll Gras an den Polizisten vorbeifuhren, die uns freundlich auf den Festivalparkplatz winkten. Später kam Nils nach auf sein erstes Festival, dessen Karte wir ihm zum Geburtstag geschenkt hatten. So kamen wir zu dritt in den Genuss des auch der Rückschau noch unfassbar guten Line-Ups. Mal nur die Highlights: The Chemical Brothers, Jimmy Eat World, DJ Shadow, Phantom Planet, The Get Up Kids, Turbonegro, Tocotronic, Hot Water Music, Slut, Dover, New End Original. Ich könnte jetzt jeden einzelnen Auftritt hervorheben, denn sie waren alle toll. Vom Jimmy Eat World-Auftritt schwärmen aber damals Anwesende noch heute, die Get Up Kids damals gesehen zu haben erwärmt mein Herz noch immer.
Im direkten Anschluss an das Festival fuhren wir zum Zelten nach Westkapelle². Eine Woche verbrachten wir dort auf dem Campingplatz, gingen mal baden, stritten uns unter Freunden bis aufs Blut über die zu kochenden Essen, die Aufteilung der Aufräumdienste und die Belegung der Zelte, spielten “One” in der Johnny Cash-Variante auf der mitgebrachten Gitarre und lernten ein junges Pärchen aus Wuppertal kennen, dessen Namen ich leider vergessen habe – sonst hätte ich sie schon längst in einschlägigen sozialen Netzwerken gestalkt.
Im Januar 2002 erreichte ich den Tiefpunkt meiner schulischen Laufbahn, als ich auf dem Halbjahreszeugnis meine beste Note in Sport hatte – 9 Punkte bekam ich da. Es wären nur 8 gewesen, wäre da nicht im Fußball-Prüfungsspiel mein bis heute einzigartiger, nie wieder erreichter und spielentscheidender Hackentrick gewesen, der sogar meinen rechtskonservativen Sportlehrer³ tief beeindruckte. Ich schrieb meine in diesem Jahr vom Land eingeführte Facharbeit in Sozialwissenschaften über die außenpolitische Programmatik der PDS und bekam dafür eine Gnaden-4.
Musikalisch war 2002 nicht schlecht, in der Rückschau aber eher das Jahr des Übergangs vom überragenden 2001 zum fantastischen 2003.
- And You Will Know Us By The Trail Of Dead – Source Tags & Codes: Beim seligen VIVA2 lief irgendwann ein Video, in dem sehr hässliche Menschen Gitarre spielten auf eine Art, wie ich es noch nie gehört hatte. Der Song hieß “Another Morning Stoner”, war der VISIONS-Hit des Jahres und brachte mich dieser Art von Musik nahe, an die ich mich bislang nicht herangetraut hatte. Die restlichen Hits des Albums entdeckte ich allerdings erst ein Jahr später
- Beauty To Ashes – Reproduce The Common Practice: Im Jahr 2002 entdeckte ich die Möglichkeit, mir neue Musik über das IRC-Chatsystem zu beschaffen. Da das schnell und irgendwann auch einfach ging, lud ich nahezu alles, hörte es Probe und entschied dann relativ schnell, ob die Alben kaufens- oder löschenswert waren. Das Album von Beauty To Ashes lag wenige Tage nach dem Download in meinem Briefkasten, ein schöner Digipak von Green Hell (im Übrigen mein Lieblingsbeispiel für die Vorteile, die MP3-Downloads haben können). Ein nahezu generischer Emo/HC-Bandname, ein Artwork dass schmerzhaft Klischees erfüllt, aber eine Sammlung von Überhits. Hier empfohlen: “How To Put Out A Fire With Gasoline”.
- Boysetsfire – Live For Today EP: Eigentlich nur wegen “Release The Dogs” in dieser Liste – die Liveversion von “Rookie” ist überflüssig, Bathory’s Sainthood nervt mich, aber “Release The Dogs” war erstmals auf dieser Platte und wurde von mir auf jeglicher Party angemacht, auf der ich in die Nähe des CD-Players kam. Alle anderen waren genervt, ich fing an, die Inneneinrichtung zu zerstören. Ein großer Spaß.
- Bright Eyes – Lifted: Hier muss nicht mehr viel gesagt werden. Method Acting, Bowl Of Oranges, Let’s Not Shit Ourselves. Ein Klassiker des Jahrzehnts.
- Coldplay – A Rush Of Blood To The Head: Im September 2002 fuhren wir mit dem Englisch-LK für eine Woche nach Malta und ich verlebte dort eine der schönsten Urlaubswochen meines Lebens. Wir tranken, rauchten, badeten, fuhren die gefährlichsten Busse der Welt und mein famoser Lehrer erteilte mir die Sondererlaubnis, abends das Hotel alleine zu verlassen, um mich an den Strand zu setzen und dieses Album das erste Mal zu hören. Bis heute hat es diese Assoziation nicht verloren. Bester Song übrigens der Titelsong.
- mclusky – do Dallas: Damals, als wir tatsächlich noch den AOL Instant Messenger benutzten, fragte ich Philipp mal aus Langeweile, was er grade hörte. mclusky war die Antwort, “klingt so nach Pixies”. Ich gebe zu, damals nur “Where Is My Mind?” gekannt zu haben und erwartete etwas völlig anderes als den durchgeknallten, treibenden, dreckigen, wunderbaren Bastard “do Dallas”. Kein schlechter Song, die besten Nicht-Emo-Texte der Welt und ein unvergesslicher Auftritt bei der Rheinkultur 2002. Wie toll das war, kann man in der entsprechenden Visions-Berichterstattung sehen – ich bin sehr prominent im Moshpit abgebildet und sehe schrecklich aus.
- Queens Of The Stone Age – Songs For The Deaf: Auf dem Weg zu einer der zahlreichen Abiturfinanzierungsparties im Alex Country (schlimmer Ort) fragte mich mein guter Freund Keule, ob ich dieses tolle neue Lied “No One Knows” kennen würde. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich an “Songs For The Deaf” schon fast überhört. Fast, weil die offensichtlichen Hits (No One Knows, Millionaire, Another Love Song) von den Spätzündern (First It Giveth, Sky Is Falling, Hangin Tree) abgelöst wurden. Besser wurde diese Band nie wieder.
- Thursday – Full Collapse: In aller Kürze: Cross Out The Eyes, Paris In Flames, Standing On The Edge Of Summer
Mein Video des Jahres, weil es das Video des Jahres ist:
¹ die so lächerlich war, dass ich es mal niederschreiben muss: Meine Mitfahrerin und ich waren nervös, als wir auf den Prüfer warteten. Dann fuhr ein Porsche auf den Parkplatz, unser Witz “Das isser bestimmt” stellte sich als die Wahrheit heraus, der ungefähr 30-jährige Sympath setzte sich hinten ins Auto, entschuldigte sich für die Verspätung, erzählte er sei die Ferienvertretung aus Oberhausen und würde sich in Wesel nicht auskennen – “Also Herr Pahl, machen sie mal den Weg”. Nach 5 Minuten Stadtfahrt, einmal seitlich einparken und 10 Minuten über die völlig leere Autobahn auf einen Rastplatz fahren hatte ich den Führerschein.
² noch so ein Ding, das offenbar ziemlich üblich war in unserer Generation in unserer Gegend. Herr Heinser war öfter, und auch 2002, im Urlaub in Domburg, was ziemlich genau 4 Kilometer entfernt ist.
³ Von ihm dürfte irgendwann nochmal an dieser Stelle die Rede sein, wenn ich mich mal wieder auskotzen muss.
Das Jahrzehnt in Stichpunkten: 2001
Wie immer hänge ich hinterher. Ich versuche trotzdem, das hier zu einem geeigneten Abschluss zu bringen, irgendwann im Dezember, dann mit 2009
Das Jahr 2001 begann damit, dass wir eine DSL-Leitung bekamen, mit unvorstellbaren 768 Kbps Downspeed und 128 Kbps Upspeed – das hieß 96 Kilobyte Download pro Sekunde. Meine Güte, was jetzt alles möglich war. Meiner Mutter versprach ich, dass die Legung der DSL-Leitung direkt zu meinem im Keller befindlichen Computer nur vorläufig sei – bis zu meinem Auszug im Jahr 2003 blieb es bei diesem Provisorium. Zu diesem Zeitpunkt begann der stetige Abstieg von Napster – die Software wurde von ihren Nachahmern überholt. Ich benutzte schon länger einen alternativen Client, der die Napster-Server nutze, aber Vorteile wie die Wiederaufnahme abgebrochener Downloads unterstützte. Außerdem konnte ich mir den Server, auf dem ich tauschte, selbst aussuchen, so dass ich immer auf punk.napster.com ging und dort im deutschen Chat rumhing, während ich hauptsächlich Lieder von WIZO herunterlud.
Im Sommer 2001 besuchte ich das Bizarre-Festival in Weeze, was nicht nur onomatopoetisch nahe bei Wesel liegt. Dort war ich mit Pascal, es sollte unser letztes gemeinsames Festival sein – unsere Geschmäcker drifteten schon dort weit auseinander. War er hauptsächlich wegen den Guano Apes und den Ärzten da, ging es mir um andere Bands. Die erst in jenem Jahr von mir entdeckten Stone Temple Pilots kamen „endlich“ auf Tour, dazu kamen die Foo Fighters, JJ72, Ash, die Backyard Babies und Snapcase. Weezer sagten ihren Auftritt schon frühzeitig ab, wodurch die Enttäuschung nicht so groß war, wie später, als sie ihre Clubtour abbrachen.
Als ich am Bizarre-Samstag zum Visions-Stand ging, um mir meinen T-Mobile-Hut von den Emil Bulls signieren zu lassen5, sah ich dort einen Zettel, auf dem mit Edding geschrieben stand: „ERSTER LIVEGIG VON NEW END ORIGINAL, DER NEUEN BAND VON JONAH MATRANGA (EX-FAR)“ auf der Talent Stage, einem kleineren Hangar auf dem Gelände, das zuvor ein britischer Armeeflughafen gewesen war. Ich hatte bis dahin weder von Jonah Matranga, noch von Far auch nur gehört, aber da schrieb jemand durchgehend in Großbuchstaben, das dürfte gut sein – zumal es genau zwischen den Queens Of The Stone Age und den Stone Temple Pilots lag und somit nur mit New Model Army kollidierte. Das Konzert sollte eines der besten meines Lebens werden, obwohl kein Schwein die Lieder kannte. Jonah trug ein T-Shirt auf dem „I never wanna say my best days are behind me“ stand und das man auch kaufen konnte – an diesem Abend leider nur in Größe M, die mir sicher nicht gepasst hätte. Aber das Album „Thriller“ gab es zu kaufen. Ein Jahr später brachte ich es wieder mit zum Bizarre, um es mir von der Band signieren zu lassen.
2001 ging es auch daran, Leistungskurse für den Rest der Oberstufe zu wählen. Dadurch, dass unsere Stufe mit 68 Schülern recht klein war, war die Auswahl eine Katastrophe. Zur Wahl standen letztendlich Deutsch, Englisch, Französisch, Sport, Biologie, Pädagogik, Mathematik und Physik, wobei letzterer Kurs lediglich ein dreistündiger Aufbaukurs auf den zweistündigen Physik-Grundkurs darstellte. Zu Englisch wollte ich wegen des Lehrers1 unbedingt, drum musste ich in den Deutsch-Kurs.
Im Juli fuhr ich das erste Mal nach Holland, um mir dort Dinge zu kaufen, die es in Deutschland nicht gibt. Vorher war ich immer von eher zwielichtigen Typen aus höheren Stufen versorgt worden, die unsere völlige Ahnungslosigkeit ausnutzten und Halsabschneiderpreise verlangten. Statt einfach in einen der zahlreichen Grenzorte fuhren wie nach Arnheim, sahen uns die Stadt an und trauten uns kaum in die zwielichtigen Coffee Shops
Unvermeidlicherweise meine schon zu oft geäußerte Geschichte zum 11. September – ich kam von der Schule nach Hause, aß zu Mittag, setzte mich vor den Fernseher und sah im Sat1-Videotext die Nachricht „Kleinflugzeug fliegt in World Trade Center“. Ausgehend von einer schon abgeschwungenen Begeisterung für Flugzeuge und den MS Flight Simulator ging ich nach oben2 und surfte news.yahoo.com an – dort gab es aber keinerlei Infos. Also CNN an und so gerade noch live gesehen3, wie das zweite Flugzeug in den Turm rauschte. Kurze Zeit später wurde diese Aufnahme wiederholt und die Kommentatorin schrie „Oh my god, a third plane!“. Das hat sich bei mir eingebrannt. Um halb 4 musste ich zur Theater-AG4. Unser Lehrer war in der Schule gewesen, hatte nichts mitgekriegt und sagte, als wir ihm von den Ereignissen erzählten „Ach ehrlich? Naja, so schlimm wird’s schon nicht sein“. An die AG-Sitzung habe ich keine Erinnerungen mehr, nur daran, dass mich meine Mutter mit den Worten „Die Türme sind weg“ empfing.
2001 war musikalisch ein außergewöhnlich gutes Jahr, vielleicht eines der besten für mich überhaupt:
- Ash – Free All Angels: Ein Album wie Zucker mit Zuckertopping und Vanilleeis. Pop wie Pop nur geht, einige Male viel zu viel, aber mit Shining Light und Burn Baby Burn sind zwei Hits drauf, die ich niemals totkriegen werde.
- Fantômas – The Director’s Cut: Eine Gruppe von Verrückten covert Filmmelodien, dabei ist der Typ der “Easy” gesungen hat und der, der das “BAMBAMBAM” von “Raining Blood” erfand. Und alles passt. Eine der (gerade aufgrund ihrer Kürze und Kurzweiligkeit) meistgehörten Platten meines Lebens
- Jimmy Eat World – Bleed American: Ein zuverlässiger Weg, alle Scene Points loszuwerden, ist Bleed American über das Vorgängerwerk Clarity zu stellen. Tue ich hiermit. Mehr Hits auf einem Album gehen nicht, selbst wenn man The Middle nicht mehr hören kann und Hear You Me schon immer schmonzig fand (ich überziehe mein Scene Point-Konto, sagt mir grad die freundliche Dame von der Hotline der Emo-Schufa)
- New End Original – Thriller: Wie weiter oben schon erwähnt, ein großes Album
- Backyard Babies – Making Enemies Is Good: Das Album hörte ich kürzlich zum ersten Mal seit Jahren wieder, und heutzutage fände ich es furchtbar. Aber Brand New Hate, Ex-Files und I Love To Roll waren damals meine Testosteron-Versicherung, und ich werde mir das Album niemals von meinem Geschmack kaputtmachen lassen
- John Frusciante – To Record Only Water For Ten Days: Wegen Frusciante ließ ich mir die Haare wachsen und versuchte mich erfolglos an einem Vollbart. Wegen der Single “Going Inside” machte ich eine Zeit lang wöchentlich ein Mixtape, das mit diesem Song begann und suchte nach den perfekten Tracklists, die drumherum passen. Wegen diesem Album fing ich an, mit Drumcomputern zu basteln und mir ein Vierspuraufnahmegerät zu kaufen
- Poison The Well – Tear From The Red: Nicht so gut wie der Vorgänger The Opposite Of December, aber mein Entdeckungsalbum dieser Band. Und mit Botchla und vor allem Turn Down Elliott sind Songs darauf, die nur knapp hinter Allzeitfavoriten wie Nerdy stehen
- Slayer – God Hates Us All: An meinem ehemaligen Gymnasium gibt es die schöne Tradition der Tage religiöser Orientierung. Alle Freiwilligen der Stufe 11 fahren für drei (Schul)Tage in die Nähe von Kamp-Lintfort, um dort in einem Nebenhaus des Klosters in Seminaren über Glauben, Philosophie und Ethik zu reden. Also, tagsüber. Tatsächlich ging es hauptsächlich um Rauchen, Trinken, Kiffen. So betrunken wie an diesem Donnerstag im Jahr 2001 war ich selten in meinem Leben. Vor der Abfahrt hatte ich mir noch “God Hates Us All” gekauft und auf der Fahrt das erste Mal gehört. Unverzichtbar.
- The Strokes – Is This It?: Auf dem Parkplatz des Bizarre Festival wurde uns von einem Street Teamer eine Kassette überreicht, auf der ein nackter Frauenarsch zu sehen war. Pascal hatte sich gerade geoutet (sexuell und was schlechten Musikgeschmack angeht) und warf die Kassette sofort weg. Ich hörte sie in den folgenden Tagen rauf und runter, bis sie tatsächlich riss. Ich kann nicht mehr genau rekonstruieren, welche Songs darauf waren, tippe aber auf NYC Cops und Soma.
- Stone Temple Pilots – Shangri-La-Dee-Da: Im damals noch existierenden ELPI-CD-Laden in Wesel gab es zwei Etagen: Unten Pop und Klassik, eine Wendeltreppe hoch “Hard’n'Heavy” (schlimmer Begriff des frühen Jahrtausends, nebenbei). Neben der Kasse stand ein orangener Aufsteller mit einem Kopfhörer, um in das neue Album dieser Band reinzuhören, die ich gerade ehrlich gesagt mit Soundgarden verwechselte. Die ersten paar Töne von “Dumb Love” reichten mir, sofort 30 Mark in das Album zu investieren – dass eben jener Opener der schwächste Song des Albums sein sollte war dann ein Glücksfall.
Song des Jahres: Fantomas – Godfather
Das Jahrzehnt in Stichpunkten: 2000
Ich hänge mich jetzt wie ein 2.0-Schmarotzer an Lukas Serie über das nun langsam ausfadende Jahrzehnt – die erste Folge war schon lesenswert, ich freue mich auf die Weiteren. Frappierend dabei ist, wie sehr sich solche Lebenserfahrungen ähneln, wenn nur bestimmte Parameter – Alter, Region, Umfeld – übereinstimmen. Trotzdem gibt es noch genug Unterschiede, die eine Erwähnung wert sind, zumal ich seinem Musikgeschmack zumindest in Richtung Pop (also, Pop. Nicht Pop!) so gar nicht folgen kann.
Tatsächlich weiß ich gar nicht mehr, wie ich in das Jahr 2000 hineingekommen bin. Ich werde es wie damals immer mit Pascal und Nils in meinem Kellerzimmer gefeiert haben, ständig wechselnde Peripherfreunde drumherum. Wir waren 15 Jahre alt und haben Bier getrunken und fühlten uns dabei ziemlich erwachsen. Traurig, wie wenig ich aus dieser Zeit noch weiß – so halbwegs kann ich aber rekonstruieren dass wir damals den Toten Hosen entwachsen waren und die Ärzte noch cool fanden. Damals begann allerdings die Spaltung unseres Musikgeschmacks, die bald auch auf unsere ständig umbenannte, nie wirklich existierende Band zurückfallen sollte. Später schrieb ich Songs die wie Weezers Pinkerton klingen sollten (es aber nur taten, wenn sie Plagiate waren), während Malte (Gitarre), Nils (Gitarre) und Pascal (Bass) eigentlich nur AC/DC covern wollten. Kaum zu glauben: Diese Kluft war das große Drama meines damaligen Lebens.
Schon 1999 hatte mein Musikleben einen radikalen Wandel genommen, der zeitlich genau mit meinem Umzug aus dem kleinen Zimmer neben dem Schlafzimmer meiner Mutter in den Keller zusammenfiel – am Tag bevor ich das Bett runtertrug, hörte ich den EinsLive Kultkomplex und dort “Guerilla Radio” von Rage Against The Machine. Aufgrund der etwas höheren Stimmlage dachte ich zunächst, das hätte irgendwas mit den Beastie Boys zu tun (Ich war 15! Also bitte). Ich kaufte die Single bei Elpi und wurde weggeblasen vor Großartigkeit. Nicht nur vom Titeltrack, sondern vor allem von den B-Seiten: Dem damas schon tollen Springsteen-Cover “The Ghost of Tom Joad”, dem bis heute famosen “No Shelter” (das ich deswegen nun höre) und einer Liveversion von “Freedom”. So oft wie diese 4-Track-EP habe ich bis heute sicherlich keine zweite Platte gehört.
So ausgestattet und mit einem Einjahres-Abo des Ox bewaffnet ging es dann weiter. Ein kurzer Überblick über meinen MP3-Ordner (die Platten von damals sind alle selbst gerippt und mit rührenden Rechtschreibfehlern getaggt) spuckt unter anderem aus:
- A – A vs. Monkey Kong: Die erste Platte, die ich im Internet bestellte. Bei Amazon.de, per vom Mund abgesparter Vorabüberweisung bezahlt, mit zittrigen Händen aus dem heimischen Briefkasten gezogen; Ein Monster von einer Fun-Alternative-Rock-Pop-Punk-Schreibe. Bis heute großartig, trotz “I Love Lake Tahoe”, das später von den ganzen Idioten meiner Stufe laut gegröhlt wurde, weil sie es beim Apres Ski gehört hatten.
- Amen – We Have Come For Your Parents: Ich sollte mich für dieses Album schämen, ebenso wie dafür, meinen ersten Nick im Visions-Forum nach dem Sänger Casey Chaos gewählt zu haben, aber es ist mir egal. Der Sound des Albums schwankt so sehr zwischen Miserabilität und slipknoteskem Overstatement, dazu kommen Texte, die weit über das hinausgehen was Marilyn Manson schon damals zum Kinderschreck machte und das wohl am schlimmsten riechende Booklet aller Zeiten.
- Deftones – White Pony: Eine Platte, der ich bis heute Gutes abgewinnen kann, die mir aber auch immer wieder zeigt, wie sehr ich damals der VISIONS vertraute. Letzten Endes bleiben einige gute Songs (der Beste bleibt für mich die “Pink Maggit”-Verpoppung “Back To School”) und die einzige Platte, die ich drei Mal besitze – warum, dazu ein anderes Mal.
- Rancid – Rancid: Vielleicht die zweithäufigst gehörte Platte meines Lebens. Bis heute in meinen Allzeit-Top 10. Entstaubter, eingängiger, rauer geht US-Stadion-Punk nicht.
Wohlgemerkt, das sind nur Platten, die ich auch damals schon hörte. Natürlich gehörte dazu auch “Relationship of Command” von At The Drive-In, über das ich nun aber wirklich nichts mehr schreiben muss. Erst später hinzu kamen:
- The Weakerthans – Left And Leaving, Muff Potter – Bordsteinkantengeschichten, Johnny Cash – American III: Solitary Man, Boysetsfire – After The Eulogy, Coldplay – Parachutes, Queens Of The Stone Age – Rated R,
Radiohead – Kid A, Rage Against The Machine – Renegades, Tomte – Eine sonnige Nacht
Im Weiteren wurde das Jahr 2000 davon geprägt, dass ich weiterhin das Schlagzeugspielen lernte, die Gitarre meiner Schwester klammheimlich aber interessanter fand. Ich besuchte die Oberstufe und durfte plötzlich Chemie und Physik abwählen, ich holte mir (rein zufälligerweise) meine erste schlagzeuginduzierte Sehnenscheidenentzündung pünktlich zur Bodenturnen-Episode im Sportunterricht ab, mein Notenschnitt ging weiter in den Keller. Ich verliebte mich mal wieder (und sicher eher im zweistelligen Male) ebenso unsterblich wie unglücklich, ich spielte Half-Life und fand Counter-Strike langweilig, ich bekam ein neues Fahrrad und bemerkte nicht, dass 2000 eigentlich ziemlich lahm war. 2001 sollte da schon besser werden.
Randgebiete

Heimaturlaub ist schön, nicht nur, weil es Urlaub ist, sondern auch, weil man sprunghaft die Entwicklung seines Herkunftsortes¹ mitbekommt, die, dort noch lebend, sicherlich an einem vorbeifließen würde.
Was seit ein, zwei Jahren frappierend auffällt ist die hohe Zahl mit Männern zwischen 30 und 40, die auf die Kinder auf den Spielplätzen aufpassen. Das kann man als Ausdruck besonders fortgeschrittener Gleichberechtigung oder Siegeszug des Elterngeldes sehen, aber dann kennt man Wesel nicht. Hier bedeutet das: Ziemlich viele Familienväter sind arbeitslos. Die Stadt ist wirtschaftlich abhängig vom Ruhrgebiet, wohin viele pendeln, und von einigen wenigen großen Arbeitgebern, die allesamt (bis auf BYK Chemie, meines Wissens nach) Stellen streichen oder ganz zu machen.
Das wiederum führt zu einer ziemlichen Verwahrlosung einer früher mal ziemlich stolzen Stadt. Deutlichstes Merkmal sind die von der Bahntrasse aus sichtbaren Gebäude der Niederrhein- und der Rundsporthalle. Erstere ist ein Multifunktionsveranstaltungsbau, in dem mal etwas Glamour versprüht werden sollte und deren Namen man heute hauptsächlich im Zusammenhang mit Abiparties, Ü30-Parties, Ramschbörsen und Vertriebenentagen liest, die 1972 gebaute Rundsporthalle dagegen ist Heimat des Regionalliga-Badmintonteams und ansonsten hauptsächlich das große Ding, an dem man schnellstmöglich vorbeifährt.
Es ist ziemlich schwer, Fremde davon zu überzeugen, dass Wesel auch schöne Seiten hat. Nichtmal ich bin davon überzeugt, und ich wäre es immerhin schonmal gerne. Es gibt den Rhein, den Auesee und die Felder, aber eigentlich überall, wo es Menschen gibt, ist Wesel hässlich. Seinen Ursprung hat das darin, dass die Stadt im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde, aus dem Kopf kann ich nicht mehr als drei echte Altbauten im Stadtbebiet aufzählen. Alles andere wurde in den 50er-Jahren hektisch aufgebaut und dann stehen gelassen², und das wirkt sich auf die Attraktivität von Wesel aus.
Im Regionalexpress habe ich heute überlegt, woran es liegt, dass für Provinzialität immer Dinslaken steht. Erster Grund, klar: Es ist Peripherie. Wer vom Norden Deutschlands nach Köln (oder schöner: Bonn) will, kommt meist an Duisburg, Oberhausen, Düsseldorf vorbei. Von dort fahren Züge nach nirgendwo, und das heißt: Dinslaken, Wesel, Emmerich. Dahinter endet die deutsche Bahnwirklichkeit. Emmerich klingt vielleicht zu urdeutsch, vielleicht ist es von Fußballlegenden namenstechnisch besetzt, Emmerich scheidet aus. Wesel dagegen ist anderes besetzt, nämlich mit dem Namen des Bürgermeisters³, das kann man auch nicht nehmen. Also Dinslaken. Möchte man es übertreiben, könnte man noch den Bestandteil Deutsche Industrie-Norm im Ortstitel anführen, aber gut, das führt zu weit.
Man sieht also: Nichtmal auf seine Provinzialität kann sich Wesel so recht berufen, kommt es doch sogar in einem Kinoknüller wie “Der Schuh des Manitu” vor. Aber von diesem Groschenglamour kann sich die Stadt auch nichts kaufen. Und gemeinhin redet man sich in hässlichen Orten eine Attraktivität damit herbei, wie wunderbar die Menschen sind, aber auch das kann man nicht gelten lassen: Die meisten Menschen hier sind furchtbar, Spießer im übelsten Sinne, Menschen, die Nachbarn wegen Heckenhöhen verklagen und Unterschriftenlisten gegen Komposthaufen starten.
Das ist dann doch so wie immer. Und, jetzt kommt die ungerechtfertigte Punchline: Ich mags hier trotzdem, und mir graut es vor dem Tag, an dem es keinen Grund mehr gibt, herzukommen.
¹ Sofern man bei mir davon sprechen kann – ich bin 1995 mit 11 Jahren hingezogen und 2003 mit 19 Jahren wieder weg, im schönen Heisterbacherrott habe ich länger gelebt. Da hält mich aber nichts, außer ein paar Freunden, zwei Grabstätten und der Praxis meines Vaters
²Wie zum Beispiel die Rheinbrücke, ein Militärprovisorium, um Material über den Rhein zu kriegen. In diesen Tagen wird endlich die “richtige” Rheinbrücke gebaut, das Provisorium hat ausgedient.
³Richtig: Bürgermeisterin. Ulrike Westkamp (SPD)
Zeitreisen
Bei Google ist das Fotoarchiv von LIFE online verfügbar. Stöbern lohnt sich.
Und zwischendrin findet man dann auch Dinge wie meine Universität. Vor 60 Jahren. Uff.
Geschichte erleben
Man liest die Akte, sie sieht fast aus wie ein normales Schreiben von jedem Amt, etwas älter vielleicht, die Sprache, die Wörter, alles kennt man von heute. Und dann rechts unten ein kleiner Vermerk
Über den Josef S. ist wegen des Verdachts staatsfeindlich (sic) Betätigung die Postkontrolle über alle Briefsendungen bis zum 1. 3. 1941 notwendig.
Ach, Opa.
Trans Germany
Diese Woche ist anstrengend, und es wird noch schlimmer. Ab morgen melde ich mich bis mindestens Sonntag ab, werde in der Zeit von Bonn nach Wesel, Wesel nach Bonn, Bonn nach Leipzig, Leipzig nach Bremen, Bremen nach Wesel, Wesel nach Bonn fahren, alles mit dem Auto. Dazwischen liegt dann eine Wohnungseinrichtung und eine Hochzeit, nicht meine. Und Sonntag abend dann: Lernen für eine (Probe-)Klausur am Montag, arbeiten an einem Referat für Dienstag.
Für euch noch ein Video, ratet mal von welcher Band:
Raprock reist rückwärts (in der Zeit)
Meinem einwöchigen Probeabo von Napster ist es zu verdanken, dass ich heute mal wieder was von Limp Bizkit angehört habe – vielleicht das erste Mal in meinem Leben mit Kopfhörern, ohne die ich es heute nicht mehr wage, Musik adäquat zu beurteilen. Mir entgeht sonst zuviel. So wie bisher bei besagten komischen Typen. Was soll man sagen: Fred Durst ist ein Spacko, der Rest ist zu unauffällig um ausreichend fundierte Beleidigungen für sie zu finden, aber: Die hellen Momente strahlen heller als der Atompilz im eben von mir durchgespielten Call Of Duty 4 (viel unnütze Information für einen Absatz, hm?).
Jedenfalls bin ich jetzt zurückversetzt in die Zeit zwischen meinem 15. und 18. Lebensjahr, auch aufgrund anderer, teils unangenehmer Erinnerungen an diese Zeit – Sachen über die ich in meiner Autobiographie schreibe, wenn die beteiligten Damen alle tot sind. Oder so. Zurück zur Zeitversetzung, hier meine Top 10 der Songs dieser Zeit, die ich heute kaum noch bis gar nicht mehr höre.
(Jetzt ist der Eintrag fertig und ich habe nur Songs von 1999 drin – also mache ich das ganze zu einer Serie – heute: 1999.)
1. Limp Bizkit – Rollin’ (Air Raid Vehicle)
Die Phase ihres wahrscheinlich größten Erfolgs, längst nicht mehr so kredibel wie zu Faith- oder Nookie-Zeiten, aber die Gitarre im Refrain zieht mir gerade im Sekundentakt die Schuhe aus. Ich muss zugeben, schon beim ersten Lied nicht ganz ehrlich zu sein: In der Zeit fand ich Limp Bizkit doof. Die waren mir zu kommerziell. Jetzt bin ich altersmüde und kopfnicke am Schreibtisch.
2. Filter – Welcome To The Fold
Das Video habe ich sicher 5 Jahre nicht mehr gesehen und bekomme gerade etwas Fremdschamgänsehaut ob des Stageactings. Der Song ist jedenfalls perfekter Pop und geleitete mich in meine nächste Ära musikalischer Vorlieben – gekauft habe ich die Single damals wegen der melodischen Bridge, gehört habe ich das Lied später eigentlich wegen der “Lärm”-Stellen.
3. Korn – Somebody Someone
Ein entfernter, nie als Freund in Erwägung gezogener Bekannter aus meiner Schule, drei Jahre jünger als ich, den Namen habe ich längst vergessen, lieh sich das Album ‘Issues’ von mir aus und tauchte am nächsten Tag mit einem eingeritzten KORN-Schriftzug auf dem Unterarm wieder auf. Mir dagegen war nur wichtig dass der Schlagzeuger mit seiner runtergestimmten Bass Drum einen super Sound hinbekam und diese Musik nun wirklich jedem in meinem Bekanntenkreis zu hart war. ‘Issues’ war übrigens über Monate hinweg mein Wecker-Album in der Stereoanlage. Die CD habe ich mittlerweile verloren, die Anlage steht bei meiner Schwester und spielt hauptsächlich U2, I Am Kloot und Sampler die ich nach Leipzig schicke.
4. Silverchair – Anthem For The Year 2000
Meine Güte, wenn man heute sieht was für ein Hänfling der Sänger ist, fragt man sich 1. warum Diorama so eine Überraschung war und 2. ob Natalie Imbruglia oder er das Brautkleid anhatte. Aber zurück zum Song. Nicht lachen: Das war das erste Lied, das ich komplett auf dem Schlagzeug spielen konnte. Und es machte unheimlichen Spaß. Vor allem weil Pascal seinen Bass verzerrte und mitspielte, während wir die CD so laut laufen ließen dass wir Gesang dabei hatten. Unsere armen Nachbarn. Aber das Gefühl zusammen ein Lied zu spielen lässt sich auch bei mitlaufender CD mit nichts anderem auf dieser Welt vergleichen.
5. Bush – The Chemicals Between Us
In der Visions stand damals immer dass Gavin Rossdale so eine geile Schnitte ist. Nachvollziehen konnte ich das nie. Dafür hatte er eine Zeit lang ein wahnsinniges Gespür für die richtige Produktion seiner Songs und seiner Band an sich. Aber meine Güte, was für ein schreckliches Video. Bush habe ich einmal, 2003, live gesehen, da war Nigel Pulsford gerade ausgestiegen, Page Hamilton hatte kurzfristig einen Tag vorher übernommen. Die Band verspielte sich ständig und Rossdale war angepisst, weil der Sound von Lenny Kravitz von der Hauptbühne herüberwehte. Trotzdem war es ein schönes Konzert und ein schöner Abschluss für mich. Denn so ganz ehrlich, Bush brauche ich nicht mehr.
Fight Club
Drei Wochen leuchtet einen das leere Weiß des Monitors an und kann nicht mit Buchstaben gefüllt werden, und dann setzt sich in 48 Stunden etwas im Kopf fest, das raus muss.
Freitag, 13:53, die Frau gerade zu ihrem Zug nach Süden gebracht, selbst in den nach Norden eingestiegen. Das Album: Kensington Heights von den Constantines aus Kanada. Vielleicht sage ich es zu oft, aber die Constantines sind die beste Band der Welt.
Wenn ich etwas zu dieser Band sagen möchte, dass mir selbst neu und spannend ist, lande ich nur ständig in Widersprüchen. Sie sind die Stimme unseres Generationssplitters, der weitgehend entmaskulinisiert aufwuchs, und sie sind die liebendste Band der Rockgeschichte. Sie suchen nicht die große Geste und überstrahlen dennoch all die Sonnenkönige der Popmusik in ihren Akkordwechseln. Ich will sofort meine Gitarre in die Hand wenn ich sie höre, weiß aber dass mir nach Tournament of Hearts so gut wie nichts mehr zu sagen oder hinzuzufügen gäbe.
Musikern zu vertrauen ist gefährlicher Blödsinn. So hart es ist, aber nahezu jede Band enttäuscht irgendwann, die Weakerthans haben es eindrucksvoll bewiesen. Den Constantines vertraue ich, und auch wenn ich Kensington Heights erst vier Mal gehört habe, weiß ich, dass ich gut daran getan habe. Ich kann kaum einen Song herauspicken, oder besser: Während ich dies hier schreibe, läuft das Album. Und bei jedem neu anfangenden Lied bin ich versucht zu schreiben: Hört euch den an, das ist mein Song des Jahres 2008. Gerade bin ich bei Our Age. Hört euch das an, das ist mein Song des Jahres 2008.
Mit meiner Schwester habe ich in der letzten Woche über Musik geredet, sie hat mittlerweile Angst vor einem Lied der Shout Out Louds, dessen Titel ich vergessen habe, nicht nur weil so viele Erinnerungen daran hängen, sondern weil es auch textlich so nah an ihr ist, als hätten die Musiker ihr beim Leben zugesehen, ohne dass sie es selbst wüssten. Die Constantines sind so. Sie umarmen das Leben so präzise und allumfassend, dass die Musik mitwächst. Bei mir wächst sie seit März 2004, als ich sie im Vorprogramm von Cursive sah. Sie hat die ersten Monate erlebt, in denen ich weit weg von zuhause wohnte, die ersten Gehversuche des Wesens, das sich erst aus mir formen kann, wenn ich mein Frühstück selber mache, sie hat das Einsinken in den Studentismus mitgemacht, und sie ist jetzt auch dabei, als ich zu Keule fahre, der sich demnächst eine Eigentumswohnung kaufen möchte und einen Fernseher besitzt, der so teuer ist wie meine gesamten Ausgaben in einem Jahr abgesehen von meiner Miete. Immer waren Constantines, Shine A Light, Tournament Of Hearts und Kensington Heights da.
John K. Samson hat in der jüngeren Vergangenheit nicht alles richtig gemacht. Aber das hier:
One of the more slightly awkward questions asked in the course of small talk is often, “Who’s your favourite band?” -You’re supposed to answer, “I don’t have one favourite, but I like…” which will lead to a discussion of genres and tastes. I am one of the few with a definitive answer: Constantines.
Credit River. Hört euch das an, das ist mein Song des Jahres.
Ramparts
Lange nichts passiert hier. 23 Tage, hossa. Also ein kurzer Überblick dessen, was ich gemacht habe
1.Das Semester medioker, das heißt: langweilig, abgeschlossen
2. Noten lesen gelernt, was man als Musikwissenschaftler im dritten Semester doch können sollte
3. Meine Kenntnisse über die Goldhagen-Debatte aufgefrischt und enorm erweitert
4. Sämtliche Bücher von Christoph Biermann (nochmal) gelesen (danke, liebe Unibibliothek!)
5. Die Oscar-Verleihung geguckt und um vier Uhr eingeschlafen.
6. Böll gelesen und mir einen Creative Writing-Ratgeber besorgt. Nur so aus Interesse.
Morgen geht es nach Essen zu dem, was man gemeinhin ein 48-Stunden-Besäufnis nennt. Mit den zwei besten Freunden das, was ich gemeinhin Nostalgie nenne, ins neue Jahrtausend zu transportieren und Adoleszenz-Narben zu vergleichen.
Bis dahin: Meine private U21-Weltauswahl. Obwohl ich 4-3-3 eigentlich nicht mag.
