Das Jahrzehnt in Stichpunkten: 2002

Als Mensch, dessen Schicksal ist, im Jahr 1984 geboren zu sein, war 2002 als Entscheidungsjahr in der DNA festgelegt. Volljährigkeit, Führerschein, Bartwuchs.

Seit dem Herbst 2001 war ich in der Fahrschule von Lothar Pahl angemeldet, deren Homepage exakt so hässlich ist wie der Fahrlehrer nett – obwohl wir erst in den letzten beiden Fahrstunden nach langen Schweigefahrten zwei Themen fanden, die uns einten: Fußball und Schlagzeug. Bis dahin hatte ich die theoretische Prüfung zwei Mal gemacht, einmal desaströs, einmal mit der höchsten erlaubten Fehlermenge. Nach der zweiten praktischen Prüfung¹ hatte ich den Führerschein und plötzlich mit dem Punto meiner Mutter und dem Twingo meiner Schwester zwei Autos zur Verfügung. Die erste Fahrt ging mit meiner Schwester ins linksrheinische Niemandsland, die zweite mit ein paar Freunden nach Ulft, um Gras zu kaufen.

Im August fuhr ich mit Malte wieder nach Ulft, und wieder kauften wir Gras. Der Weg zurück führte nicht nach Wesel, sondern nach Weeze, zum Bizarre Festival. Wir schwitzten Rotz und Wasser, als wir mit Maltes Schoß voll Gras an den Polizisten vorbeifuhren, die uns freundlich auf den Festivalparkplatz winkten. Später kam Nils nach auf sein erstes Festival, dessen Karte wir ihm zum Geburtstag geschenkt hatten. So kamen wir zu dritt in den Genuss des auch der Rückschau noch unfassbar guten Line-Ups. Mal nur die Highlights: The Chemical Brothers, Jimmy Eat World, DJ Shadow, Phantom Planet, The Get Up Kids, Turbonegro, Tocotronic, Hot Water Music, Slut, Dover, New End Original. Ich könnte jetzt jeden einzelnen Auftritt hervorheben, denn sie waren alle toll. Vom Jimmy Eat World-Auftritt schwärmen aber damals Anwesende noch heute, die Get Up Kids damals gesehen zu haben erwärmt mein Herz noch immer.

Im direkten Anschluss an das Festival fuhren wir zum Zelten nach Westkapelle². Eine Woche verbrachten wir dort auf dem Campingplatz, gingen mal baden, stritten uns unter Freunden bis aufs Blut über die zu kochenden Essen, die Aufteilung der Aufräumdienste und die Belegung der Zelte, spielten “One” in der Johnny Cash-Variante auf der mitgebrachten Gitarre und lernten ein junges Pärchen aus Wuppertal kennen, dessen Namen ich leider vergessen habe – sonst hätte ich sie schon längst in einschlägigen sozialen Netzwerken gestalkt.

Im Januar 2002 erreichte ich den Tiefpunkt meiner schulischen Laufbahn, als ich auf dem Halbjahreszeugnis meine beste Note in Sport hatte – 9 Punkte bekam ich da. Es wären nur 8 gewesen, wäre da nicht im Fußball-Prüfungsspiel mein bis heute einzigartiger, nie wieder erreichter und spielentscheidender Hackentrick gewesen, der sogar meinen rechtskonservativen Sportlehrer³ tief beeindruckte. Ich schrieb meine in diesem Jahr vom Land eingeführte Facharbeit in Sozialwissenschaften über die außenpolitische Programmatik der PDS und bekam dafür eine Gnaden-4.

Musikalisch war 2002 nicht schlecht, in der Rückschau aber eher das Jahr des Übergangs vom überragenden 2001 zum fantastischen 2003.

Mein Video des Jahres, weil es das Video des Jahres ist:

¹ die so lächerlich war, dass ich es mal niederschreiben muss: Meine Mitfahrerin und ich waren nervös, als wir auf den Prüfer warteten. Dann fuhr ein Porsche auf den Parkplatz, unser Witz “Das isser bestimmt” stellte sich als die Wahrheit heraus, der ungefähr 30-jährige Sympath setzte sich hinten ins Auto, entschuldigte sich für die Verspätung, erzählte er sei die Ferienvertretung aus Oberhausen und würde sich in Wesel nicht auskennen – “Also Herr Pahl, machen sie mal den Weg”. Nach 5 Minuten Stadtfahrt, einmal seitlich einparken und 10 Minuten über die völlig leere Autobahn auf einen Rastplatz fahren hatte ich den Führerschein.

² noch so ein Ding, das offenbar ziemlich üblich war in unserer Generation in unserer Gegend. Herr Heinser war öfter, und auch 2002, im Urlaub in Domburg, was ziemlich genau 4 Kilometer entfernt ist.

³ Von ihm dürfte irgendwann nochmal an dieser Stelle die Rede sein, wenn ich mich mal wieder auskotzen muss.

Das Jahrzehnt in Stichpunkten: 2001

Wie immer hänge ich hinterher. Ich versuche trotzdem, das hier zu einem geeigneten Abschluss zu bringen, irgendwann im Dezember, dann mit 2009

Das Jahr 2001 begann damit, dass wir eine DSL-Leitung bekamen, mit unvorstellbaren 768 Kbps Downspeed und 128 Kbps Upspeed – das hieß 96 Kilobyte Download pro Sekunde. Meine Güte, was jetzt alles möglich war. Meiner Mutter versprach ich, dass die Legung der DSL-Leitung direkt zu meinem im Keller befindlichen Computer nur vorläufig sei – bis zu meinem Auszug im Jahr 2003 blieb es bei diesem Provisorium. Zu diesem Zeitpunkt begann der stetige Abstieg von Napster – die Software wurde von ihren Nachahmern überholt. Ich benutzte schon länger einen alternativen Client, der die Napster-Server nutze, aber Vorteile wie die Wiederaufnahme abgebrochener Downloads unterstützte. Außerdem konnte ich mir den Server, auf dem ich tauschte, selbst aussuchen, so dass ich immer auf punk.napster.com ging und dort im deutschen Chat rumhing, während ich hauptsächlich Lieder von WIZO herunterlud.

Im Sommer 2001 besuchte ich das Bizarre-Festival in Weeze, was nicht nur onomatopoetisch nahe bei Wesel liegt. Dort war ich mit Pascal, es sollte unser letztes gemeinsames Festival sein – unsere Geschmäcker drifteten schon dort weit auseinander. War er hauptsächlich wegen den Guano Apes und den Ärzten da, ging es mir um andere Bands. Die erst in jenem Jahr von mir entdeckten Stone Temple Pilots kamen „endlich“ auf Tour, dazu kamen die Foo Fighters, JJ72, Ash, die Backyard Babies und Snapcase. Weezer sagten ihren Auftritt schon frühzeitig ab, wodurch die Enttäuschung nicht so groß war, wie später, als sie ihre Clubtour abbrachen.
Als ich am Bizarre-Samstag zum Visions-Stand ging, um mir meinen T-Mobile-Hut von den Emil Bulls signieren zu lassen5, sah ich dort einen Zettel, auf dem mit Edding geschrieben stand: „ERSTER LIVEGIG VON NEW END ORIGINAL, DER NEUEN BAND VON JONAH MATRANGA (EX-FAR)“ auf der Talent Stage, einem kleineren Hangar auf dem Gelände, das zuvor ein britischer Armeeflughafen gewesen war. Ich hatte bis dahin weder von Jonah Matranga, noch von Far auch nur gehört, aber da schrieb jemand durchgehend in Großbuchstaben, das dürfte gut sein – zumal es genau zwischen den Queens Of The Stone Age und den Stone Temple Pilots lag und somit nur mit New Model Army kollidierte. Das Konzert sollte eines der besten meines Lebens werden, obwohl kein Schwein die Lieder kannte. Jonah trug ein T-Shirt auf dem „I never wanna say my best days are behind me“ stand und das man auch kaufen konnte – an diesem Abend leider nur in Größe M, die mir sicher nicht gepasst hätte. Aber das Album „Thriller“ gab es zu kaufen. Ein Jahr später brachte ich es wieder mit zum Bizarre, um es mir von der Band signieren zu lassen.

2001 ging es auch daran, Leistungskurse für den Rest der Oberstufe zu wählen. Dadurch, dass unsere Stufe mit 68 Schülern recht klein war, war die Auswahl eine Katastrophe. Zur Wahl standen letztendlich Deutsch, Englisch, Französisch, Sport, Biologie, Pädagogik, Mathematik und Physik, wobei letzterer Kurs lediglich ein dreistündiger Aufbaukurs auf den zweistündigen Physik-Grundkurs darstellte. Zu Englisch wollte ich wegen des Lehrers1 unbedingt, drum musste ich in den Deutsch-Kurs.

Im Juli fuhr ich das erste Mal nach Holland, um mir dort Dinge zu kaufen, die es in Deutschland nicht gibt. Vorher war ich immer von eher zwielichtigen Typen aus höheren Stufen versorgt worden, die unsere völlige Ahnungslosigkeit ausnutzten und Halsabschneiderpreise verlangten. Statt einfach in einen der zahlreichen Grenzorte fuhren wie nach Arnheim, sahen uns die Stadt an und trauten uns kaum in die zwielichtigen Coffee Shops

Unvermeidlicherweise meine schon zu oft geäußerte Geschichte zum 11. September – ich kam von der Schule nach Hause, aß zu Mittag, setzte mich vor den Fernseher und sah im Sat1-Videotext die Nachricht „Kleinflugzeug fliegt in World Trade Center“. Ausgehend von einer schon abgeschwungenen Begeisterung für Flugzeuge und den MS Flight Simulator ging ich nach oben2 und surfte news.yahoo.com an – dort gab es aber keinerlei Infos. Also CNN an und so gerade noch live gesehen3, wie das zweite Flugzeug in den Turm rauschte. Kurze Zeit später wurde diese Aufnahme wiederholt und die Kommentatorin schrie „Oh my god, a third plane!“. Das hat sich bei mir eingebrannt. Um halb 4 musste ich zur Theater-AG4. Unser Lehrer war in der Schule gewesen, hatte nichts mitgekriegt und sagte, als wir ihm von den Ereignissen erzählten „Ach ehrlich? Naja, so schlimm wird’s schon nicht sein“. An die AG-Sitzung habe ich keine Erinnerungen mehr, nur daran, dass mich meine Mutter mit den Worten „Die Türme sind weg“ empfing.
2001 war musikalisch ein außergewöhnlich gutes Jahr, vielleicht eines der besten für mich überhaupt:

Song des Jahres: Fantomas – Godfather

Das Jahrzehnt in Stichpunkten: 2000

Ich hänge mich jetzt wie ein 2.0-Schmarotzer an Lukas Serie über das nun langsam ausfadende Jahrzehnt – die erste Folge war schon lesenswert, ich freue mich auf die Weiteren. Frappierend dabei ist, wie sehr sich solche Lebenserfahrungen ähneln, wenn nur bestimmte Parameter – Alter, Region, Umfeld – übereinstimmen. Trotzdem gibt es noch genug Unterschiede, die eine Erwähnung wert sind, zumal ich seinem Musikgeschmack zumindest in Richtung Pop (also, Pop. Nicht Pop!) so gar nicht folgen kann.

Tatsächlich weiß ich gar nicht mehr, wie ich in das Jahr 2000 hineingekommen bin. Ich werde es wie damals immer mit Pascal und Nils in meinem Kellerzimmer gefeiert haben, ständig wechselnde Peripherfreunde drumherum. Wir waren 15 Jahre alt und haben Bier getrunken und fühlten uns dabei ziemlich erwachsen. Traurig, wie wenig ich aus dieser Zeit noch weiß – so halbwegs kann ich aber rekonstruieren dass wir damals den Toten Hosen entwachsen waren und die Ärzte noch cool fanden. Damals begann allerdings die Spaltung unseres Musikgeschmacks, die bald auch auf unsere ständig umbenannte, nie wirklich existierende Band zurückfallen sollte. Später schrieb ich Songs die wie Weezers Pinkerton klingen sollten (es aber nur taten, wenn sie Plagiate waren), während Malte (Gitarre), Nils (Gitarre) und Pascal (Bass) eigentlich nur AC/DC covern wollten. Kaum zu glauben: Diese Kluft war das große Drama meines damaligen Lebens.

Schon 1999 hatte mein Musikleben einen radikalen Wandel genommen, der zeitlich genau mit meinem Umzug aus dem kleinen Zimmer neben dem Schlafzimmer meiner Mutter in den Keller zusammenfiel – am Tag bevor ich das Bett runtertrug, hörte ich den EinsLive Kultkomplex und dort “Guerilla Radio” von Rage Against The Machine. Aufgrund der etwas höheren Stimmlage dachte ich zunächst, das hätte irgendwas mit den Beastie Boys zu tun (Ich war 15! Also bitte). Ich kaufte die Single bei Elpi und wurde weggeblasen vor Großartigkeit. Nicht nur vom Titeltrack, sondern vor allem von den B-Seiten: Dem damas schon tollen Springsteen-Cover “The Ghost of Tom Joad”, dem bis heute famosen “No Shelter” (das ich deswegen nun höre) und einer Liveversion von “Freedom”.  So oft wie diese 4-Track-EP habe ich bis heute sicherlich keine zweite Platte gehört.

So ausgestattet und mit einem Einjahres-Abo des Ox bewaffnet ging es dann weiter. Ein kurzer Überblick über meinen MP3-Ordner (die Platten von damals sind alle selbst gerippt und mit rührenden Rechtschreibfehlern getaggt) spuckt unter anderem aus:

Wohlgemerkt, das sind nur Platten, die ich auch damals schon hörte. Natürlich gehörte dazu auch “Relationship of Command” von At The Drive-In, über das ich nun aber wirklich nichts mehr schreiben muss. Erst später hinzu kamen:

Im Weiteren wurde das Jahr 2000 davon geprägt, dass ich weiterhin das Schlagzeugspielen lernte, die Gitarre meiner Schwester klammheimlich aber interessanter fand. Ich besuchte die Oberstufe und durfte plötzlich Chemie und Physik abwählen, ich holte mir (rein zufälligerweise) meine erste schlagzeuginduzierte Sehnenscheidenentzündung pünktlich zur Bodenturnen-Episode im Sportunterricht ab, mein Notenschnitt ging weiter in den Keller. Ich verliebte mich mal wieder (und sicher eher im zweistelligen Male) ebenso unsterblich wie unglücklich, ich spielte Half-Life und fand Counter-Strike langweilig, ich bekam ein neues Fahrrad und bemerkte nicht, dass 2000 eigentlich ziemlich lahm war. 2001 sollte da schon besser werden.

Neulich in Schleußig

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Ein schönes Wochenende war das. Gut, eins an dem ich 1300 Autokilometer mit einem stinkenden Hund auf der Rückbank verbracht habe, aber schön war es trotzdem. Auch wenn ich so gut wie nichts von dem geschafft habe, was ich neben dem festen Programm machen wollte (in die alte Fabrik und so).

Dennoch auch mal wieder in eine andere Welt eingetaucht. Die, in der Gentrifizierung nicht nur eine Theorie, sondern die Lebenswirklichkeit ist. Wo man noch mit Kohle heizt und zur Theaterbühne einen Industrieaufzug benutzt, der direkt aus Half-Life 2 stammen könnte (vielleicht kapiert das wenigstens hier einer – in Leipzig musste ich sogar den Begriff Egoshooter erklären). Und wo alle irgendwas mit Kunst machen, also Theater, Tanz, Fotografie, experimentelle Folkmusik, wasauchimmer.

Das Theaterstück war gut. Ich kann da gar nicht so viel zu sagen, weil Theater für mich eine völlig rätselhafte  Kunstform ist, der ich allzuoft nicht so viel abgewinnen kann. Hier hatte ich größtenteils Freude und das Gefühl, was aus dem Abend mitzunehmen. Es war keine Inszenierung mit einer großartigen Handlung, sondern eine Art Collage zum Thema Glück in verschiedensten Facetten und, was ich am meisten mag, mit so vielen kleinen guten Ideen. Wegen guten kleinen Ideen mag ich Filme wie Garden State, Citizen Kane und ganz schön viel Zeug, was man sich auf Vimeo angucken kann. Das gabs hier auch. Und die Schauspieler, alles Laien, zum Teil aus dem Freundeskreis meiner Schwester, waren zum großen Teil richtig gut. Im Oktober gibt es nochmal Vorstellungen, dann werde ich nochmal nerven. Und aufgenommen wurde es auch, vielleicht darf ich zumindest einzelne Szenen mal online stellen.

Ansonsten blieb wenig Zeit. Die Premierenfeier war nach Anfangsschwierigkeiten doch ganz schön, es ist faszinierend zu sehen was Menschen, bei  denen grade ganz schön viel Druck abfällt, alles tun, wenn sie auch noch betrunken sind. Anlauf nehmen und gegen Wände rennen zum Beispiel. “Dancing Queen” über ein Mikro mitsingen. Und noch einiges mehr, was wohl privat bleibt. What happens in Spinnwerk stays in Spinnwerk.

Ein Hinweis noch: Lest bitte weiterhin Jans Japanblog. Habe mich grad in der Vorlesung fast totgelacht bei der Schilderung der Höflichkeitsverirrung in Kaufhäusern.

Lighpzig

Morgen um 6 Uhr setzt sich meine Mutter in Wesel in Bewegung, wird ca 60 Minuten später bei mir ankommen und dann fahren wir zusammen nach Leipzig. Meine Schwester inszeniert dort das Stück “Die Monster müssen weg! Glück, jetzt zum selbermachen”, eine Gruppenarbeit mit Studenten, basierend auf diesem fotografisch höchst mediokren Werk von mir. Premiere ist am Samstag (und wohl nahezu ausverkauft), am Tag drauf kann man noch hingehen, was ich nachdrücklich ans Herz lege. Klar, sie hat Familienbonus, aber bisher fand ich jedes Stück von ihr gut, auch tief in der Magengrube, wo ich was solche Sachen angeht immer ehrlich bin (Die Magengeschwüre aufgrund meiner eigenen Musik klingen langsam ab).

Sonntag mittag werde ich wieder abfahren, was bedeutet, dass ich ca 40 Stunden in Leipzig verbringe. Viel Zeit für eigene Erkundungen bleibt also nicht, in die Innenstadt komme ich sowieso nicht, wenn nicht irgendetwas unvorhergesehenes passiert. Meine Schwester wohnt in Schleußig, wo ich in meinem Lebensjahr Leipzig nie war. Große Nostalgieattacken dürften also nicht zu erwarten sein, dennoch kann man sich ja mal mit der Stadt beschäftigen, wenn man schon hin fährt.

Schon bei meinem Umzug 2003 war klar, dass Leipzig ein langsam aufwachsender Riese ist. Quasi eine riesige Stadt, die sabbernd auf Gentrifizierung wartet. Der kann man jetzt in der Südvorstadt, in Connewitz und besagtem Schleußig beim Fortschritt zusehen, Häuser werden renoviert, alternative Lädchen wegrationalisiert, Trabis (Klischee! Aber wahr) und alte Golfs durch Volvos und BMWs ersetzt. Dennoch passiert in Leipzig noch wahnsinnig viel, und es dürfte noch ein paar Jahre dauern, bis es dort mieten- und bevölkerungstechnisch so aussieht, dass die jungen armen Kreativen nach.. puh, Schwerin oder Gelsenkirchen oder so umziehen.

Was man in Leipzig besser als überall sonst wo ich schon war machen kann, ist in leere Häuser zu gehen. Dafür ist übrigens die Vogelperspektive von Microsoft Live Maps ziemlich praktisch, auf der man sich schon von zuhause gute Orte dafür ausgucken kann. In keiner anderen mir bekannten Stadt ist die Zahl der leerstehenden Fabriken so hoch¹ und die Toleranz des Laufpublikums so hoch, wenn da mal jemand mit einer Kamera über den Zaun hüpft. Das ist also fest eingeplant.

Überhaupt ist Leipzig eine Fotostadt. Überall passiert was, überall steht was, überall sind interessant aussehende Leute. Da keine Kamera mitnehmen ist wie morgens mit Kater zu McDonalds² und nur ne Coke holen.

Man merkt vielleicht: Ich freue mich drauf. Obskurerweise auch auf die Fahrt. Zwei Mal sicher sechs Stunden, aber das wird trotzdem ganz lustig, glaube ich. Wenn der Hund auf der Rückbank nicht nervt.

Achja, Musik für die Fahrt und das Unterwegssein:

¹ Vielleicht in Relation zur Bevölkerung noch in Sechtem und Wesseling, das bedeutet dann aber: ein bzw. zwei bewachte Leerstände.

² Habe jetzt gelesen, dass es da morgens keine Burger mehr gibt. Sind die bescheuert?

Randgebiete

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Heimaturlaub ist schön, nicht nur, weil es Urlaub ist, sondern auch, weil man sprunghaft die Entwicklung seines Herkunftsortes¹ mitbekommt, die, dort noch lebend, sicherlich an einem vorbeifließen würde.

Was seit ein, zwei Jahren frappierend auffällt ist die hohe Zahl mit Männern zwischen 30 und 40, die auf die Kinder auf den Spielplätzen aufpassen. Das kann man als Ausdruck besonders fortgeschrittener Gleichberechtigung oder Siegeszug des Elterngeldes sehen, aber dann kennt man Wesel nicht. Hier bedeutet das: Ziemlich viele Familienväter sind arbeitslos. Die Stadt ist wirtschaftlich abhängig vom Ruhrgebiet, wohin viele pendeln, und von einigen wenigen großen Arbeitgebern, die allesamt (bis auf BYK Chemie, meines Wissens nach) Stellen streichen oder ganz zu machen.

Das wiederum führt zu einer ziemlichen Verwahrlosung einer früher mal ziemlich stolzen Stadt. Deutlichstes Merkmal sind die von der Bahntrasse aus sichtbaren Gebäude der Niederrhein- und der Rundsporthalle. Erstere ist ein Multifunktionsveranstaltungsbau, in dem mal etwas Glamour versprüht werden sollte und deren Namen man heute hauptsächlich im Zusammenhang mit Abiparties, Ü30-Parties, Ramschbörsen und Vertriebenentagen liest, die 1972 gebaute Rundsporthalle dagegen ist Heimat des Regionalliga-Badmintonteams und ansonsten hauptsächlich das große Ding, an dem man schnellstmöglich vorbeifährt.

Es ist ziemlich schwer, Fremde davon zu überzeugen, dass Wesel auch schöne Seiten hat. Nichtmal ich bin davon überzeugt, und ich wäre es immerhin schonmal gerne. Es gibt den Rhein, den Auesee und die Felder, aber eigentlich überall, wo es Menschen gibt, ist Wesel hässlich. Seinen Ursprung hat das darin, dass die Stadt im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde, aus dem Kopf kann ich nicht mehr als drei echte Altbauten im Stadtbebiet aufzählen. Alles andere wurde in den 50er-Jahren hektisch aufgebaut und dann stehen gelassen², und das wirkt sich auf die Attraktivität von Wesel aus.

Im Regionalexpress habe ich heute überlegt, woran es liegt, dass für Provinzialität immer Dinslaken steht. Erster Grund, klar: Es ist Peripherie. Wer vom Norden Deutschlands nach Köln (oder schöner: Bonn) will, kommt meist an Duisburg, Oberhausen, Düsseldorf vorbei. Von dort fahren Züge nach nirgendwo, und das heißt: Dinslaken, Wesel, Emmerich. Dahinter endet die deutsche Bahnwirklichkeit. Emmerich klingt vielleicht zu urdeutsch, vielleicht ist es von Fußballlegenden namenstechnisch besetzt, Emmerich scheidet aus. Wesel dagegen ist anderes besetzt, nämlich mit dem Namen des Bürgermeisters³, das kann man auch nicht nehmen. Also Dinslaken. Möchte man es übertreiben, könnte man noch den Bestandteil Deutsche Industrie-Norm im Ortstitel anführen, aber gut, das führt zu weit.

Man sieht also: Nichtmal auf seine Provinzialität kann sich Wesel so recht berufen, kommt es doch sogar in einem Kinoknüller wie “Der Schuh des Manitu” vor. Aber von diesem Groschenglamour kann sich die Stadt auch nichts kaufen. Und gemeinhin redet man sich in hässlichen Orten eine Attraktivität damit herbei, wie wunderbar die Menschen sind, aber auch das kann man nicht gelten lassen: Die meisten Menschen hier sind furchtbar, Spießer im übelsten Sinne, Menschen, die Nachbarn wegen Heckenhöhen verklagen und Unterschriftenlisten gegen Komposthaufen starten.

Das ist dann doch so wie immer. Und, jetzt kommt die ungerechtfertigte Punchline: Ich mags hier trotzdem, und mir graut es vor dem Tag, an dem es keinen Grund mehr gibt, herzukommen.

¹ Sofern man bei mir davon sprechen kann – ich bin 1995 mit 11 Jahren hingezogen und 2003 mit 19 Jahren wieder weg, im schönen Heisterbacherrott habe ich länger gelebt. Da hält mich aber nichts, außer ein paar Freunden, zwei Grabstätten und der Praxis meines Vaters

²Wie zum Beispiel die Rheinbrücke, ein Militärprovisorium, um Material über den Rhein zu kriegen. In diesen Tagen wird endlich die “richtige” Rheinbrücke gebaut, das Provisorium hat ausgedient.

³Richtig: Bürgermeisterin. Ulrike Westkamp (SPD)

Semesterferienende

Uns Studenten wird ja immer nachgesagt, wir hätten zuviel Ferien. Mag durchaus sein. Der Eindruck, wir hätten da drei Monate lang nichts zu tun ist aber definitiv falsch. Rechne ich mal hoch, hatte ich vielleicht 10 Tage wirklich frei. Der Rest der Zeit splitterte auf in Bewerbungsgespräche (eins erfolgreich), Hausarbeit schreiben (sehr erfolgreich), Arbeit für Campus Web (interessant), Spülmaschine reparieren (Desaster), neue Spülmaschine aussuchen (noch kein Ergebnis), Klausuren schreiben (okay), mit Unibürokratie klarkommen (furchtbar)  und zwei Mal zum Fußball gehen (0 Punkte). Jetzt ist Ostern, und ich fahre das erste Mal in den Heimaturlaub nach Wesel, für vier Tage. Und danach geht das Semester wieder los. Ich möchte gar nicht meckern, eigentlich freue ich mich auch, dass ich wieder einen geregelten Tagesablauf habe.

So. Völlig irrelevanter Content hier. Yay.

Trans Germany

Diese Woche ist anstrengend, und es wird noch schlimmer. Ab morgen melde ich mich bis mindestens Sonntag ab, werde in der Zeit von Bonn nach Wesel, Wesel nach Bonn, Bonn nach Leipzig, Leipzig nach Bremen, Bremen nach Wesel, Wesel nach Bonn fahren, alles mit dem Auto. Dazwischen liegt dann eine Wohnungseinrichtung und eine Hochzeit, nicht meine. Und Sonntag abend dann: Lernen für eine (Probe-)Klausur am Montag, arbeiten an einem Referat für Dienstag.

Für euch noch ein Video, ratet mal von welcher Band:

Splitter (5)

Selten war ein CDU-Law and Order-Innenminister so ehrlich:

Die Empörung über die Hitler-Shirts hat inzwischen sogar die Landesregierung erreicht. “Hier mangelt es an politischer Bildung und Unkenntnis geschichtlicher Zusammenhänge”, sagte Innenminister Jörg Schönbohm (CDU)

Verfall

Ich dachte immer, auf meinen Kopf würde ich mich auch noch im Alter verlassen können. Jetzt bin ich nicht einmal ein Vierteljahrhundert alt und habe heute den Euro im Einkaufswagen vergessen.

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