Hinkommen (1)
Neue Serie, die wahrscheinlich nach einer Folge wieder verrecken wird: Veranstaltungstipps.
Morgen im Hörsaal I der Universität Bonn, Hauptgebäude:
Islamistischer Terror in Deutschland – Eine Analyse
Mit:
Dr. Sibylle Focke, Bundesamt für Verfassungsschutz
Marcel Pott, ehem. ARD Nahost-Korrespondent und Publizist
Dr. Kai Hirschmann, Terrorismusexperte u Lehrbeauftragter am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn
Moderation:
Florian Broschk, Islamwissenschaftler und Lehrbeauftragter am Institut für Orient- u. Asienwissenschaften der Universität Bonn
Ich bin auf jeden Fall da.
Kaffiya
Anscheinend gibt es derzeit in den USA, und somit auch zu uns herüberschwappend, Konfusion über eine Anzeige von Dunkin Donuts, die zurückgezogen wurde – der Fall wurde bei Spiegel Online wie auch bei verlinktem PK behandelt. Nun kann man darüber streiten, inwieweit das überhaupt eine Kufiya ist und ob das im Kontext zu süß geratener Teigwaren nicht völlig egal ist. Aber: Das “Palituch” unterscheidet nur wenig von totalitären Symbolen. Und wenn Lindsay Lohan irgendwann mit Hakenkreuzen Werbung für Pepsi macht, dann schreit die Blogosphäre. Und Spon.
Lektüre:
Ist dir kalt oder hast du was gegen Juden?
Coole Kids tragen kein Palituch
Buffer Underrun
Da versucht man sich an ernsteren und besser fundierten Themen, um seinen ramponierten Ruf wiederherzustellen und recherchiert im antisemitischen postkommunistischen Milieu rund um Väter von Freundinnen und wird mal wieder von der Wirklichkeit überholt:
Wie Spiegel Online mitteilt, versuchen derzeit diverse malaysische Gruppen, zu verhindern, dass auf der geplanten Marketingtour des FC Chelsea Trainer Avram Grant und Innenverteidiger Tal Ben Haim ins Land gelassen werden, weil sie Israelis sind. Das alleine ist ja schon wieder eine Bezeugung größter Beklopptheit, viel schlimmer finde ich aber eigentlich den kleinen Nebensatz
Malaysias Heimat-Minister hatte im Fall der beiden eine Ausnahme gemacht, üblicherweise werden Israelis nicht in das mehrheitlich muslimische Land gelassen.
Malaysia => Shitlist.
Bahn Süß.
Ich habe langsam die Schnauze voll – 80% meiner Besucher scheinen Antisemiten zu sein. Nachdem schon die Begriffe Contergan und Jude in Kombination hunderte Besucher auf meine Seite lockten, scheint nun die Bahn das neue Hassobjekt der deutschen Antisemiterie zu sein: Allein in den letzten drei Tagen kamen über fünfzig User in diesen Blog, die nach “Suckale Jude”, “Suckale jüdisch” etc pp gegooglet hatten.
Meine lieben Antisemiten: Ich will euch hier nicht.
Kein Fußbreit den Pillen
Zugegeben, es hat etwas gedauert seit meinem letzten echten Beitrag. Ich gebe mir Mühe. Heute abend habe ich das erste Mal seit längerem wieder in meine Blogstatistiken geguckt, was ich eigentlich routinemäßig täglich tue, um etwaige Verlinkungen zu sehen und überhaupt das ganze Eitelkeitsklicksding mitzumachen. Aber jetzt bin ich doch etwas erschrocken. Die Statistik sagt:
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Grünenthal (jude OR juedisch Or juden) 1
So zieht sich das hin – nehmen wir den einen Vanity Fair-Sucheintrag heraus, ergibt das schon ein in vielfacher Hinsicht erschreckendes Bild:
1. Antisemiten sind offenbar kreativ in ihrer Suchmaschinenabfrage – so viele Einfach-Begriffe pro Thema habe ich selten
2. Irgendetwas scheint der Contergan-Film in der ARD – unabsichtlich – ausgelöst zu haben.
3. Auch das im Innersten Antisemitische der Kategorisierung von Familiennamen als “Jüdisch” scheint ziemlich hoffähig zu sein.
Natürlich ist mein Blog weder der Nabel der (Netz-)Welt noch diese Statistik in irgendeinem Maße repräsentativ oder auswertungsfähig. Nehmen wir aber mal den Fall an, dass das Bild stimmt: In was für einem Land leben wir eigentlich?
Stellen wir uns einmal den typischen Gedankengang eines (wohl Kurzzeit-)Besuchers meines Blogs vor; in der ARD läuft mit einigem Getöse von Maischberger und Plasberg ein Film “nach einer wahren Begebenheit” über die furchtbaren Folgen des Medikaments Contergan, die Geschichte kennt wohl jeder. Besagter Besucher also sieht mehr oder minder skrupellose Pharmakonzernchefs, die über Leichen gehen würden und hört den Namen “Grünenthal”. Thal. Mit H. Das muss ja jüdisch sein. Doch was erwartet sich unser Besucher von der (ausbleibenden) Bestätigung dieser Information? Eigentlich gibt es nur eine mögliche Antwort: Futter für eine groß angelegte Verschwörungstheorie, nach der sich der Jude per 1946 (!) gegründetem Unternehmen am deutschen Volk rächen möchte und all die KZ-Wärter-Nachkommen zu Krüppeln macht. Zumindest fällt mir keine andere Möglichkeit ein.
Weiterhin charakteristisch für Antisemitismus ist das Bild der Fremdheit der Juden. Die Firma Grünenthal wurde im Rheinland gegründet, übrigens von einer Familie Wirtz, auch so ein typisch semitischer Name. Selbst wenn Herr Wirtz-Grünenthal Jude gewesen wäre, wäre er ganz offenbar Deutscher gewesen – immerhin gehört die Firma bis heute der Familie.
Es wäre für die Ewigrelativierer ein schönes “Faktum”, wäre tatsächlich ein Jude für den größten Arzneiskandal der Bundesrepublik verantwortlich – zusammen mit den Dresdner Feueropfern und den Masurenflüchtlingen käme man schon auf einen beträchtlichen Leidensquotienten, den man zusammen mit einer Schlussstrichdebatte und dem Vorwurf angeblicher Tabuisierung deutscher Leiden zu einem gut geölten Moral-Rollback nutzen könnte. Nix da, ihr Wichser.
Weltfinanzionistenheuschrecken gegen soziale Ungerechtigkeit (2)
Es geht immer so wunderbar weiter. Wiederum aus Betz, Antisemitismus, Seite 62:
Eine Diplom-Sozialpädagogin aus Köln bietet in ihrem Brief (26.2.2001) ein handfestes Motiv für ihre Abneigung gegen Juden. Sie hatte eine Fernsehsendung gesehen, Paul Spiegel im Gespräch mit Günter Gaus, und was der Zentralrats-Präsident gesagt hatte, gefiel ihr. “Aber dann fiel mir auf einmal ein, dass sie als Jude geschächtetes Fleisch essen, und da waren Sie mir direkt unsympathisch.” Die Sozialpädagogin ist stark im Tierschutz engagiert, möglicherweise mit größerer Hingabe als Sachkenntnis. Sie argumentiert gegen das Schlachten von Tieren durch Ausbluten [...] und sie hat damit eine Begründung für die Ausgrenzung von Juden: “Wir Tierschützer können dagegen protestieren soviel wir wollen, es nützt gar nichts. Ich hörte schon folgendes sagen: ‘Obwohl Schächten in Deutschland verboten ist, dürfen Juden es trotzdem tun. Die haben ja jetzt hier das Sagen. Und wer will denn denen schon was verbieten?!”
Damit ist das persönliche Engagement durch Mutmaßung und Hörensagen über die Macht und den Einfluss der Juden zur pauschalen und sich selbst rechtfertigenden Verdächtigung der Mehrheit erweitert worden: “Dass dadurch die Menschen gegen Juden aufgebracht werden, liegt doch auf der Hand. Schon der Vegetarier Hitler spielte das Schächten als Trumpf gegen die Juden aus.”
Wunderbar. Nach dem religiösen, dem rassenbiologischen, dem politischen und dem sekundären gibt es nun auch den tierschützenden Antisemitismus.
Weltfinanzionistenheuschrecken gegen soziale Ungerechtigkeit
Gerade war ich beim Zoll, um die Bestellung zweier schöner Shirts von Saddle Creek zu bestätigen und selbige abzuholen. Gar nicht so besonders wichtig, auf dem Weg dahin aber las ich im bislang von mir für gut befundenen Buch “Was ist Antisemitismus” von Wolfgang Benz (Bonn 2004). Dort kam mir auf Seite 56 ein derart putziger, knuffiger und zutiefst beschämender Fall von Judenfeindlichkeit vor, dass ich ihn hier ungekürzt dokumentieren möchte. Analysiert und zitiert wird von Benz ein Brief einer Berliner Dame an den damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel:
“Ich denke, das Internationale Judentum hat eine große Aufgabe in der Welt, derer es sich nicht bewusst ist. Diese große Aufgabe besteht meines Erachtens in folgendem: Es gilt weltweit mit allen Menschen guten Willens auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu kommen. Und das ist doch wohl der Kampf gegen das wirklich Böse. Denn die Erfahrung lehrt: All die Intelligenz, Gewitztheit, Geschäftstüchtigkeit und, wenn Sie wollen, auch Auserwähltheit des Judentums hat sie nicht vor den faschistischen Horden bewahren können. Deshalb wäre die Konsequenz: Die Auserwähltheit und Besonderheit des Judentums für die Festtage zuhause aufheben, für den Sabbat. In der übrigen Zeit jedoch nicht auf dieser besonderen Rolle zu bestehen, sondern mit den Menschen in der ganzen Welt Wege zu suchen, gegen den gemeinsamen Feind vorzugehen. Wissen sie, jeder weiß, dass das Judentum reich ist und großen Einfluss hat, z.B. in der Politik in den USA. Warum jedoch setzen sie ihren Reichtum und Ihren Einfluss nur immer wieder für die Reichen ein oder nur für die eigenen Leute? [...] Ich denke, wenn das Judentum in Deutschland eine Normalität im Zusammenleben mit Nichtjuden erreichen will, muss es sich für die ärmsten und gefährdetsten Bevölkerungsschichten mit all seinem Einfluss und Geld einsetzen.”
Wenn es nicht so schrecklich wäre, wäre es äußerst unterhaltsam aufgrund seiner Naivität. Demnächst mehr über Happy-Hippo-Antisemitismus.
Auf dem Klo entdeckt (3)
Aus der aktuellen ZEIT, Seite 6:
Bis heute scheint das Bild von Israel in Deutschland stärker von deutschen Befindlichkeiten bestimmt als von der Gegenwart Israels. Wer in Deutschland über Israel redet, redet immer auch über sich selbst: Entweder versucht er sein historisches Problembewusstsein zu beweisen oder seine Freiheit von historischen Befangenheiten; beides ist zum Scheitern verurteilt. Der historisch alarmierte Deutsche, meist ein Konservativer, neigt dazu, auch unleugbare Fehler wie Kriegsverbrechen der israelischen Armee im Namen der »besonderen Verantwortung der Deutschen« zu beschweigen. Sein Widerpart, der vorsätzlich »unbefangene« Deutsche – früher meist ein Linker, heute ebenso oft ein Rechtsextremist – erliegt immer wieder der Versuchung, die Nachkommen der Opfer des Holocaust zu den Tätern von heute zu erklären. Auch deutsche Geistliche sind gegen die Unschuldsfalle nicht gefeit. Der Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke, fühlte sich bei einem Besuch im Gaza-Streifen prompt an das Warschauer Ghetto erinnert. Warum verständigen sich deutsche Politiker und Meinungsführer nicht auf die einfache Regel, derartige Vergleiche aus dem Repertoire zu streichen? Man braucht solche Vergleiche nicht, um etwa die Zustände in Gaza mit Schärfe anzuklagen.
Das Muster dieses Hinundhergerissenseins zwischen allzu eiliger Parteinahme oder Verurteilung zeigte sich bereits in den deutschen Reaktionen zum Sechstagekrieg vor vierzig Jahren. Die Bild-Zeitung feierte den israelischen Sieg gegen gleich drei arabische Nationen als gelungenen »Blitzkrieg« – der israelische Kriegsheld Mosche Dajan wurde unversehens zu einem Meisterschüler von Wehrmachtsstrategen befördert. Ein guter Teil der neuen deutschen Linken indessen stattete sich damals mit den schwarz-weiß-karierten Palästinensertüchern aus, um ihre Solidarität mit den »Opfern der israelischen Aggression« zu bekunden – dies zu einem Zeitpunkt, da der Fatah-Führer Arafat noch damit prahlte, alle Juden Palästinas ins Meer treiben zu wollen.
Bei den Reaktionen auf den Libanonkrieg vor einem Jahr schien dieses Muster außer Kraft gesetzt. Die große Mehrheit der Israelis stimmt mit den Deutschen in dem Urteil überein, dass dieser Krieg verfehlt war. Er hat der jungen demokratischen Bewegung im Libanon das Genick gebrochen und die Macht der Terrororganisation Hisbollah deutlich gestärkt. Aber die Übereinstimmung täuscht. Die Israelis kritisieren vor allem die Art der Kriegführung, insbesondere die Entscheidung, den Angriff vorwiegend aus der Luft statt mit Bodentruppen zu führen. Deswegen, so argumentieren sie, seien eher libanesische Zivilisten als Hisbollah-Kämpfer und deren Raketenbasen getroffen worden.
Die deutsche Kritik tendiert dazu, den Krieg grundsätzlich als ein Mittel der Verteidigung abzulehnen. Wie dramatisch diese Meinungsdifferenz tatsächlich ist, machte eine von der Bertelsmann-Stiftung im Januar 2007 durchgeführte Umfrage deutlich: Danach bejahen 83 Prozent der Israelis die Frage, ob es in der internationalen Politik Situationen gebe, bei denen militärische Gewalt angewendet werden muss; nur 39 Prozent der Deutschen teilen diese Meinung.
An dieser Stelle wird deutlich, dass die Deutschen und die Israelis radikal verschiedene »Lehren« aus ihrer jeweiligen Vergangenheit und Gegenwart abgeleitet haben. Man kann fast von einer Rollenumkehrung sprechen. Die Israelis haben aus der Erfahrung des Genozids an den europäischen Juden und der ständigen Existenzbedrohung ihres Staates den Schluss gezogen, dass sie jederzeit in der Lage sein müssen, sich gegen Angriffe ihrer Nachbarn zu wehren. Die besiegten Deutschen haben mit ihrer Nachkriegslosung »Nie wieder Krieg« den umgekehrten Schluss gezogen. Während die Israelis einen Existenzkampf gegen Feinde führen müssen, die ihren Staat von der Landkarte streichen wollen, sind die Deutschen seit dem Fall der Mauer von Freunden umringt. Der Unterschied könnte größer nicht sein: Während Israel auf die Entführung von zwei Soldaten mit unverhältnismäßiger Gewaltanwendung reagierte und sich in einen Krieg gegen Libanon stürzte, debattierten die Deutschen nach dem Tod von drei Bundeswehrsoldaten den Rückzug ihrer Truppen aus Afghanistan.
Daumen hoch.