Alles laut im Nahen Osten

Ohne Projektionen wäre die Menschheit ziemlich aufgeschmissen. Gerade wir Historiker sind stolz auf unsere Empirie, auf unser Ansehen von Quelle und Sachverhalt, aber uns ist hoffentlich klar, dass wir immer Projektionen verwenden. Der Nahostkonflikt ist die große historische, politische und weltanschauliche Projektion unserer Zeit, durch die wir nicht nur diese regionale Problematik, sondern auch uns selbst und alle um uns herum betrachten können. Das Bild, das ich selbst dort sehe, ist einigermaßen desaströs.


 

„Don’t read the comments!“ schreit einem das halbwegs kluge Internet immer wieder hinterher, und für den Seelenfrieden wäre das vielleicht besser. Tatsächlich aber lassen sich in den Kommentaren bei Medienpräsenzen, YouTube und Facebook Perspektiven erfahren, die sonst meist unsichtbar bleiben. Und dies nicht, weil „die Medien“ (außer denen, die von Reptilmenschen versklavt wurden) von Juden kontrolliert würden, sondern weil oft das basale Verständnis des Konfliktes fehlt. Das ist nicht verwunderlich: Wer in den 80ern und 90ern geboren wurde, der kennt in erster Linie den Status quo der besetzten Palästinensergebiete, die zweite Intifada und das zw… dr… siebzehnte modische Revival des Palituches.

Dabei gehört so viel zum Verständnis des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern (oder präziser: palästinensischen Arabern). Die Balfour-Deklaration 197, das Massaker von Hebron 1929, der israelisch-arabische Gründungskrieg mit der massenhaften Vertreibung von Juden und Arabern gleichermaßen, die Besetzung Gazas und des Westjordanlandes durch Ägypten bzw. Jordanien und so weiter. Es wurden lange, dicke, schwer lesbare Bücher über diese Geschichte geschrieben, und doch dürfte jedes zu kurz sein. Denn wie immer läuft es am Ende bei dem maximal unkonstruktiven „Aber der hat angefangen!“ heraus, selbst wenn es vielleicht nur um eine Nachbarschaftsstreitigkeit geht, die 1880 irgendwo bei Betlehem blutig endete.

Dabei ist die Antwort auf die Frage, wer denn angefangen hat, ziemlich einfach, wodurch es erst richtig kompliziert wird. Schuld hat, wie bequemerweise sehr häufig, der reiche weiße Mann, der mittels Kolonialismus noch reicher und (im Vergleich zu denen um ihn) noch weißer werden wollte. Und noch vor ihm war da das Osmanische Reich, das sich so ziemlich allen eurozentrischen Kategorien entzieht – insofern dürfte der Nahostkonflikt dasjenige Phänomen sein, dass uns noch am Unmittelbarsten mit der Zeit- und Machtstruktur des Mittelalters konfrontiert.

Wenn also erst die Osmanen und danach die Briten die rechtliche Herrschaft über diese Region innehatten, dann ist ihnen auch die Verantwortung für das Ende ihrer Herrschaft anzulasten – und damit die Katastrophe, mit der wir uns seit gut 65 Jahren beschäftigen. Den einen dies und den anderen das selbe zu versprechen ohne beides halten zu können oder zu wollen ist der Kern, der uns in die realpolitische Lage des Jahres 2014 gebracht hat.


 

Da helfen auch die generalisierenden Schuldzuweisungen nicht. Weder „die Palästinenser“ noch „die Israelis“ sind als Entitäten geeignet, eine Lösung oder zumindest einen Frieden zu finden. Überhaupt, „die Israelis“. Beim Blick in die hiesigen Kommentarspalten kann man die Erleichterung förmlich riechen, dass einige (und gefühlt immer mehr) „die Zionisten“ oder „Israel“ sagen können, wenn sie doch eigentlich „der Jude“ meinen. Und weil dieser Antisemitismus, der da durchscheint, immer mal wieder entdeckt wird, wurde flugs eine Auschwitzkeulenkeule entwickelt, mit der jede Kritik an judenfeindlichem Verhalten mit einem vermeintlichen Tabu der ‚Israelkritik‘ abgeschmettert wird.

Dabei ist unsere Fokussierung auf Israel tatsächlich auf vielerlei Weise interessant, und wie wir den jüdische Staat behandeln sagt viel über den Zustand des Vergangenheitsbewusstseins in Deutschland aus. Vielfach ist auf die schrecklich hohen Zahlen der palästinensischen Todesopfer in Syrien und anderswo eingegangen worden, Zahlen die höher sind als jene des gesamten israelisch-palästinensischen Konfliktes, wegen denen sich allerdings kaum jemand auf die Straße oder hinter Frankfurter Polizeimikros wagt.

Dahinter ist Antisemitismus nur ein Aspekt, und zwar der moralisch verwerflichere. Der andere ist wieder eine schlichte Projektionsnebenwirkung: Syrien ist kompliziert, Libyen ist kompliziert, Ägypten auch, und das Narrativ der arabischen Bruderstaaten oder der „islamischen Welt“ an der Realität abgleichend zu zertrümmern ist auch nicht schön. Wenn es nicht so ernst wäre könnte man von Israel als dem Troll sprechen, der die zersplittert-fragile arabische Welt auf einen gemeinsamen Antinenner bringt.

Denn stellen wir uns mal vor, Israel würde von einem Tag auf den anderen von der Landkarte verschwinden. Aliens, Scotty, was auch immer – Israel ist einfach weg, mit ihm die Juden und alles, was sie seit 1948 dort geschaffen haben. Glaubt jemand, dass die Region dadurch befriedet würde? Eine Region, die es sogar schafft in einem fußballfeldgroßen Gazastreifen Bürgerkriege zu entfachen? Der Hass gegen die Juden entsteht nie und nirgends wegen den Juden, sondern immer und überall wegen und aus den Judenhassern.


 

In diesen Wochen standen die Medien, insbesondere in Deutschland, wieder unter besonderer Beobachtung. Und, wie immer, waren Anhänger beider Parteien fest davon überzeugt, dass einseitig berichtet würde. Festgemacht wurde das wahlweise an zu wenigen Bildern palästinensischer Todesopfer oder der falschen Chronologie der Ereignisse in Schlagzeilen. Die meisten JournalistInnen dürften beim Thema Nahostkonflikt mittlerweile ihr ganz privates #gauchogate nachspielen, weil sie es niemandem recht machen können. Und wenn dann vom ZDF abgeordnete Korrespondenten über Twitter mit professioneller Betroffenheitsmine Kriegspornographie in Form von Fotos toter Kinder verbreiten, fehlt offenbar jede kritische Reflexion eines Mediums und seiner Verantwortung.


 

Öfter als Raketen aus Gaza fliegen im Netz verschiedenste Zitate herum, die mal dies und mal jenes belegen sollen. Problematisch ist, dass sie fast niemand liest und dass die über sie verbreiteten Argumente immer die gleichen sind. Die Hamas-Charta? ‚Ein Relikt anderer Zeiten, nur noch symbolische Wirkung.‘ Es ist ermüdend, und es führt zu keinem Schluss. Und was soll das überhaupt für ein rein symbolhaftes Dokument sein, dass die Ermordung von Juden zelebriert?


 

Gleichzeitig breitet sich eine lustvoll apokalyptische Stimmung aus, ganz so als würden wir hier einen endgültigen, einen entscheidenden Schritt des Konfliktes erleben und nicht nur ein weiteres, von IDF-Pressemenschen betiteltes Kapitel der Endlosigkeit erleben, das in einigen Jahren per Wikipedia-Artikel zurück in die Köpfe geholt wird weil sich keiner merken kann was jetzt 2014 und was 2008 war. Blicken wir auf die Realpolitik, dann werden Raketen von beiden Seiten langfristig überhaupt nichts verändern, sie zementieren nur den Status quo: die Hamas möchte weiterhin Juden töten, und Israel möchte weiterhin seine Bürger schützen. Und mit jeder weiteren abgefeuerten Waffe festigt sich genau diese Situation, und mit jedem Zurückwerfen der Hamas-Hochrüstung um einige Jahre verlängert es sich. Durch Krieg ist dieser Krieg nicht zu gewinnen, und zumindest die begrenzt rational handelnde israelische Regierung wird das sicher wissen. Die Hamas hingegen entzieht sich unseren Vernunftkategorien, weil sie nicht mit Macht, mit Zielen und mit Konsens operiert, sondern mit Maximalforderungen und ohne Achtung vor eigenem und fremdem Leben.


 

Zu den größten Widerlichkeiten der Diskussion gehört der Vergleich der Todesopferzahlen auf beiden Seiten. Er suggeriert, dass Israel der Aggressor, aber zumindest der Haupttäter ist. Er negiert die zahlreichen Versuche des israelischen Militärs, zivile Opfer zu vermeiden. Und er lässt den Charakter der Hamas außen vor, deren erklärtes Ziel die Tötung von Zivilisten, von jeder Art jüdischen Lebens in Israel ist.

Gleichzeitig erinnert die Argumentation von Qassam-Raketen als „Spielzeugwaffen“ an die Diskussionskultur von Impfgegnern. Während letztere argumentieren dass Impfungen nicht nötig seien weil Kinderlähmung überhaupt nicht mehr auftritt heißt es im Bezug auf Hamas, dass deren Waffen wenig mehr als symbolische Folklore wären, ganz vergessend dass die glücklicherweise geringen Opferzahlen der Hamas ganz entscheidend auf die strengen Grenzkontrollen Israels zurückzuführen sind. Stünden sich Israel und die Hamas mit den gleichen Waffen gegenüber, die Existenz des jüdischen Staates wäre in wenigen Tagen beendet.


 

Jürgen Todenhöfer, der stets gut frisierte Posterboy der neuen, mittelalten Friedensbewegung, ist ein Meister dieser Verkehrung von Ursache und Wirkung. Vor Ort aus Gaza berichtend, geriert er sich als irgendetwas journalistenähnliches, während er eigentlich Politik macht. Sein letzter Facebook-Post lohnt die tiefere Auseinandersetzung, um die ganze Perfidie seiner Agitation zu erkennen.

 Wir werden auch die heutige Nacht in Gaza verbringen müssen. Die Grenzen sind zu.

Todenhöfer schreibt das, ohne ein handelndes Subjekt zu nennen. Tatsächlich hat Israel einen Grenzposten offen gelassen, in erster Linie aus humanitären Gründen. Geschlossen wurde dieser von innen, und zum Beweis der kompletten inneren Abriegelung wird er gleichzeitig von der Hamas beschossen, die an genau dieser Stelle ihren ersten toten jüdischen Zivilisten bejubeln konnte.

DIE ERSTE SCHANDE ist die Entführung und Ermordung der jungen israelischen Siedler Eyal Yifrach, Gilad Shaar und Naftali Frenkel. 

An dieser Stelle benutzt er einen mittlerweile beliebten Kniff: natürlich verurteilt er diese Tat, alles andere wäre überraschend, erbärmlich und disqualifizierend. Aber er verwendet das Wort „Siedler“, ganz so als ob diese Jungen irgendetwas anderes wären als Jungen die dort wohnen, wo ihre Eltern wohnen. Als „Siedler“, so soll sich der Leser das weiterdenken, haben sie sich selbst ins Feindesland begeben, sind schuld an Völkerrechtsbrüchen und sind zumindest nicht völlig unschuldig an ihrem Schicksal. Man darf Todenhöfer hierbei auch der Lüge bezichtigen, denn zwei der drei Teenager lebten im (mit Ausnahme von Hamas und co) unbestrittenen israelischen Kernland.

DIE DRITTE SCHANDE besteht – nach wahllosen und brutalen Hausdurchsuchungen und Massenverhaftungen in der Westbank – in der völlig hemmungslosen Bombardierung der 1.8 Mio Ghettobewohner von Gaza.

Todenhöfer zieht zum ersten Mal den Nazijoker. Denn auch wenn das Wort Ghetto nicht aus der NS-Sprache stammt, so ist es doch eindeutig konnotiert. Gleichzeitig suggeriert er, dass die Bevölkerung bombardiert würde, also zivile Opfer das Ziel der IDF seien.

Wahrer Grund dieses massiven Bombenterrors ist nicht die weitgehend wirkungslose und dilettantische Schießerei der Hamas und des ‚Islamischen Jihad‘. Die ich ebenfalls ausdrücklich verurteile. Sie begann nach der Tötung von 6 Hamaskämpfern in Gaza und sechs palästinensischen Zivilisten in der Westbank.

Die zweite Lüge Todenhöfers. Die Zahlen, Zeitpunkte und Orte der Beschießung Israels aus Gaza sind öffentlich nachvollziehbar, sie zeigen eine quantitative Steigerung der Raketenabschüsse, aber keinen abrupten Neubeginn. Todenhöfer verurteilt den Beschuss, wertet ihn aber als logische Folge israelischen Verhaltens. In dieses Bild würde der konstante Beschuss Israels nicht passen, deswegen wird er einfach weggelogen.

Aber die sinnfreie Hamas-Ballerei mit den massiven mörderischen Raketenschlägen der Israelis zu vergleichen, ist vollkommen realitätsfremd. Das zeigen schon die bisherigen Zahlen der Todesopfer: 193:0. Schlagzeilen wie „Israel unter schweren Beschuss“ stellen die Tatsachen auf den Kopf. Gaza liegt unter schwerem Beschuss!

Todenhöfer, im Ex-Beruf Politiker, versucht sich als Sportreporter. 193:0! Unter den Widerwärtigkeiten des Nahostkonfliktes ist das eine ganz besondere. Nach seiner Logik wäre eine militärische Reaktion Israels nur gerechtfertigt, wenn die Hamas mehr Menschen töten würde. Gleichzeitig, obwohl vor Ort, verschwendet er keinen Gedanken daran, warum so viele Palästinenser sterben. Nur Israel kann für ihn daran schuld sein.

Und dazu kommt ein Foto, das ihn inmitten von Trümmern zeigt. Nachdenklich, betroffen, zwischen Dreck, Zerstörung und Chaos. Und um ihn herum, fein säuberlich ins Bild komponiert, sauber wie direkt aus dem Geschäft, Kinderspielzeug. Bilderbücher, Puppen, Teddybären. Als hätte eine göttliche Fügung sie bei der Zerstörung dieses Hauses genau dort hin gespült.

Jürgen Todenhöfer ist kein „Medienmanager“ oder „Publizist“, er ist im Moment der begabteste Pressesprecher, den die Hamas je hatte. Anders als andere Fürsprecher(innen) des islamistischen Terrors gegen Israel spricht er nicht nur versprengte Gruppen von Ken Jebsen-Fans an, sondern zielt direkt in den Mainstream der deutschen Mittelschickt, und dort kommt er gut an mit seiner vordergründigen Friedensbewegtheit, die letzten Endes nichts anderes zum Zwecke hat als die einseitige Dämonisierung Israels.

6 Kommentare zu “Alles laut im Nahen Osten

  1. Kannst du – bei aller Komplexität – ein Buch empfehlen, welches den Konflikt etwas verständlicher macht?

  2. Pingback: Demagoge des Mainstreams – Lizas Welt

  3. Herr Hoffmann
    Ich fasse mich kurz.
    Die Art und Weise mit der Sie, mit Ihren jungen 29 Jahren, über Herr Todenhöfer schreiben ist despektierlich und polemisch.
    Sie benehmen sich hochmütig und arrogant und es erscheint der Eindruck, dass Sie Herrn Todenhöfer nicht verstehen wollen und seine Berichterstattung bewusst verdrehen. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, Sie seien missgünstig. Vielleicht sehen Sie Ihre Aussagen in 20 Jahren in einem anderen Licht. Herr Todenhöfer ist jedenfalls weit entfernt davon ein Demagoge des Mainstreams zu sein. Behalten Sie besser Ihre unsachlichen Äusserungen über Herrn Todenhöfers Frisur bei sich, dies hat nichts mit dem Thema „Naher Osten“ zu tun. Leider disqualifizieren Sie sich damit selbst.

  4. Liebe Frau Vögele,

    was ich schreibe, begründe ich. Daher halte ich es nicht für despektierlich und für weitaus weniger polemisch als die Einlassungen von Herrn Todenhöfer. Ich verdrehe auch seine Berichterstattung nicht, ich lese sie genau, auch zwischen den Zeilen, und mit genügend Fach- und Hintergrundwissen über diesen Konflikt.

    Bezüglich der Frisur des Herrn Todenhöfer erwarte ich gespannt die Erklärung, was an „gut frisiert“ unsachlich ist. Wenn irgendetwas wahr ist, dann dass er gut frisiert ist. Und das gehört zu seiner Inszenierung seiner selbst nun einmal dazu, weil er eben derjenige ist, der im deutschen Mainstream als begnadeter Medienmensch auftritt und dementsprechend Meinung macht.

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