Struktur und Methode: Das Problem mit @1914Tweets

Ein Vorwort: Ich habe einige Tage überlegt, ob ich diesen Post überhaupt verfassen soll. Mein Unbehagen über die bisherige Aktivität des Twitter-Accounts @1914Tweets konnte ich recht schnell in Worte fassen, befürchtete aber, es könnte mir als “Vorgänger” als Missgunst ausgelegt werden. Eher ist das Gegenteil der Fall. Wir von @9Nov38 haben  das Format nicht erfunden und haben das nie behauptet, und ich persönlich würde mir wünschen, dass es weiterentwickelt wird und Interesse an historischen Phänomenen und Arbeitsweisen auch über mein Spezialisierungsgebiet hinweg weckt. Bei @1914Tweets sehe ich dieses Potenzial in der derzeitigen Ausgestaltung nicht und halte es, sollte das Konzept so beibehalten werden, für kontraproduktiv. Man lege mir diesen Post also nicht als Nachtreten, sondern als konstruktiven Verbesserungsvorschlag aus.

In den späteren Stunden des 1. Januar 2014 machte erstmals, über Retweets und Empfehlungen, der Twitter-Account @1914Tweets seine Runde durch meine Timeline. Verwunderlich war das nicht, schließlich hatte spätestens mit dem Sachbuch-Hype um Christopher Clarks Schlafwandler das Hypertoniegedenkjahr um den Anfang des Ersten Weltkriegs begonnen. Dazu kam der bis dato in Deutschland so nicht gekannte Erfolg von @9Nov38 als Twitter-Public History, womit das Thema “Geschichte in Tweets” auch mediale Präsenz bekam.  Um ehrlich zu sein, hatte ich eher früher mit der Ankündigung solcher Projekte gerechnet, zumal es ja im englischsprachigen Bereich schon länger solche Ansätze gibt. Der erste Eindruck, der sich bis hierher verfestigt hat, ist aber eher enttäuschend. @1914Tweets fällt meiner Meinung nach hinter Entwicklungen zurück, die wir mit @9Nov38 zu erarbeiten versuchten, um spezifischen Herausforderungen von Methode und Ziel zu begegnen. Ohne den Urhebern irgendetwas böses unterstellen zu wollen (ich kenne beide nicht), habe ich den Eindruck, dass sie sich ein solches Unterfangen leichter vorgestellt haben, als es ist, wenn man bestimmte Ansprüche an sich selbst stellt. Insofern kann ich in der Auseinandersetzung mit @1914Tweets vielleicht sogar noch verdeutlichen, welche Grundgedanken wir uns für @9Nov38 gemacht haben.

Am Anfang steht – wenn wir etwaige andere Motive (Lebenslaufaufhübschung, Aufmerksamkeit, Promotion der eigenen Social Media-Firma) ausklammern – der Wille, einer gewissen Teilöffentlichkeit historische Sachverhalte näherzubringen. Dabei geht es natürlich um neue Vermittlungstechniken, denn miserablen Frontalgeschichtsunterricht hatten wir alle wahrscheinlich zur Genüge. Es werden also benötigt:

  1. Inhalte, orientiert an zu schaffenden Kriterien
  2. Innere und äußere Stildefinitionen

Das klingt erst einmal simpel, ist es aber nicht. Es beginnt schon bei der Betitelung des Projektes. Denn während “@9Nov38” einen eindeutigen thematischen  Bezug zu einem spezifischen, zeitlich und politisch eingegrenzten historischen Phänomen aufwies, verweist “@1914Tweets” zunächst einmal auf nichts anderes als eine bestimmte Zeitspanne, die definiert wird durch eine eurozentrische Konvention darüber, wann das Jahr beginnt und wann es endet (Das Russland von 1914 zum Beispiel würde da etwas anders mit umgehen). Selbst wenn es aber theoretisch möglich wäre, sämtliche Ereignisse eines Jahres zu erfassen und aufzuschreiben, würde uns das nicht helfen, dieses Jahr zu verstehen. Im Kern setzt genau hier die Arbeit von Historikerinnen und Historikern an. Die Beschaffung und Sichtung von Quellen ist nur der erste Schritt – die richtige Arbeit beginnt mit der Auswahl der relevanten Informationen, um überzeugende Belege für eine These oder ein Narrativ zu finden. Dieses Narrativ benötigt zugleich eine Kontextualisierung seiner Inhalte, eine Erklärung des historischen Vorgangs in seiner Welt und seinen Rahmenbedingungen.

Das ist das größte Problem von @1914Tweets:  Bislang ist nicht einmal im Ansatz ein Narrativ erkennbar. Jeder Tweet für sich alleine könnte Teil eines großen Ganzen sein, zusammen ergeben sie ein vermeintlich gegenwartreproduzierendes Chaos:

 

 

Ein wenig wirkt dieses Vorgehen so, als habe man den Erfolg von Florian Illies‘ Buch „1913“ über Twitter reproduzieren wollen, dabei aber übersehen, dass Illies zum einen kein Sachbuch, sondern an historischen Überlieferungen orientierte Belletristik geschrieben und zudem mit einer guten Portion von sprachlich-literarischem Talent gesegnet ist, dessen Niveau bei @1914Tweets entweder bislang nicht erkennbar oder durch die 140 Zeichen nicht zu erreichen ist. Man kann über Illies geteilter Meinung sein, aber er schafft es geschickt aus einzelnen, unzusammenhängenden Episoden ein Mosaik des Jahres zu erschaffen. So etwas braucht viel Zeit und Arbeit und dürfte kaum in der Freizeit über Twitter möglich sein.

Ein weiteres Problem von @1914Tweets betrifft die Quellenlage: Dem Interview folgend, dass Charlotte Jahnz mit Dirk Baranek führte, beziehen die Macher ihre Informationen aus zwei Büchern und dem Internet:

Es gibt zwei neue Bücher, die sozusagen die Leitilinie bilden, das Grundgerüst: Janz, 1914, und, klar, Christopher Clark, Norbert Juraschitz – Die Schlafwandler. Ansonsten greifen wir auf alle Quellen zurück, die das Internet bietet. 

Bei „Janz, 1914“ dürfte es sich um „14 – Der große Krieg“ von Oliver Janz handeln, Christopher Clarks „Schlafwandler“ sind mittlerweile reichlich bekannt. Beiden Autoren kann man nicht den Vorwurf machen unseriös oder unzuverlässig zu sein. In der Praxis scheint bislang allerdings eher eine bunte Sammlung an Dingen getwittert zu werden, die eben im Internet zu finden waren. Das bedeutet, dass es viele gute Bilder gibt (ein Vorteil gegenüber @9Nov38, dass die meisten Bilder mittlerweile gemeinfrei sind. Bei uns waren passende und rechtefreie Bilder an einer Hand abzuzählen), aber dass zwangsläufig diejenigen Dinge, die nicht in Bildern, Filmen oder Medien transportiert wurden, fehlen oder unterrepräsentiert sind. Noch einmal, dies ist eine Momentaufnahme von Anfang/Mitte Januar und ich würde mich freuen, wenn es sich noch ändert.

Um es einmal zusammenzufassen: Wenn Baranek sagt, dass Ziel von @1914Tweets wäre, „dem bunten, manchmal etwas hermetisch informierten Twittervölkchen eine deftige Portion Geschichte nahe zu bringen und zwar so, dass es für sie konsumierbar bleibt“, dann bleibt er den Nachweis dieses Zieles bislang schuldig. Denn was er bislang liefert, ist keine Geschichte. Das hat nichts mit einem akademischen Elfenbeinturm zu tun, aus dem gegen „Laien“ geschossen wird (was sie ja sowieso nicht sind, beide haben einmal Geschichte studiert), sondern mit einem übergeordneten Bewusstsein dessen, was wir Geschichte nennen und was wir damit machen wollen. @1914Tweets surft auf der Welle verschiedener Trends und hat sich damit selbst die Verantwortung aufgehalst, dieses Medium für zukünftige Historikerinnen und Historiker nicht zu desavouieren. Erst Recht, wenn man zumindest ein indirektes kommerzielles Interesse unterstellen kann.

4 Kommentare zu “Struktur und Methode: Das Problem mit @1914Tweets

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