Es ist ja nicht die New York Times

Mittwoch Abend, 20:34 Uhr, das Telefon klingelt und ich überlege, ob ich mich jetzt mit meinem Nachnamen, mit „Hello“ oder gar nicht melde. Auch wenn da „Unbekannt“ steht, ist völlig klar, dass gerade jemand anruft, bei dem es erst kurz nach halb 3 ist, der kein Deutsch spricht und der mit mir über etwas reden will, was meine Idee war.

Ein bisschen zurück: Am 28. Oktober sitze ich um halb 11 mit meinem Laptop am Esstisch und tippe einen Satz in die Twittermaske: „Ab dem 28. Oktober wurden über 15.000 polnische Juden mit sofortiger Wirkung aus dem Deutschen Reich ausgewiesen.“ Gleichzeitig schreibe ich auf meinem eigenen, privaten Account: „Wir versuchen da in den nächsten gut zwei Wochen etwas: @9Nov38. Morgen mehr.“

Und ab da geht es los und wird sehr lehrreich. Wahrscheinlich lehrreicher für mich als für jeden der fast 11.000 Follower, die in den nächsten Tagen dazukommen.

Die Idee, und das werde ich in den kommenden zwei Wochen täglich mehrmals sagen müssen, kam vor einem Jahr auf, als der MDR etwas ähnliches mit @9Nov89live für den Mauerfall versuchte. Deren Account hat knapp 1800 Follower, etwas mehr als doppelt so viele wie mein privater, aber klar, die haben ja auch den MDR und die Zusammenarbeit mit einer Gedenkstätte dabei. So 3-400 Follower, das habe ich mir ausgemalt, wären eine schöne Bestätigung dessen, was wir da versuchen. Nach einem Tag sind es etwa einhundert, hauptsächlich Follower unserer Privataccounts.

Die erste Presseanfrage kommt nach zwei Tagen, von Götz Münstermann von der Rhein-Neckar-Zeitung, über Twitter:

Für die anderen kann ich nicht sprechen, aber ich bin, um ein Wort meiner Kindheit zu benutzen, baff. Mit Medienaufmerksamkeit habe ich nicht gerechnet. Ein paar Empfehlungen in Blogs wären schön, klar. Aber die Zeitung? Der Respekt vor dieser Medienform ist also schon da. Wir vereinbaren, uns am Montag, das ist der 4. November, zu treffen.

Einen Tag später bekommt Michael eine eMail vom englischsprachigen Fernsehprogramm eines deutschen Senders. Einer von uns soll nach Berlin kommen, über das Projekt sprechen und mit zwei anderen Studiogästen diskutieren – über unser Thema, und über deren Themen, die irgendwo im Bereich internationaler Beziehungen liegen. Auf Englisch. Wir überlegen das ganze Wochenende hin und her, am Ende sagen wir ab. Wir haben alle noch normale Jobs oder ein Studium, und wir fühlen uns nicht kompetent genug zu den anderen Themen Substanzielles von uns zu geben. Eine einmalige Gelegenheit geht damit flöten.

Aber offensichtlich gibt es ein Medieninteresse. Und auch wenn wir das vorher nie geplant haben, können wir das ja jetzt auch zumindest versuchen selbst zu aktivieren. Am Dienstag, während in Berlin die Aufzeichnung ohne uns läuft, telefoniere ich plötzlich mit dem Netzressort der dpa. Es ist ein freundliches, kurzes Gespräch, und ich hasse Telefongespräche eigentlich. Nur wenig später ist die Meldung, nur ein paar Zeilen lang, in der Welt, und das heißt: bei heise.de. In diesem Moment springt unsere Followerzahl um einige hundert nach oben. Unter dem Artikel entbrennt eine Diskussion, so wie immer auf heise.de. Ich lese quer, hauptsächlich Überschriften, neben „Schöne Idee“ steht da oft „Aber Stalin..!“ oder „Schuldkult“. Einer wirft uns vor, mit solchen Projekten auf einer gemütlich öffentlich finanzierten Stelle zu sitzen. Ich erwäge mich zu registrieren um ihm mitzuteilen dass wir unsere Abende und Wochenenden dafür opfern und statt Geld einzunehmen nur welches ausgeben. Aber es würde ja ohnehin nichts nützen.

Ab Mittwoch kommen mein Handy und mein Mailpostfach nicht mehr zur Ruhe. Ich kann nur mutmaßen, dass die dpa meine Handynummer mit rumgeschickt hat. Zuerst meldet sich das englischsprachige Angebot von Spiegel Online. Dann das Onlineangebot vom WDR. Dann der Radiosender MDR info, mit dem ich am Freitag vier Minuten sprechen soll. Dann tagesschau.de. Alleine kriege ich das nicht mehr hin und versuche, die Anfragen möglichst zu delegieren. Denn alles, was ich für @9Nov38 mache, passiert in der Mittagspause und am Abend, dafür ist mir mein eigentlicher Job zu wichtig. Und während die Anfragen immer prominenter werden, versuchen wir nicht dem Größenwahn zu verfallen. Es fällt das erste Mal der Satz „Ganz ruhig, es ist ja nicht die New York Times.“

Am Donnerstag bekomme ich eine Mail vom SWR. Man findet unser Projekt spannend und würde gerne in der Nacht von Freitag auf Samstag im ARD-Nachtmagazin darüber berichten. Ob wir nicht mal telefonieren könnten?

Es ist ja nicht die New York Times.

Ich habe keine Zeit, weil mein Job vorgeht. Wir haben an diesem Freitag, an dem gedreht werden soll, eine Deadline. Charlotte übernimmt das Nachtmagazin, weswegen der SWR dem NDR Bescheid sagt, der dann dem WDR sagt dass sie nach Bonn fahren müssen. Freitags um 5 schickt Charlotte eine Nachricht „da“, und ab da habe ich Schnappatmung, weil sie gerade gefilmt wird während sie über dieses Projekt erzählt.

Nachts bleibe ich bis kurz nach 1 wach, um mir den Bericht anzusehen. Mit allem zufrieden ist man ja nie. Aber ich erlaube mir von da an das Gefühl stolz zu sein auf das, was wir da hinbekommen haben. Mein alter Chef aus Bonn sagte immer, unsere Generation könne nicht zu ihren Leistungen und Errungenschaften stehen, ich glaube, er hat Recht.

Am Samstag mittag bekomme ich eine eMail von Spiegel Online, die sich einleitend fast dafür entschuldigt, sich erst jetzt zu melden. Ich lese sie in der Schlange bei Aldi und vereinbare ein Telefonat. Mittlerweile merke ich an der Gesprächsführung gut, warum jemand Journalist bei einem eher knappen, als Beiwerk konzipierten Onlineangebot oder einem Schwergewicht wie Spiegel Online ist. Ich werde das erste Mal gefragt ob ich Angst habe, etwas falsches zu tweeten. Eine furchtbar berechtigte Frage, die genau in mein Hirn zielt: Natürlich habe ich Angst davor.

Gleichzeitig wächst in mir mittlerweile die Hoffnung, dass es mit Spiegel Online dann auch vorbei ist. Um 16 Uhr geht der Artikel online, er ist schön, und dankenswerterweise ist die Kommentarfunktion deaktiviert. Denn gleichzeitig mit den Presseanfragen und der Korrektur und Einpflegung der Tweets der Nacht vom 9. auf den 10. November will auch noch der Text meines Jobs überarbeitet werden. Es sind Prioritäten zu setzen.

In der entscheidenden Projektphase passieren plötzlich, als hätte der Weltgeist sie bestellt, wunderbare Dinge, die die Motivation wieder hochschießen lassen: Menschen fangen an, unsere Tweets simultan zu übersetzen, in Englisch, Türkisch, Kurdisch und Spanisch. Wir bekommen Anfragen per Mail von Menschen, die ihre eigene Familiengeschichte im Dritten Reich aufarbeiten wollen und sich erst jetzt trauen zu fragen, wie sie das anstellen sollen. Die Followerzahl schießt in die Höhe. Als wir bei 1000 waren traute ich mich zu hoffen, dass wir den MDR-Account zum Mauerfall erreichen. Wir haben bald das doppelte. Und nach dem Nachtmagazin geht es immer weiter, am Sonntagmittag erreichen wir die 10.000.

10.000 Follower. HerrTutorial und Sascha Lobo lachen darüber. Für uns ist das ein Meilenstein. Alle 20 Minuten klicke ich auf unsere Seitenstatistiken. Fast 2.000 Leute klicken die Abschrift einer NS-Presseanweisung an und informieren sich so weitergehend. Wir werden aus Panama, Mexiko und Israel verlinkt. Mein Kopf befindet sich im selben Ausnahmezustand wie vor meiner Hochzeit und meiner mündlichen Abschlussprüfung. Aber ganz ruhig, es ist nicht die New York Times.

Ab Montag stellt sich eine Routine ein. Morgens zum Frühstück über die Tweets sehen, ein paar hinzufügen. Abends noch einmal Korrektur lesen, einpflegen, unseren englischen Übersetzern vorab schicken. Es wird alles etwas einfacher.

Dienstag abend bekomme ich eine eMail von einem „Noam“. Ich kenne keinen Noam, außer Chomsky, aber der kennt mich sicher nicht. Er schreibt auf englisch, dass ihm ein deutscher Bekannter von dem Projekt erzählt hat, ob wir mal telefonieren könnten, er könne nicht versprechen dass ein Artikel draus würde, aber er würde es versuchen. Achja, er arbeitet für „the Times“.

Ganz ruhig, es ist die New York Times.

Und so google ich, wieviel Uhr es am Mittwoch abend in New York ist, wenn hier 20 Uhr ist. Und sitze mit schwitzenden Fingern vor dem Telefon. Wir telefonieren eine halbe Stunde, ich verstehe seine Fragen kaum, weil die Times offenbar Auslandsgespräche über Skype macht. Vielleicht auch nur, wenn es um uns geht, und nicht wenn sie mit einem Minister sprechen. Ich weiß es nicht, es ist mir egal. Ich merke, dass es für solche Telefonate nicht ausreicht ständig auf Englisch ins Internet zu schreiben und „Community“ oder „House of Cards“ im Originalton zu gucken. Mir fehlen Wörter, ich ärgere mich über den manchmal durchscheinenden Kraut-Akzent. Aber ich habe den Eindruck, dass Noam ganz zufrieden ist. Er weiß noch nicht, ob ein Artikel draus wird. Wir werden sehen.

Langsam bin ich froh, wenn es vorbei ist. Wir haben Pläne, wie es weitergehen wird mit dem Account und der Seite. Die müssen natürlich auch noch reifen. Wir melden uns wieder.

Am Montag kann ich es in den Mentions sehen: Wir sind online, bei der New York Times. Und drunter steht, dass wir auch in der Printausgabe sind. Den restlichen Tag scheitere ich daran, eine New Yorker Ausgabe der Times in Deutschland zu kriegen. Aber zum Glück gibt es freundliche Amerikaner. Ein Scan landet in meinem Mailpostfach, die Seite ist auf dem Postweg.

Wow.

19 Kommentare zu “Es ist ja nicht die New York Times

  1. Pingback: Wie man von seinem Projekt… | sabinenowak.com

  2. Grandiose Leistung! Wir kennen uns zwar nicht, aber ich bin trotzdem stolz auf euch! Das einzig betrübliche an der gesamten Aktion ist ausschließlich, dass sie nicht öffentlich gefördert ist. Danke für die Idee, danke für den Einsatz!

  3. Alle Aufmerksamkeit zu Recht! Ihr habt den Account so gut und spannend und lehrreich gestaltet, kann nur immer wieder meinen Hut ziehen.

    Wünsche mir manchmal, Geschichte ein paar Jahre später studiert zu haben, mir fallen spontan ein paar Twitter-geeignete historische Vorkommnisse ein. ;) So viele Leute assoziieren Geschichte nur mit drögen Lehrern und Auswendig gelerne, Twitteraccounts wie dieser helfen, sie lebendig und greifbar zu machen.

  4. Hallo Moritz, ja, es ist schon interessant, das Ganze mal aus EURER Sicht zu lesen. Wo wir doch auch zu denen gehörten, die du an Charlotte weiterleiten musstest…ich freue mich – mal ganz und gar unobjektiv – sehr über den Erfolg eures Twitterkanals. Gänsehaut, wirklich :-)

  5. Was habe ich – und mit mir sicher viele andere – als einen der ersten Sätze im Geschichtsstudium gelernt? „Der Historiker weiß nichts; er weiß nur, wo es steht.“ Dank Euch ist neben ein paar Lexika und Archiven nun auch ein lehrreicher Twitteraccount dabei. Finde ich schön. Glückwunsch dazu!

  6. Hey,

    hier noch mal Glückwunsch, Moritz. Glückwunsch auch zu diesem Artikel. Während man so liest, wundert man sich über nichts mehr – doch: warum haben sich nicht WELT, taz, BILD gemeldet? Nächste Haltestelle: Günther Jauch am Abend?

    Es ist spannend, wenn man beobachten kann, wie man im Netz gehört wird. Wir haben ja auch unseren claim to fame, wenn auch auf einem ganz anderen, kleineren Niveau. Da kann ich deine Aufregung und die Befriedigung, die man empfindet, absolut nachvollziehen.

    Entwickelt sich im Nachhinein betrachtet cw ja noch zur „Talentschmiede“…

    Sven

  7. Ohho, da ist aber einer riesig stolz seinen Namen jetzt in allen Zeitungen zu lesen…und sogar die New York Times! Und sowas von mutig 2013 gegen Nazis zu sein! Na das hat sich doch gelohnt. Worüber solche Leute wohl geschrieben hätte, wenn sie 1938 gelebt hätte, um ihr Ego zu pushen und sich an möglichst vielen Followern, auch wenn die damals anders hiessen, aufzugeilen, sollte man sich aber vielleicht auch mal überlegen…

  8. Danke!

    Erlebte in letzter Zeit Twitter als Ort für globales #mimimi. Der Account brachte aber das zurück für was Twitter in meinen Augen steht: gute, schnelle Information, die bewegt. :-)

  9. Vielen Dank für die Einblicke hinter die Kulissen, die du uns hier gewährst. Ich finde das Projekt ganz großartig, ihr trefft mit euren Tweets genau den richtigen Tonfall und könnt meiner Meinung nach damit wirklich wachrütteln, aufmerksam machen.
    Die Aufmerksamkeit, die das Projekt bekommt, ist nur verdient.
    Danke dafür. :)

  10. @Rainer:

    [ ] Ich habe den Text gelesen und verstanden, dass sie durch privaten Einsatz am Laufen gehalten wird. Da sind die Macher zu Recht stolz, welchen Widerhall diese wichtige Aktion gefunden hat.

    [ ] Ich habe den Text so überflogen. Wenn die BILD das mal in dreizehn Zeilen und einer Überschrift in der Art von „Geheime Tweets aus dem 3. Reich entdeckt“ schreibt, les ich das auch mal da nach.

    [ ] Neid ist die höchste Form der Anerkennung. Hä?

    Zutreffendes kannst ja ankreuzen, lieber Rainer.

    Für die Macher dieses Projektes: Super Sache, sie war und ist wichtig. Und das Medienecho sowie das Interesse der Menschen daran ist Sinn und gleichzeitig Lohn der Arbeit, Glückwunsch!

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