Definitionshoheit: Augstein und der Antisemitismus

Um ehrlich zu sein, bis vor zwei Wochen dachte ich, wir wären weiter. Dass es einen gewissen Grundkonsens in der Qualitätspresse darüber gibt was legitime Kritik an der Politik einer israelischen Regierung und was mühelos codiertes Ressentiment ist. Ich bin 28 Jahre alt und anscheinend immer noch hoffnungslos naiv.


Ich habe Jakob Augstein noch nie einen Antisemiten genannt. Was mir aber schon oft auffiel, ist seine, relativ typisch traditionalistisch-linke Obsession bezüglich des jüdischen Staates – und dort insbesondere der Verbrechen, fragwürdigen Entscheidungen und Konflikte, die in und mit seinem Namen geschehen. Die einschlägigen Textstellen sind an anderer Stelle schon dutzendfach angesprochen worden. Dennoch sei noch einmal gesagt: Wenn Augstein die israelische Politik mit ähnlichem empathischen Verständnis beurteilen würde wie die gewalttätigen Demonstranten gegen den letztjährigen Mohammed-Film, wir würden diese Diskussion heute nicht führen. In Augsteins publiziertem Weltbild ist alles entweder eine Reaktion von Opfern einer US-israelischen Kolonialpolitik, oder gleich selbst von Jerusalem und Washington gelenkt. Der gemeine Verschwörungstheoretiker nennt das dann False Flag.

Das Problem, vor dem der “Skandal” und die Diskussion stehen, ist eines von verschiedenen Definitionen. Das fängt im kleinen bei der ominösen Liste an. Eine breite Front aus Boulevard- und Qualitäts-, Tages- und Wochenpresse, Politik und Zentralrat der Juden sieht Augstein auf eine Liste der “Top 10 der schlimmsten Antisemiten” gesetzt.  Das entspricht nicht der Wahrheit. Wäre das so, ein Großteil der Liste sähe jedes Jahr gleich aus, gibt es doch genügend militante Organisationen die sich die Vernichtung aller Juden in ihre Gründungsorganisationen geschrieben haben. Die Überschrift des Simon Wiesenthal Centers lautet: “2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs”. Ich finde diese Liste nicht sonderlich geschickt formuliert, aber ich kann ihre Motivation nachvollziehen: Den verschiedenen Ausformungen von Antisemitismus, dem eliminatorischen wie dem alltäglichen, verschiedene Gesichter zu geben, ihn aus der Theorie in die Praxis zu holen.


Nun ist die Sammlung für 2012 in der Welt und Deutschland ist schockiert, dass ein Deutscher darauf steht, zudem noch einer der sich selbst als links bezeichnet und gleichermaßen Sohn des “Sturmgeschützes der Demokratie” und des Erfinders der “Auschwitz-Keule” ist. In gewisser Lesart ist Jakob Augstein einer der “guten Deutschen”, und wer diesem gewissermaßen das Verbrechen der deutschen Vergangenheit vorwirft, der greift alle “guten Deutschen” an.

Das Kernproblem der Definition ist, dass alle Seiten eine unterschiedliche Vorstellung von Antisemitismus haben, was sich auch immer wieder in unterschiedlichen Untersuchungen, Umfragen und Forschungen niederschlägt.

Für einen guten Teil der deutschen Bevölkerung und veröffentlichen Meinung ist Antisemitismus das, was im Dritten Reich passiert ist. Es ist relativ einfach, mit diesem Kriterium auf einen nichtexistenten Antisemitismus in Deutschland zu kommen. Personen die der Meinung sind man solle Juden vergasen sind in Deutschland sicher in der statistisch unsichtbaren Minderheit, zumal sie sich aufgrund der Strafbewehrung nicht einmal nachweisen ließen.

Eine weitere Vorstellung von Antisemitismus ist die von einer eindeutigen, ausdrücklichen Zuschreibung negativer Wesensmerkmale auf alle Juden, also Sätze wie “Alle Juden sind geizig” oder “Die Juden regieren heimlich die Welt”. Auch dieser Antisemitismus ist relativ selten zu finden, weil er öffentlich geächtet ist. Er mag latent, verborgen weiter verbreitet sein, dies festzustellen ist allerdings aufgrund der “unerwünschten Meinung” kaum möglich.

Aber hier verläuft die Grenze der Vorstellung dessen, was Antisemitismus ist. In den beiden vorangestellten Vorstellungen ist beispielsweise der Staat Israel noch überhaupt nicht Teil der Betrachtung. Hier liegt die Ursache dessen, dass weite Teile der deutschen Bevölkerung glauben, jegliche Kritik an israelischer Politik werde mit dem “Verdikt Antisemitismus” verunmöglicht. Es klingt ja auch logisch: Wenn man den Staat Israel von dem Phänomen Antisemitismus abkoppelt, aber man von berufener Seite den Antisemitismusvorwurf im Kontext Israel hört, entsteht eine Dissonanz, die zu einem gärenden Zensurgefühl beiträgt.

Überraschenderweise verläuft diese Grenze auch in Kreisen, die ich, wenn ich auch nicht immer ihrer Meinung war, doch für intelligenter gehalten habe. Der rechtskonversative Polemiker Jan Fleischhauer führt einige derzeit oft vorgebrachte Argumente zusammen indem er offenbar glaubt, man erkenne Antisemiten daran, dass sie “Die Protokolle der Weisen von Zion” und “Mein Kampf” im Regal stehen haben. Nach diesem Kriterium wäre ganz Westeuropa judenhasserfrei. Wie erfreulich!

Dementsprechend deutlich ist das negative Echo auf die SWC-Liste. Dabei ist viel erstaunlicher als das Auftauchens Augsteins die Nichterwähnung von Günter Grass, der mit “Was gesagt werden muss” in viel größerer Perfidie und als Mitglied und aktiver Teilnehmer der Tätergeneration einem “israelkritischen” Antisemitismus die große Bühne verschafft hat – wir erinnern uns kurz: Er warf Israel vor, für sich das Recht auf die Vernichtung des iranischen Volkes in Anspruch zu nehmen. Dagegen nimmt sich Augstein noch moderat aus, immerhin sucht er bisweilen die Diskussion und Argumentation und lässt sich leichter lesen als der alternde Dichter.


Es gibt unzählige Bücher, wissenschaftliche Literatur und bestsellertaugliche Sachbücher, zur Definition von Antisemitismus. Es gibt Definitionen, die eine halbe A4-Seite füllen. Es gibt lange Diskussion darüber ob es einen primären und einen sekundären, und vielleicht sogar einen tertiären Antisemitismus gibt, und sie alle haben gute Argumente. Auf eine Zusammenfassung verzichte ich hier, möchte aber auf die entscheidende Ausformung des sekundären Antisemitismus eingehen, die im Fall Augstein zum Tragen kommt: Die sogenannte “Israelkritik”.

Israelkritik” ist das Symptom des Problems. Es gibt eine “Israelkritik”, deren Legitimität immer wieder von “Israelkritikern” betont wird und deren Verteidigung angeblich die Verteidigung der Meinungsfreiheit in unserer Demokratie ist. Doch es gibt keine andere “Länderkritik”. Es gibt keine “Ägyptenkritik” ob der neuen Verfassung, keine “Spanienkritik” wegen der ETA, keine “Ungarnkritik” wegen der dortigen Autoritätsbestrebungen und eine “Deutschlandkritik” aus dem Ausland wegen irgendeiner Merkelgesetzgebung würde man sicher weit von sich weisen.

Die “Israelkritik” ist eine Erfindung der deutschen Linken, die sich nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 in einer politischen Massenverschiebung von Israel abwandte, während sich der Konservativismus dem jüdischen Staat zuwandte. Aus der legitimen Kritik am Verhalten israelischer Akteure wurde eine Ablehnung des Staates, die letzten Endes zu linken Bombenanschlägen auf Synagogen in Berlin und zur Separation von Juden und Nichtjuden durch deutsche Terroristen führte. Ich behaupte nicht, dass dies ein zwangsläufiger Weg ist, aber er ist beschritten worden und er geht ein in ein kulturelles Gedächtnis von Menschen, die Antisemitismus bekämpfen.


Ein recht einprägsames Kriterium für den antisemitischen Charakter von an Israel geübter Kritik sind die “Drei Ds”: Dämonisierung, Doppelstandard, Delegitimierung. Sie lassen sich, in verschiedenster Ausprägung und Stärke, ei Augstein finden.

Zur Dämonisierung gehört die rhetorische Gleichsetzung Israels mit dem Dritten Reich, gleichermaßen die Inversion. Wer behauptet, Israel behandle die Palästinenser so wie das Dritte Reich die Juden behandelt habe, betreibt Verharmlosung des Dritten Reiches ebenso wie eine Eingemeindung Israels in das allgemein akzeptierte Böse. Dazu gehören auch Teile der Wortwahl, die gerade für einen Journalisten zur Sorgfaltspflicht gehört. Wer, wie Augstein, Gaza als “Lager” bezeichnet hat sich vielleicht sehr selektiv Bilder angesehen: in der Stadt Gaza leben immerhin schon seit Jahrtausenden Menschen, sie dürfte wohl kaum als ”für das vorübergehende Verbleiben einer größeren Anzahl Menschen eingerichteter [provisorischer] Wohn- oder Übernachtungsplatz” (Duden) angesehen werden. Oder er betreibt eine rhetorische Nahesetzung Gazas mit Lagern, wie sie von Deutschen zwischen 1933 und 1945 in großer Zahl eingerichtet wurden.

Der Doppelstandard ist die weitestverbreitete Form antisemitischer Israelkritik. Würden die Maßstäbe, die an Israel angelegt werden, auch dem Rest der Welt gelten, viele Diskussionen sähen anders aus. Augstein beklagt, dass Frauen in einigen Teilen Israels als “Hure” beschimpft würden, wenn sie im Bus bei den Männern sitzen. So schlimm das ist,  es fehlt sein Aufschrei gegen Länder in denen Frauen getötet werden, weil sie vergewaltigt wurden. In einem Artikel über die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten, den er “Das Gesetz der Rache” genannt hat, erwähnt er die radikal-militanten Gegner Israels in genau drei Sätzen – und macht sie zu beinahe willenlosen Opfern Israels, die nicht aus eigener Kraft und Überzeugung den jüdischen Staat vernichten wollen, sondern von ihrem Feind dazu getrieben werden. Augstein beklagt die israelischen Grenzkontrollen am Gazastreifen und vergisst den ägyptischen Grenzübergang. Er legt in seiner Israelobsession Maßstäbe für die einzige echte Demokratie des Nahen Ostens an, die kein einziger Nachbarstaat auch nur ansatzweise halten könnte.
Dies soll nicht heißen, dass seine Kritik völlig verfehlt wäre. Es bleibt aber die Frage nach seiner Motivation, mit der Kritik beim fortschrittlichsten und freiheitlichsten Staat anzufangen, in dessen Grenzen arabischstämmige Bürger im Parlament sitzen während in den Nachbarstaaten Juden akut um ihr Leben fürchten müssen. Bevor Augstein diese Frage schlüssig beantwortet muss er sich den Vorwurf des Antisemitismus gefallen lassen.

Die Delegitimierung entspringt aus den zwei zuvor genannten Punkten. Wer Israel als das Böse ansieht, das den formulierten Maßstäben nicht gerecht werden kann, der fordert in letzter Konsequenz die Auflösung – entweder, wie Fatah und Hamas als “Palästina vom Mittelmeer zum Jordan”, oder oft als “Einstaatenlösung”, deren Spielart das Rückkehrrecht für Palästinenser ist. Die Delegitimierung ist aber nicht nur das Endprodukt, sondern auch der grundlegende Ursprung der antisemitischen “Israelkritik”: Wer die Notwendigkeit eines sicheren Hafens für die Juden der Welt negiert, der negiert ihre historische Verfolgung oder nimmt sie in Kauf.


Das Thema ist komplex, deshalb ist mein Text auch einigermaßen unstrukturiert. Es existieren einige Probleme in dieser Diskussion, die mit Definitionen und Wortwahlen zu tun haben. Die Unmöglichkeit der Verständigung darüber, wo Antisemitismus anfängt, trägt einiges dazu bei. Jakob Augstein wacht nicht morgens auf und denkt “Ich hasse die verdammten Juden”, er gerät nicht ins Schwitzen wenn er an einer Synagoge vorbei läuft, er hält die “Protokolle der Weisen von Zion” sicher nicht für eine echte historische Quelle. In der Diskussion wird er immer nur auf der angeblichen Liste der “Top-Antisemiten” geführt, dabei geht es auch mi “Anti-Israel slurs”. Beide Begriffe sind wesensverwandt und bedingen sich, dennoch wird der “Antiisraelismus” in der deutschen Presse kaum erwähnt, vielleicht, weil es kein sonderlich etablierter Begriff ist. Liest man Augsteins Texte und beobachtet man die Nahostberichterstattung in seinem “Freitag”, ist der Vorwurf des “Antiisraelismus” sicherlich vertretbar. 

Wir müssen offenbar zu einer Verständigung darüber kommen, was Antisemitismus ist. Das zeigt die Diskussion über Augstein, die über Grass und die über die Beschneidungsdebatte – liest man sich durch diverse Internetforen scheinen einige junge Menschen tatsächlich eine Art “Kinderschutzpatriotismus” zu entwickeln, einen Stolz darauf, das erste Land der Welt zu sein dass Juden diese “Körperverletzung” verboten hat. Wo ziehen wir Grenzen, und wie ziehen wir sie? Gibt es Redeverbote, und wenn ja, wo? Wenn eine Kritik an Grass und Augstein reflexartig den Vorwurf hervorbringt, man dürfe in Deutschland nichts gegen Juden sagen, wo bleibt dann der reflexartige Vorwurf, man dürfe in Deutschland nicht für Juden eintreten, weil einem dann sofort Zensur vorgeworfen würde? Wir können uns gerne noch Jahre lang im Kreis drehen. Dem Simon Wiesenthal Centre wird das ziemlich egal sein.

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